Copy-and-Paste-Journalismus: Schuld sind auch die Pressesprecher/-verhinderer.

Das Wehklagen ist ja nicht zu überhören. Der Journalismus werde immer schlechter. Einer schreibe vom anderen ab. Niemand bemühe sich mehr um hartnäckige Recherche. Als Schuldige stehen meist die Verlage (die die Personalbudgets zusammenstreichen) oder die Journalisten (die immer fauler werden) am Pranger.

 Dahin gehören aber auch Behörden, Unternehmen und Verbände. Die von ihnen beschäftigten Pressesprecher werden immer effektiver beim Verhindern unerwünschter Berichterstattung. Die Methode ist simpel. Sie erhöhen einfach die Hürden, die übersprungen werden müssen, um eine Auskunft zu erhalten.

 Es passiert mir inzwischen nur noch selten, dass ich eine Telefonnummer wähle und der Sprecher am Telefon einfach meine Fragen beantwortet. Gerade eben erst hatte ich wieder eine typische Situation. Eine Verbandssprecherin hörte sich Frage 1 und Frage 2 noch an. Dann wurde es ihr zu kompliziert und sie verlangte eine E-Mail, auf der ich mein Begehr zu notieren hätte. Damit hat sie schon mal einen Effekt erzielt: Sie hat meine Recherche verzögert, denn die Beantwortung einer E-Mail dauert eigentlich immer wenigstens ein bis zwei Tage. Häufig besteht die Antwort dann auch noch aus dreisten Banalitäten, etwa Verweisen auf alte Pressemitteilungen, zu finden auf der Homepage. Weitere telefonische Anfrage stoßen in der Regel auf Genervtheit, man habe doch schon alles beantwortet.

 Eine besondere Variante, kritischen Anfragen die Spitze zu nehmen, besteht darin, dem anfragenden Journalisten zu verbieten, den Pressesprecher wörtlich und namentlich zu zitieren. Bei sämtlichen Bundesministerien gibt es keine Auskünfte mehr, wenn man sich darauf nicht einlässt. Die Auskünfte, die die Pressesprecher erteilen, schreibt man in seinen Artikeln dann den ominösen „informierten Kreisen“ zu. Die Regierung steht damit an der Spitze der Transparenz-Verschleierer.

 Es geht auch anders. Eine weitere Recherche führte mich heute telefonisch zur Pressestelle der Österreichischen Bahn. Ich erwartete das Schlimmste. Stattdessen hatte ich auf Anhieb den richtigen Ansprechpartner am Telefon, der einfach meine Fragen beantwortete. Einschließlich diverser Nachfragen. Keine E-Mail, keine Ausflüchte. Dabei ging es um ein sicherheitsrelevantes Thema, für sein Unternehmen durchaus heikel. Das Thema betrifft auch die Deutsche Bahn. Der hiesige Sprecher, mit dem ich seit einigen Tagen Kontakt halte, ist zwar nett und bemüht sich sehr, aber die Recherche ist eindeutig aufwändiger.

Posted via email from | bitterlemmer |

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