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“Da schwimmt sie”: Die PR-Ente um die tote Rosa Luxemburg

Es klang wie eine Sensation: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei die Leiche der KPD-Ikone Rosa Luxemburg in einem Museumskeller der Berliner Charité gefunden worden, behauptet der Chef der Berliner Rechtsmedizin, Michael Tsokos. Sein Vorgänger Volkmar Schneider und der Buchautor Klaus Gietinger wiederlegen seine Darstellung jetzt detailliert. Demnach ist etwas anderes wahrscheinlich – dass Tsokos einen PR-Coup gelandet hat, um die Auflage seines Buches zu befördern.

Am 25. November stellte das Rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité einen Werbelink für das Buch seines Chefs Michael Tsokos ein. „Bestseller: Taschenbuch ‚Dem Tod auf der Spur'“, heißt es da. Der Link ist inzwischen gelöscht. Die Seite, die sich dahinter verbirgt, existiert weiter. Sie zeigt ein Foto des Buchcovers, darauf Autor Tsokos, in dramatischem Licht und diabolischer Pose vor schwarzem Hintergrund fotografiert. Daneben ein Hinweis auf die Sensation im Buch: „Jetzt mit seinem neuesten Fall ROSA LUXEMBURG“.

Offenbar gibt es diesen Fall aber nicht. Stattdessen handelt es sich wohl um eine PR-Ente, auf die mehr oder weniger alle deutschen Zeitungen hereingefallen sind – und von der sich einige offenbar nur ungern trennen.

Tsokos behauptet, eine seit Jahrzehnten in der Charité lagernde Wachsleiche könne der Korpus der 1919 ermordeten KPD-Gründerin Rosa Luxemburg sein. „Ich kann das zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen“, zitiert ihn die Berliner Morgenpost, „die Wahrscheinlichkeit ist aber groß“. Jetzt müsse gar die Geschichte umgeschrieben werden, weil 90 Millionen Genossen jahrzehntelang das falsche Grab besuchten, als sie meinten, die Ruhestätte der toten Kommunistin zu ehren. Mehr noch: „Als Vergleich fällt mir da höchstens noch Ötzi ein“, die legendäre Mumie aus der Steinzeit.

Das sieht Tsokos‘ Vorgänger als Institutschef, Volkmar Schneider, anders. Schneider, langjähriger Leiter der FU-Rechtsmedizin im Westteil Berlins, hatte 2003 die ehemalige Ost-Berliner Rechtsmedizin mit übernommen. „Da gab es ein Museum mit zwei Leichen, darunter eine kopflose Wasserleiche“, sagte mir Schneider. Einer der früheren DDR-Ärzte habe ihm erzählt, es gehe schon seit Jahrzehnten das Gerücht um, es könne sich dabei um Rosa Luxemburg handeln. Schneider habe die Leiche daraufhin untersucht, fotografiert und geröntgt. Ein DNA-Test sei wegen des schlechten Zustands der Leiche technisch damals nicht möglich gewesen. Bei seiner Untersuchung habe er keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass das Gerücht zutreffen könne.

Er sei dann sehr überrascht gewesen, dass der Spiegel vergangenen Mai den vermeintlichen Sensationsfund vermeldete. „Nach Informationen des Spiegel könnte eine seit Jahrzehnten in der Charité liegende Leiche die Rosa Luxemburgs sein“, heißt es da. Praktisch alle Medien in Deutschland griffen das Thema auf. Tsokos verkündete, er sei an die Öffentlichkeit gegangen, um noch lebende Verwandte Luxemburgs ausfindig zu machen. Im Vorwärts sagte Tsokos: „Wir konnten zwar von der unbekannten Leiche ein DNA-Profil erstellen, aber es gab kein Vergleichsmaterial.“

Demnach könnte das Rätsel um die Leiche in der Charité längst gelöst sein – denn eine lebende Verwandte Rosa Luxemburgs wurde gefunden, und sie hat mindestens zwei Mal Haare und Speichel zum DNA-Vergleich gespendet. Es handelt sich um Irene Borde, eine fitte alte Dame, die in Israel lebt. Im Juli 2009 besuchte sie der Reporter Wendelyn Gabrisch im Auftrag der Bild am Sonntag. Als er in Berlin landete, hatte er eine Haarprobe und Speichel im Gepäck. Beides übergab er Tsokos.

Als ich einige Zeit später Tsokos fragte, welches Ergebnis seine Untersuchung gebracht habe, sprach er allerdings von Problemen. Der Reporter habe die Haare mit einer Schere abgeschnitten, die Haarwurzeln fehlten, die DNA könne deshalb nicht ermittelt werden. Die Speichelprobe sei mit einem nicht sterilen Wattestäbchen genommen worden und  deshalb ebenfalls nicht brauchbar – was freilich zweifelhaft klingt, denn dann wären auch DNA-Proben an Tatorten nicht verwertbar. Einige Wochen später war Frau Borde in Berlin, wo sie einen Kongress besuchte. Bei dieser Gelegenheit traf sie ausgerechnet Tsokos‘ Vorgänger Volkmar Schneider, der ihr noch einmal eine Haarprobe entnahm und seitdem bei sich zu Hause aufbewahrt. Schneider glaubt Tsokos‘ Darstellung nicht, die DNA-Proben, die er erhalten hatte, seien unbrauchbar. Wenigstens die Speichelprobe müsse verwertbar gewesen sein, sagte er mir.

Gründlich mit der Sache beschäftigt hat sich inzwischen der Buchautor Klaus Gietinger. Gietinger plant eine neue Veröffentlichung über den Fall und hat mir vorab einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er Punkt für Punkt Tsokos‘ These widerlegt. Dazu vorab noch dieses wichtige Detail: Am 31. Mai 1919 fischte ein Schleusenwärter die Leiche Rosa Luxemburgs aus dem Landwehrkanal. Sie wurde nach Zossen geschafft und dort von den damaligen Gerichtsmedizinern Strassmann und Fraenkel untersucht. Tsokos bestreitet allerdings, dass es sich bei dieser Leiche um Rosa Luxemburg handele. Hier setzt Gietinger an, der die Unterlagen aus dieser Zeit für seine Veröffentlichungen verarbeitet hat.

So behaupte Tsokos, die damaligen Gerichtsmediziner Fraenkel und Strassmann hätten nirgendwo den Namen Rosa Luxemburg vermerkt. Gietinger schreibt, das treffe nur auf das erste Gutachten zu, das vor der Identifizierung der Leiche angefertigt wurde. Im Zweitgutachten – nach der Identifizierung – „ist ständig von der Leiche Rosa Luxemburgs die Rede.“

Außerdem behaupte Tsokos, die Leiche weise keine Hinweise auf bekannte körperliche Merkmale Luxemburgs auf – „Lahmheit, watschelnder Gang'“. Tatsächlich sprachen sie aber von einer „mäßige(n) alten Wirbelsäulenverkrümmung“ und einer nach „außen ausgeschweift(en) linken Hüfte“. Das bestätigt auch Volkmar Schneider: „Dass ihr Gang auffällig gewesen sein soll, lässt sich durch die anatomischen Befunde … erklären.“ Gietinger zitiert zudem aus den Akten Maxim Zetkin, der sagte, Rosa Luxemburg habe nur gehinkt, „wenn sie müde war“.

Der nächste Punkt betrifft die Todesursache. Rosa Luxemburg wurde erschossen, das ist unstrittig. Tsokos sagt, laut damaligem Obduktuktionsbericht „gibt es nur einen Einschuss und keinen Ausschuss. Auch vom Projektil ist nicht die Rede“. Hier widerspricht Gietinger entschieden: „Dies ist schlicht falsch. Es wurde eine Eintrittswunde von 7mm, ein Schuss und eine ‚durch den Schuss bewirkte schwere Zertrümmerung der Schädelgrundfläche‘ festgestellt. … Selbstverständlich gingen die Forensiker davon aus, dass die Kugel auch ‚am rechten Unterkiefer ausgetreten‘ sei. Auch ein Schusskanal wurde konstatiert.“

Dann geht es um den Zustand der unbekannten Charité-Leiche – sie ist nicht nur durch Fäulnis schwer mitgenommen, es fehlen ihr auch Hände und Füße. Tsokos erklärt das damit, „seine“ Rosa Luxemburg sei mit Draht gefesselt und mit Steinen beschwert gewesen. Im Wasser habe der Draht die Gliedmaßen abgetrennt. Gietinger schreibt, keiner der Zeugen des – echten – Luxemburg-Mordes habe derartiges beobachtet. „Dies kann auch gar nicht sein, da nach den Originalquellen die Leiche Luxemburgs in aller Eile ‚über das Geträuch‘ in den Kanal geworfen wurde“. Die Wachen auf der Lichtensteinbrücke hätten ausgesagt, die Leiche sei hinterher unter der Brücke durchgetrieben. Darüber ist sogar ein wörtliches Zitat überliefert. Ein Leutnant Röpke habe dem kommandierenen Hauptmann Weller Meldung erstattet: „Soeben ist die Leiche der Frau Luxemburg in den Kanal geworfen worden, wenn Herr Hauptmann sie sehen wollen, da schwimmt sie“.

Zum Schluss wartet Gietinger mit einem etwas peinlichen Detail auf. Tsokos sagte dem Vorwärts, er habe sich „das Obduktionsprotokoll aus dem Militärarchiv Freiburg schicken lassen“. Nicht ganz, schreibt Gietinger. Er sei es gewesen, der Tsokos das Protokoll zur Verfügung gestellt habe, nicht ahnend, was er damit vorhabe.

Entscheidend in der Causa Luxemburg bleibt der DNA-Vergleich. Als ich Tsokos befragte, wann er seine Untersuchung veröffentliche, wich er aus. Er plane eine Veröffentlichung exklusiv mit dem Tagesspiegel, sagte er statt einer Antwort. Der Tagesspiegel ist in Berlin sein Leib- und Magenblatt. Dort hat er eine Kolumne mit dem Titel „Prof. Tsokos ermittelt“, in der er gern populäre Themen aufgreift, etwa den Tod des Pflegers von Eisbär Knut. Was der Abgleich mit seiner Wachsleiche brachte, dürfte er aber eher nicht an die große Glocke hängen.

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