Rosa-Luxemburg-PR-Ente – sie quakt noch

Erneut berichtet die Berliner Morgenpost über den „Arzt, der das Rätsel um Rosa Luxemburg löst„. Damit ist Michael Tsokos gemeint, Chef der Berliner Rechtsmedizin. Man kann den Artikel sehr fix überreißen, wenn man gleich auf den letzten Absatz kommt. Da steht folgendes:

„Auch, wenn viele Indizien dafür sprechen, dass es sich bei der unbekannten Fettwachsleiche tatsächlich um die tote Revolutionärin handeln könnte – der letzte (DNA-) Beweis fehlt noch immer. Tsokos hofft auf einen Treffer, der ihm eine Übereinstimmung von 99,99 Prozent liefert. Ein Haar von Rosa Luxemburg, ein Hautschuppen oder vielleicht ein Fingernagel.“

Spannend ist diese Aussage vor allem, weil sie offensichtlich falsch ist. Tsokos besitzt seit einem halben Jahr DNA-Vergleichsproben einer Großnichte von Rosa Luxemburg, die in Israel lebt. Allerdings behält er für sich, ob er sie untersucht hat und mit welchem Ergebnis. Sollte er sie verloren haben, könnte er seinen Vorgänger als Institutschef, Prof. Volkmar Schneider, bitten, ihm auszuhelfen. Schneider hat ebenfalls Proben einer noch lebenden Luxemburg-Angehörigen. Nur eine Andeutung gibt es jetzt: Das Verwandtschaftsverhältnis zu der Großnichte sei zu weitläufig. Heißt das, die DNA-Proben der Luxemburg-Großnichte und der Wachsleiche in der Charité passen nicht zusammen? Offen bleibt, warum Tsokos das anders sah, bevor er die Proben hatte.

Eher peinlich ist auch, dass Tsokos offenbar längst widerlegte Aussagen über seine Recherche wiederholt, etwa die, er habe sich beim Freiburger Militärarchiv die Obduktionsunterlagen der Luxemburg-Leiche aus der damaligen Zeit besorgt. Die hatte er tatsächlich von einem Buchautor, den er um Mithilfe bei seiner PR-Story bat, der aber nicht mehr mitspielte, als er merkte, dass Tsokos den ganzen Fall offensichtlich manipuliert. Eben dieser Mann, Klaus Gietinger, hat Tsokos‘ PR-Ente detailliert zerpflückt. Seine angeblichen Archivstudien, seine Recherchereisen – alles mehr oder weniger Schmus und wissenschaftlich wertlos. Steht auch alles hier.

In diesem Zusammenhang möchte ich jetzt dokumentieren, wie Tsokos offenbar recht gekonnt die Redaktionen manipuliert. Am 22. September schickte er mir diese E-Mail:

Sehr geehrter Herr Lemmer,

weder Herr Lier noch die Chefredaktion der Berliner Morgenpost hat
Kenntnis davon, dass Sie für die Morgenpost i.S. Rosa Luxemburg
recherchieren.

Mit freundlichen Grüssen

Prof. Dr. med. Michael Tsokos

Ich entnehme dieser E-Mail, dass Tsokos, von meinen Nachfragen genervt, Kontakt zur Redaktion aufnahm. Einige Zeit später, als ich dort das Luxemburg-Thema anbot, lehnte die Redaktion es ab. Es sei ja schon bekannt, dass die unbekannte Wachsleiche in der Charité wohl nicht, wie von Tsokos behaupt, Rosa Luxemburg sei. Nebenbei: Der heutige Artikel besagt etwas anderes.

Dass die Chefredaktion von meiner Recherche nichts wusste, ist freilich richtig. Als Freelancer recherchiere ich immer zuerst ein Thema und biete es an, wenn es fertig ist. Dabei stelle ich mich stets auch als freier Journalist vor. Freilich wusste Tsokos, dass ich gelegentlich für die Berliner Morgenpost schreibe. Weil er diesen und diesen Artikel natürlich kannte.

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