Sudel-Ede, Löwenthal und die Potsdamer-Platz-Arkaden


Potsdamer-Platz-Arkaden in Berlin. Jeden Tag wälzen sich um die 100.000 Kunden und Neugierige an den Geschäften vorbei. Mit netten Aktionen unterstützt die Center-Leitung die Kauflust. Jetzt, vor Ostern, stehen auf der Hauptallee im Parterre 2,50 Meter hohe bemalte Ostereier. Bemalt und mit Info-Täfelchen versehen. Sie sollen „eine ungewöhnliche Sicht auf Berliner Befindlichkeiten“ bieten, gemalt und betextet von einem Künstler namens Knut Weise.

Eine dieser Befindlichkeiten trägt die Überschrift „Vor ’89 – Medienfront Berlin“. Die ist allerdings nicht besonders ungewöhnlich, sondern ungewöhnlich gewöhnlich. „Die Namen Gerhard Löwenthal und Karl Eduard von Schnitzler sind nicht voneinander zu trennen“, steht da. „Der eine, Antikommunist und scharfer Kritiker des SED-Regimes, moderierte viele Jahre den ‚Hilferuf von drüben‘, der andere, überzeugter Kommunist, von 1960 bis 1989 den ‚Schwarzen Kanal“. Und schließt mit der Anmerkung: „Deutschland ist trotzdem vereint.“
Trotzdem?
Was Gerhard Löwenthal betrifft: Zu dem passt dieses Trotzdem nicht. Der feierte kräftig, als die Mauer fiel. Schließlich gehörte er im Westen zu den letzten, die überhaupt noch eine Wiedervereinigung wollten. Weil er sich das partout von niemandem ausreden ließ, war er seit Beginn der 80er Jahre politisch isoliert. In der Union hatte er noch ein paar versprengte Fans. Regierungskonform war er jedenfalls nicht. Die Wiedervereinigung Deutschlands war für ihn kein Trotzdem, sondern ein Sieg.
Was Karl-Eduard von Schnitzler betrifft: Zu dem passt dieses Trotzdem. Der wollte in der Tat alles andere als eine Wiedervereinigung. Die Mauer fand er großartig. Er war regierungskonform wie kaum sonst jemand. Willfähriger Helfer von Ulbricht und Honecker. Steinzeitkommunist bis in den Tod.
Dieses Trotzdem ist nicht der einzige Unterschied zwischen diesen beiden. Schnitzler entstammt einer Bankiersfamilie. Einen seiner Vettern schmähte er selber als Bankier Hitlers, ein anderer Vetter war Verkaufsleiter des Chemiekonzerns I.G. Farben, dessen Unterschrift sich auf Lieferverträgen von Zyklon B findet, dem Gas, mit dem Juden und Nazi-Kritiker ermordet wurden. Schnitzlers schlimmstes Erlebnis war, dass er als Soldat in die Wehrmacht eintrat, sich beim Russland-Feldzug ein Knie verletzte und von den Engländern gefangen genommen wurde. Allerdings genoss er dort Vorzugsbehandlung, weil er von London aus BBC-Kommentare Richtung Deutschland senden durfte.
Löwenthal dagegen, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, überlebte knapp und dramatisch die Verbrechen, an denen Schnitzlers Vettern mitarbeiteten. Er war einige Zeit im KZ Sachsenhausen gefangen. Er kam wieder frei. Bis zum Kriegsende musste er versteckt in Berlin überwintern, behütet von seiner nichtjüdischen Mutter. Der Rest seiner Familie kam im KZ ums Leben. Den Einmarsch der Russen empfand er als Befreiung. Löwenthal war einer der wenigen hundert Berliner Juden, die die Nazi-Herrschaft überlebt hatten.
Als Student vertrat Löwenthal freilich andere Ansichten als die Sowjetmacht. Für seine kritischen Beiträge im Rias wurde er bedroht. Er schloss sich den studentischen Gründern der Freien Universität im Westteil der Stadt an. Schnitzler dagegen, inzwischen Kommentator beim NWDR in Hamburg, nahm 1945 Kontakt zur sowjetischen Militäradministration auf, geriet wegen seiner kommunistischen Einstellung in Konflikt zu den Briten und wurde 1946 gefeuert. Während Hunderttausende vom Osten in den Westen fliehen, zieht es Schnitzler in die SBZ, wo er dann seine bekannte Karriere hinlegt.
Löwenthal wurde vor allem als Moderator des ZDF-Magazins bekannt. Darin strahlte er seine „Hilferufe von drüben“ aus. Der Titel sagt, worum es dabei ging: Eben Hilferufe von drüben. Von Leuten, die bei der Republikflucht erwischt wurden, unerwünschte Meinungen äußerten oder sonst politisch mit der SED aneckten. Deren Schicksale machte er im Westen bekannt. Viele wurden daraufhin freigelassen oder in den Westen freigekauft.
Schnitzler tat etwas ganz anderes. Er schnipselte Tagesschau-Beiträge zusammen und unterlegte sie mit verlogenen und manipulativen Kommentaren mit dem Ziel, die Bundesrepublik als den schlechten und die DDR als den guten deutschen Staat darzustellen. Er rechtfertigte das System, aus dem die Hilferufe kamen. Vielleicht hätte er gern Hilferufe aus dem Westen gesendet. Gab aber keine. Und hätte es sie gegeben – nur mal fiktiv – hätte er sie vielleicht doch nicht gesendet.
Wer hätte auch um Hilfe rufen sollen? Eine Straftat namens BRF (Bundesrepublikflucht) mit all ihren Folgen gab es ja nicht. Aufmüpfigkeit war – und ist, hoffentlich noch lange – ebenfalls nicht strafbar. Höchstens karriereschädigend. Nur, wer seine Meinung schießend, bombend und mordend verkündete und verkündet, muss damit rechnen, weggesperrt zu werden. Allerdings nicht wegen seiner Meinung, sei sie noch so absurd, sondern wegen des Schießens, Bombens und Mordens. An dieser Stelle möchte ich einräumen, dass es nach Schnitzler eben doch noch ein paar Leute gab, die ostwärts flohen. Die aus der Schießer-, Bomber- und Mörderszene. Aus denen hätte Schnitzler seine Version der Hilferufe machen können. Hat er aber nicht. Weil sein Ethos nicht das eines Journalisten war, sondern das eines Ganoven, und die Hilferufer der RAF keine Opfer, sondern ebenfalls Ganoven.
Löwenthal dagegen war investigativer Journalist im klassischen Sinn. Er deckte Missstände auf. Mit Verlaub: Das ist etwas völlig anderes als Schnitzlers Ganoven-PR. Der Künstler Weise ist ja nicht der erste, der dennoch beide in einen Topf wirft. Kalter Krieger hüben, kalter Krieger drüben – ja, das klingt so wunderbar einfach, so bestechend simpel. Kann aber nur den überzeugen, der auch sonst keinen fundamentalen Unterschied zwischen Bundesrepublik und DDR sehen will, Demokratie und Diktatur nicht unterscheiden mag. Der einen Ganoven nicht von einem Journalisten unterscheiden will.
Und überdies höchst respektlos mit einer beeindruckenden deutsch-jüdischen Biografie umgeht. Sie sind ein Antifaschist zum Schämen, Künstler Weise.
Hinzufügen möchte ich, dass Löwenthal mit der Schwester meines Vaters verheiratet war. Darum finde ich es besonders unsäglich, dass diese Schnitzler-Löwenthal-Kombination im politischen Mainstream angekommen ist. Derart mittendrin, dass sie jetzt sogar zur Umsatzförderung der Potsdamer-Platz-Arkaden taugen soll.
  1. Robert

    Lieber Lemmer,

    wirklich lesenswert und ausgesprochen interessant. Treffend die Geschichte mit den „Hilferufen von drüben“ die in der anderen Richtung letztlich nur Rufe nach Komplizenschaft waren. Der Schwarze Kanal war eine von vielen schwarzen Stunden des geteilten Landes.

    Robert

Was denkst Du?