Das Ritual von Wootton Bassett um die gefallenen Afghanistan-Kämpfer

Hier soll es nicht um die Frage gehen, ob der Einsatz der Bundeswehr (und der anderen westlichen Länder) in Afghanistan berechtigt ist oder nicht. Hier soll es allein darum gehen, wie wir mit den jungen Männern umgehen, die dort ihr Leben riskieren und manchmal auch lassen.

Spalier für Gefallene in Wootton Bassett (Foto via bizz.bournemouth.ac.uk)

Eine würdige Methode für die Verabschiedung ihrer toten Soldaten haben die Bürger des kleinen südwestenglischen Ortes Wootton Bassett gefunden, und das eher zufällig. Eine Gruppe von Mitgliedern der Royal British Legion befand sich auf dem Fußweg zu einem Vereinstreffen. Da sahen sie eine Reihe von Leichenwagen vorüberfahren. Hinter den gläsernen Dächern erkannten sie den Union Jack auf den Särgen. Unter ihnen war auch der Bürgermeister, der dann beim nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt Lyneham anrief und sich erkundigte, wer da in den Särgen gelegen habe. Er erfuhr nicht nur, dass es gefallene Afghanistan-Soldaten waren, sondern ebenfalls, dass auch künftige Transporte durch Wootton Bassett führen würden, worauf er darum bat, die kommenden Transporte vorher mitgeteilt zu bekommen. Seitdem ist das Spalier für die vorüberrollenden Leichenwagen ein festes Ritual. Kurz vor der Einfahrt in den Ort kündigt das Läuten der St.-Bartholomew-Kirche den Zug an. Die Ladenbesitzer  sperren ihre Geschäfte zu. Gemeinsam mit Kunden und den Gästen des Pubs an der Hauptstraße stellen sie sich am Bürgersteig auf. Schweigend stehen sie da, nur etwa eine Minute. Dann ist alles vorbei.

Die Aufmerksamkeit der Bürger von Wootton Bassett sprach sich schnell herum. Auch von andernorts kamen Bürger, häufig auch Angehörige der Soldaten, die da in den Särgen lagen. Der pensionierte Armeechef Sir Richard Dannatt sagte dem Telegraph, er sei beim Anblick dieser stillen Menschenmenge tief bewegt gewesen, erst recht, als er gehört habe, dass die örtlichen Polizeibeamten die Straßensperren und Streifengänge während der Zeremonie in ihren Pausen erledigen und sich nicht als Dienstzeit zuschreiben lassen. Der konservative Stadtverordnete Allison Bucknall meint: „Manche Leute halten diesen Krieg für sinnlos. Aber hier geht es um den Respekt für Leute, die ihr Leben gelassen haben.“

In Deutschland liegen die Verhältnisse bekanntlich anders. Nach amtlichen Angaben starben um die 36 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Ob die Zahl stimmt, mag man anzweifeln, denn Soldaten zumindest der Eliteeinheit KSK waren schon lange vor dem ISAF-Mandat im Land und klagten im privaten Rahmen über ihre unzureichende Ausrüstung. Viele ihrer Fahrzeuge waren etwa am Unterboden nicht gepanzert, so dass Straßenminen fatale Folgen haben mussten. Es gab offenbar mehrere Zwischenfälle, über die aber nie öffentlich gesprochen wurde.

Der Spiegel versuchte sich vor einem halben Jahr an einer Infografik, um die offiziellen Angaben darzustellen. Eine Landkarte zeigt, wo in Afghanistan Soldaten starben. In fünf Fällen schaffte es die Redaktion nicht, die Details zu beschaffen. Diese Toten wurden „ohne Ortsangabe“ notiert. Nur 17 der 36 Toten werden mit Fotos gezeigt. Für die anderen zeichneten die Infografiker einen leeren Schattenriss.

Selten auch wird etwas über die Rückführung toter deutscher Soldaten bekannt. Vergangenen Juli gab es ausnahmsweise eine Trauerfeier, an der auch der Verteidigungsminister teilnahm. Die Berichterstatter richteten ihre Aufmerksamkeit dabei mehr auf die Wortwahl des Ministers (er nannte sie Gefallene, sprach aber nicht von Krieg) als auf die Toten, um die es ja ging. Keiner von ihnen wurde vorgestellt. Und so wollen es offenbar die politischen Führer: Die gefallenen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan bleiben anonym, nicht greifbar, daher auch kaum betrauerbar. Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit darauf lenken, bloß nicht das Thema von Krieg und Frieden vom Wähler diskutieren lassen.

Für die Familien der toten Soldaten dürfte die  Achtlosigkeit des Landes, für das sie starben, nicht gerade tröstlich sein.

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Es gibt einen aktuellen Anlass, der mich jetzt auf dieses Thema gebracht hat. Die islamistische Gruppe Islam4Britain will leere Särge durch Wootton Bassett tragen und damit gegen das Engagement in Afghanistan protestieren. Darauf mag sich jeder seine eigene Meinung bilden.

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