Ein paar ökonomische Binsen: So verändert das Internet die Medien wirklich

Schlagworte gibt es zu Hauf: Kostenloskultur, Räubermentalität, etc. Und die augenfälligsten Folgen, die das Internet für Zeitungen, Fernsehen und Radio hat, sind auch hinreichend bekannt. Nicht die derzeitige Krise lässt Einnahmen und Auflagen schrumpfen. Vielmehr verändert sich das gesamte Gefüge. Warum das so ist, warum es unvermeidlich ist und was daraus folgt, spielt in der Debatte dagegen kaum eine Rolle.

Klassischerweise leben Unternehmen umso besser, je höher die Eintrittshürden für Konkurrenten sind. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern eine ökonomische Binse. Praktisch folgt daraus dies:

Zeitungen hatten in den letzten Jahrzehnten kaum Wettbewerb zu fürchten, weil die Produktion mit hohem Aufwand verbunden ist. Den scheuen Nachzügler, denn sie würden Millionenbeträge riskieren. Papier und Druckmaschinen sind teuer, ebenso eine Flotte von Lastwagen, ein Kiosknetz und ein vollwertiges Redaktionsteam. Außerdem verfügen gerade die deutschen Verleger über immenses Vermögen, das sie schon einige Male eingesetzt haben, um neue Anbieter gleich wieder zu vertreiben. Erinnert sei an die Versuche, Kostenlos-Zeitungen in einigen deutschen Märkten zu etablieren.

Diese Lage resultiert aus den Anfangstagen der Bundesrepublik. Wer 1945 eine Zeitung gründen wollte, benötigte eine Lizenz der Alliierten. Bis zum Auslaufen der Lizenzpflicht hatten die Verlage ihre meist lokalen oder regionalen Märkte abgesichert – als Monopolmärkte mit den ebenfalls volkswirtschaftlich binsen-wahren Monopolgewinnen.

Radio und Fernsehen sind bis heute Lizenzmedien oder gleich ganz in quasi-staatlicher Hand. Hier besteht die Hürde weniger im finanziellen Aufwand, vor allem im Radio. Ein Radioprogramm kostet nicht viel. Die Monopolgewinne, die früher die Telekom, heute ihre quasi-Nachfolgegesellschaft Media-Broadcast, als Anbieter der Sendeanlagen kassiert, bedeuten zwar etwa im Vergleich zu den USA einen höheren Kostenaufwand für die Sender, liegen aber trotzdem weit unter dem, was für Produktion und Vertrieb einer Zeitung fällig ist. Die Hürde für den Markteinstieg ist die Lizenz. Einige Bundesländer, voran Nordrhein-Westfalen, halten auf diese Weise lupenreine lokale Radiomonopole am Leben. Beim Fernsehen hat der Lizenzzwang die beiden Familien RTL und Pro7.Sat1 entstehen lassen. ARD und ZDF sind ohnehin keinen Marktgesetzen unterworfen, weil sie dank des gesetzlichen Gebührenaufkommens von derzeit 7,8 Milliarden Euro eine wirtschaftlich risikofreie finanzielle Basis besitzen. Ein Risiko besteht für sie nur auf der politischen Seite. Sollte es je dazu kommen, dass Rundfunkstaatsverträge vor ihrer Verabschiedung öffentlich kontrovers diskutiert werden, hätten sie ein Problem.

Der wesentliche Effekt des Internet besteht darin, dass die Einstiegshürden für neue publizistische Unternehmen massiv gesunken sind, eigentlich nicht mehr bestehen. Jeder kann heute mit wenig Aufwand ein Blog oder, wenn er mag, eine ganze Zeitung ins Netz stellen. Für die alten Medienfirmen ist das tragisch. Sie verlieren ihre privilegierte Marktstellung. In den USA ist diese Entwicklung weiter fortgeschritten als in Deutschland. Mit der Huffington Post oder zahlreichen Blogs, die in Wahrheit inzwischen große Medienunternehmen sind, etwa Gawker, haben Netzmedien die Zeitungen vielerorts schon gänzlich verdrängt.

Mit Kostenloskultur hat das nichts zu tun. Kostenlos ist auch das Internet nicht. Jeder zahlt für seinen Zugang, jeder zahlt Geräteabgaben an die Verwertungsgesellschaften (auch, wenn er das beim Kauf eines Computers nicht bemerkt), jeder zahlt seine Ware, wenn er in einem Online-Shop einkauft. Und jeder akzeptiert Werbung auf Webseiten, auf denen er Texte liest oder Bilder oder Videos betrachtet. Die bekommt er jetzt eben nur ohne den Aufwand für Papier und Vertrieb, und dank der gesunkenen Zugangshürden zum Markt hat er mehr Auswahl als je zuvor.

Die gesunkenen Zugangshürden haben noch einen Effekt, auch der eher eine Binse: Die Preise sinken, weil jetzt Wettbewerb existiert, wo vorher Monopole agieren konnten. Für die Anbieter ist das eine Herausforderung. Das Schlagwort „Content is the King“ stimmt nämlich wirklich. Im Internet zählt mehr und mehr, wie gut und wie gefragt Beiträge sind. Nicht die Macher befinden, was für Qualität zu halten ist, sondern die Nutzer und Kunden bestimmen es. Deren Macht ist gestiegen. Und die muss nur fürchten, wer seinem eigenen Produkt misstraut.

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