Modrows Stalinisten-Rentner schmeißen Journalist raus

Eigentlich hatte ich heute vor, über eine Rede von Hans Modrow zu berichten, dem früheren Dresdner SED-Bezirkschef, quasi Honeckers Gouverneur in einem Teil des von Ulbricht zerschlagenen Sachsen, das heute wieder als komplettes Land existiert. Eingeladen hatte ihn ein Verein namens Rotfuchs. Modrow wollte seine Sicht auf die „Vorkommnisse der Jahre 1989/90“ schildern, wie es in der inzwischen aus dem Netz gelöschten Veranstaltungsankündigung hieß. Die Räume dafür stellte die Volkssolidarität, ein gemeinnützig anerkannter Verein, der das Ende der DDR überlebte, heute Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband ist und nicht zuletzt von Steuergeldern lebt.

Schon die Vorbereitungen gestalteten sich drollig. Gegen Mittag rief ich im Landesverband der Volkssolidarität an, um mich zu erkundigen, in welcher ihrer Stätten Modrow auftreten werde. Die Dame am Telefon wusste es nicht und meinte, vermutlich handele es sich um eine Veranstaltung des „Rates des Stadtbezirks“. Sie sagte tatsächlich: „Rat des Stadtbezirks“. Den gäbe es schon lange nicht mehr, antwortete ich, das heiße heute Bezirksamt. Und sagte, dass das auch ganz gut so sei. Darauf sie, leicht befremdet: „Finden Sie?“ Und ich: „Sie etwa nicht?“ Sie ging dann nicht mehr weiter darauf ein.
Ich fand dann auf anderen Wegen heraus, dass Modrows Nostalgie-Show im Volkssolidaritäts-Heim an der Torstraße in Berlin-Mitte steigen sollte. Dort erkundigte ich mich wiederum telefonisch, ob ich eine Steckdose nutzen könne, um Strom für meinen Laptop zu haben. Ich sagte ihr, dass ich die Rede aufzeichnen wollte. Sie antwortete, das sei kein Problem.
Da hatte wir uns gründlich getäuscht, die Dame von der Volkssolidarität und ich. Als ich eine knappe Stunde vor Beginn eintraf, machte ich mich daran, mein Mikrofon aufzubauen. Sofort eilten rüstige Rentner herbei und entrüsteten sich. Wofür das denn sei, fragte ein Herr, der sich später, als ich ihn nach seinem Namen fragte, als Herr Heinz vorstellte. Ich sagte, dass ich Modrows Rede aufzeichnen wolle. Nein, sagte Herr Heinz, das ginge nicht. Ich fragte nach dem Grund. Herr Heinz meinte, man habe da schlechte Erfahrungen gemacht.
Ich brauchte einen Moment, um das zu kapieren, guckte dabei vermutlich etwas ratlos vor mich hin, lachte ihn dann aus und setzte mich erstmal auf einen freien Stuhl in den schon gut gefüllten Zuschauerreihen. Wenn schon nicht im Ton, dann wenigstens so wörtlich wie möglich mitgeschrieben, dachte ich. Und da ich schneller tippe als per Kuli auf dem Papier schreibe stöpselte ich mein Laptop-Ladegerät in eine nahe Steckdose. Da hatte ich mich schon wieder verschätzt. Eine aufgebrachte Rentnerin stürmte heran. „Wir haben Ihnen doch gesagt, dass wir das nicht wollen“, rief sie erbost. Ich wollte ihr den Unterschied zwischen einem Laptop und einem Mikrofon erklären, aber sie übertönte mich: „Sie halten uns wohl für doof!“
Während ich meinen Computer einpackte, stand auch Herr Heinz wieder neben mir und nahm mich ins Verhör. „Wozu brauchen Sie das, wer sind sie überhaupt?“ „Ich bin freier Journalist“, antwortete ich. „Haben Sie etwas gegen freie Berichterstattung?“ Herr Heinz grinste und wiederholte: „Wir haben da so unsere Erfahrungen.“ Außerdem habe er hier das Hausrecht.
Daraufhin verließ ich den Saal. Vor der Tür stellte mich ein weiterer Herr, groß gewachsen, eher Früh- denn Altrentner, dunkles, nachgefärbt aussehendes Haar. „Warum regen Sie sich so auf“, fragte er. „Weil ich es unmöglich finde, diese Rede nicht mitschneiden zu dürfen. Haben Sie vielleicht etwas zu verbergen?“ Der Frührentner verneinte. „Aber wir haben da so unsere Erfahrungen“, sagte auch er jetzt und erläuterte, Leute wie ich würden ja immer Dinge aus dem Zusammenhang reißen. Genau darum wolle ich die Rede ja aufnehmen, antwortete ich, damit hinterher dokumentierbar sei, was der Herr Modrow wirklich gesagt habe.
Aber genau das wollten die greisen Stalinisten des Rotfuchs-Vereins eben nicht.
Um jetzt selber mal eine Erfahrung zum Besten zu geben: Wer hinterher etwas liest, das ihm nicht in den Kram passt, ist heutzutage fix mit Gegendarstellungsbegehren. Darum sorgt man professionellerweise für ein hieb- und stichfestes Dokument. Herrn Modrow zitiere ich gewiss nicht freihändig. Also in diesem Fall gar nicht.
Und vermutlich war diese Vorgeschichte eh unterhaltsamer als es Modrows Schwadronieren über das Ende der DDR gewesen wäre.

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