X
    Categories: Yessay

Wer kannte Herta Müller, bis sie den Nobelpreis bekam? Und warum nicht?

Ich gebe zu: Ich hatte den Namen Herta Müller noch nie gehört, bis die Nachrichtenportale meldeten, sie habe den Literaturnobelpreis erhalten. Herta wer? Und dann auch noch aus Berlin? Das Nobelpreiskomitee hat ja schon gelegentlich merkwürdige Entscheidungen getroffen. Diesmal aber offenbar nicht. Etwas anderes erscheint mir jetzt merkwürdig: Dass ich – obschon interessiert an Literatur – nie von ihr gehört hatte.

Wie konnte das passieren? Herta Müller wurde in 24 Sprachen übersetzt. Offenbar gilt sie weltweit als große Autorin deutscher Sprache. Im eigenen Land schien das bisher wenig zu interessieren. Die Zahl der Rezensionen ist, wie längeres googeln und ein Blick auf perlentaucher zeigt, marginal. Man muss zu den wenigen Literaturprofis im Land gehören, die jede Rezension jedes Feuilletons lesen, um von ihr gehört zu haben. Die Literaturpäpste Deutschlands scheinen ein Problem mit ihr zu haben.

Allen voran Marcel Reich-Ranicki. „Ich will nicht über Herta Müller reden“, sagte er der dpa, nachdem die Nachricht vom Nobelpreis in der Welt war. Eine verräterische Aussage. Offenbar wollte er das nie, ebensowenig wie seine weniger bedeutenden Kollegen. Woran liegt das?

Iris Radisch schmäht ihren Roman „Atemschaukel“ als „parfümiert“. Die Frankfurter Rundschau kritisiert eine „poetische Schutzschicht“, die sie um ihre Worte wickle (was immer das heißen soll). Der Roman spiegele nicht jedermanns Wahrnehmung, bemängelt der Rezensent (bitte: welcher literarische Text tut das?). Die Taz wirft ihr „blanken Entbehrungskitsch“ vor. Kann es sein, dass der linke Hegemon im deutschen Literaturbetrieb einfach keine Lust auf Müllers Thematik hat?

Herta Müller ist Banater Schwäbin und schreibt über kommunistische Unterdrückung. Sie beschreibt die Deportation von Rumäniendeutschen in sowjetische Arbeitslager. Nicht unbedingt das, was die Linke in Deutschland lesen oder hören mag. Das reicht, um sie weitgehend zu verschweigen. Kein 68er würde darüber schreiben, womit das Thema als unerwünscht gelten darf.

Der Nobelpreis ist ein Schlag für den deutschen Kulturbetrieb. Danke, liebes Komitee. Ich werde mir dringend Bücher von Herta Müller besorgen – und dabei schadenfroh grinsen über die verdatterten Gesichter in den Feuilletons, zumal der FAZ. Die hatte am Sonntag schon mal vorab berichtet, Philip Roth bekomme den Preis. Tolle Zeitung, aber die Literaturabteilung war mir schon immer suspekt.

Posted via email from | bitterlemmer |

admin: