Ex-SED-Chef Egon Krenz schwelgt mit DDR-Grenzer-Veteranen in Sehnsucht nach der Mauer

„Am 24. Oktober findet in Petershagen das 24. Treffen ehemaliger Angehöriger der Grenztruppen der DDR und Sympathisanten statt. Thema: »Die Öffnung der Staatsgrenze der DDR am 9. November 1989 – ein Ereignis von historischer Tragweite und widersprüchlichem politischen Charakter.« Hauptreferent: Egon Krenz“

Mit dieser Notiz wirbt die linksextremistische Zeitung Junge Welt für ein Veteranentreffen der besonderen Art. Wer sich zu den Links-Reaktionären und ihren Sympathisanten zählt, die sich nach Mauer und Stasiknast zurücksehnen, wird diese Veranstaltung als heiliges Hochamt empfinden. Gehört man zu den Anständigen im Land, dürfte die Reaktion etwas anders aussehen.

Laute Empörung wäre jetzt angemessen, aber zu wenig und zu folgenlos. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Veranstaltung ausgerichtet und angekündigt wird, sagt ja einiges über den geistigen und historischen Zustand Deutschlands aus. Das politische Klima erlaubt es, dass der entmachtete Diktator vor seinen Mörderchargen dem Mauerfall relativ unwidersprochen einen „widersprüchlichen“ Charakter zuschreibt. Nur festzustellen, dass es sich dabei um einen Skandal handelt, reicht nicht.

Denn es ist nicht allein Genosse Krenz, der so redet. Es war nicht allein die SED, deren Führer Honecker die Mauer wenigstens weitere hundert Jahre sehen wollte. Auch die Linke im Westen – von der terroristischen RAF bis in die SPD – befürwortete die gewaltsame Teilung des Landes und sympathisierte teils freundschaftlich mit den Unterdrückern der DDR.

Geradezu freundschaftlich fühlte sich der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Krenz und Honecker hingezogen. Das dokumentiert der Brief Schröders an Krenz, dessen Repro oben zu sehen ist. Er hatte gerade die DDR besucht und lobte erfreut, wie „offen und informativ“ seine Gespräche dort liefen. Von Honecker zeigte er sich gar „beeindruckt“. Schröder stellt sein „arbeitsreiches Wahlkampfjahr“ 1986 in einen direkten Zusammenhang zum bevorstehenden Parteitag der SED und den kommenden Volkskammerwahlen – was schlicht absurd ist und auf mangelhaftes Demokratieverständnis deutet. Ein Ausrutscher war das eher nicht, wie Schröders legendärer Fernsehauftritt nach der Wahl 2005 oder seine Wertung Putins als „lupenreiner Demokrat“ nahelegen.

Das Ziel der Wiedervereinigung hatte die SPD schon sehr viel früher begraben. In den 80er Jahren hatte sie das gesellschaftliche Klima in Westdeutschland derart manipuliert, dass schon der Gebrauch von Begriffen wie „Wiedervereinigung“, „Deutschland“ oder gar „Patriotismus“ per se mit bräunlichem Nationalismus assoziiert wurde. Die SPD war damit nicht allein. Auch die FDP hatte sich vom Ziel der Wiedervereinigung verabschiedet. Wesentliche Teile der Liberalen teilten die Forderung nach völkerrechtlicher Anerkennung der DDR, was als dauerhafte Festschreibung der Teilung – damals verharmlosend „Status Quo“ genannt – gemeint war. Sogar die von Helmut Kohl geführte schwarz-gelbe Regierung schwenkte auf diesen Kurs ein. Als Redakteur des Rias empfing ich 1987 auf eher konspirative Weise von höherer Stelle den Rat, zurückhaltender über die Missstände in der DDR zu berichten. Der Jugendfunk, für den ich tätig war, gefährde das politische Ziel einer „Normalisierung“ der Beziehungen zur DDR. Offenbar stammte diese Botschaft von der frisch gewählten Ministerin für innerdeutsche Fragen, Dorothee Wilms, die sie dem damaligen Rias-Intendanten Peter Schiwy übermittelte, der sie dann seinerseits mündlich auf dem Dienstweg durchreichte. Wie es möglich sein sollte, die Existenz von Mauer und Schießbefehl quer durchs Land und mitten durch Berlin für normal zu halten, habe ich allerdings nie verstanden.

Egon Krenz, viele Jahre Anführer der Parteijugend FDJ, war einer der mächtigsten Männer im SED-Staat. 1973 wurde er ZK-Mitglied, 1983 Mitglied des Politibüros, 1984 stellvertretender Staatsratsvorsitzender. Er war der Kronprinz von Erich Honecker. 1989 war er als Leiter der zentralen Wahlkommission für die Fälschung der Kommunalwahl verantwortlich. Im Juni 1989 lobte er die blutige Niederschlagung des Studentenaufstands in Peking – hier sei „etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen“. Als er am 19. Oktober tatsächlich zum Nachfolger Honeckers bestimmt wurde, war das der letzte Versuch der SED, die alte diktatorische Ordnung auch in der DDR zu bewahren. Dass das Volk den SED-Staat satt hatte, hat er bis heute nicht verarbeitet – ebensowenig wie seine Freunde im Westen, die ihre Haltung zur DDR und damit zum Selbstverständnis des gesamten Deutschland bis heute nicht aufgearbeitet haben.

Nur vor diesem Hintergrund ist die Verklärung der DDR zu begreifen, dieses „es-war-doch-nicht-alles-schlecht“-Gerede. Dass Krenz jetzt ausgerechnet mit den unbelehrbaren Betonköpfen der früheren Grenztruppen die alten Zeiten beschwört, hat hohe Symbolkraft. Der verurteilte Polit-Kriminelle und Schreibtischtäter gemeinsam mit den Bewachern und Mauerschützen – hier ist die einzige Substanz zu besichtigen, die der DDR-Staat hatte. Mit Krenz und seinen Komplizen zu diskutieren ist vermutlich gänzlich sinnlos, diese alte Garde lebt nur noch für ihre Vergangenheit. Viel interessanter ist die Diskussion über das heutige Selbstverständnis Deutschlands. Dazu gehört etwa das Verhältnis der SPD zur Linkspartei, die ja identisch ist mit Krenz‘ SED – die Partei hat sich ja nie aufgelöst, sondern nur zweimal umbenannt. Wie es aussieht, hat diese Debatte gerade begonnen – wiederum im Osten, in Thüringen.

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