Frankfurter Allgemeine nennt Tsokos’ Rosa-Luxemburg-Theorie “absurd”

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bringt heute auf Seite 4 einen langen Text über die Affäre um die Wasserleiche in der Berliner Charité. Ich habe ihn mit einiger Erleichterung gelesen. Ich dachte schon, ich stünde mit meiner Einschätzung auf verlorenem Posten. Jetzt aber scheint das PR-Gebilde des Chefs der Berliner Rechtsmediziner ins Wanken zu geraten. Der Schaden, der da entsteht, dürfte beträchtlich sein. Vermutlich werden jetzt auch die Redaktionen der Berliner Zeitungen beginnen, sich zu fragen, ob sie da womöglich dem Falschen auf den Leim gegangen sind.

Der Artikel enthält wenig, was Leser dieses Blogs nicht schon wüssten. Am Ende bewertet Autor Uwe Soukup den Fall mit deutlichen Worten. „An der Vorgehensweise des Gerichtsmediziners irritiert, wie er mit den Erkenntnissen der eigenen Zunft verfährt, aber auch mit denen der Historiker.“ Der Autor seziert etwa Tsokos Anmerkung, die 1919 untersuchte Tote weise laut Obduktionsfotos keine Fesselungsspuren auf und müsse folglich eine andere als Rosa Luxemburg sein. Soukup: „Das ist absurd – die tote Revolutionärin ist nicht gefesselt worden.“

„Für seine Annahme spricht, genau betrachtet, nichts“, stellt Soukup fest. Da hat er recht. Möglicherweise verhilft sein Text jetzt auch den Kollegen der Berliner Zeitungen dazu, ihre Tsokos-Manie zu beenden. Denn die Geschichte um die PR-Ente Luxemburg ist auch eine Geschichte über den Zustand der Berliner Journalistenzunft.

Ich kenne mittlerweile ein halbes Dutzend Kollegen, die allesamt schwören, ein einmaliges und besonderes Verhältnis zum Chef der Rechtsmedizin zu unterhalten und im Zweifel als erste Informationen über heikle Todesfälle zugesteckt zu bekommen – vom Chef persönlich. Keiner dieser Kollegen hat freilich seit Tsokos‘ Amtsantritt auch nur eine einzige größere Geschichte aus dem rechtsmedizinischen Genre veröffentlicht – bis auf die PR-Themen, die Tsokos wohl eher aus eigenen wirtschaftlichen Interessen platzieren konnte. Das Versprechen scheint hier mehr zu wirken als die Realität, zumal Tsokos auch die Chefredakteure für sich eingenommen hat. Er besuchte mehrere Redaktionen, verkaufte sich großartig und versprach allen dasselbe. Und alle – einschließlich der Chefredakteure – nahmen es ihm ab.

Besonders peinlich ist das Verhalten des Tagesspiegel. Als ich einen Artikel über den holprigen Start Tsokos‘ als neu ernannter Chef der Berliner Rechtsmedizin einreichte, lehnte der stellvertretende Lokalchef den Abdruck mit der Begründung ab, so etwas störe das gute Verhältnis der Zeitung zur Charité. Ich bot den Text dann der Berliner Morgenpost an, die ihn – damals – gern druckte. Was der Tagesspiegel-Kollege meinte, wurde dann schon wenig später offensichtlich. Die Zeitung hatte Tsokos eine Kolumne angeboten, die er seitdem betreut. Der Titel lautet Quincy-mäßig: „Dr. Tsokos ermittelt“. Die Texte sind erschütternd banal. Und wie das so ist, wenn man journalistische Grundlagen in den Wind schreibt und Protagonisten zu nahe an sich heranlässt – da muss dann schon mal Kitsch bemüht werden, um auch das eigene Gesicht nicht zu verlieren. „Luft holen. Durchatmen. Ruhig bleiben“, dichtet eine mitfühlende Tagesspiegel-Kollegin, die sich nach Kräften müht, auf vielen Zeilen einen DNA-Befund zu erklären, der sich „nicht an das Skript“ gehalten hatte, „das diesem Film ein vorzeitiges Happy End bescheren sollte.“

Etwas mehr journalistische Distanz und Skepsis hätten schon gereicht.

Posted via web from | bitterlemmer |

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