“Es ist zweifelsfrei die Leiche von Rosa”: Neue Dokumente über die ermordete Revolutionärin präsentiert. Tsokos bleibt trotzdem bei seiner These

Für die Überraschung des Tages sorgte der pensionierte Rechtsmediziner Gerhard Bundschuh. Bundschuh war heute Vormittag als Gast einer Pressekonferenz der sächsischen Rosa-Luxemburg-Stiftung und Historikern im Berliner Haus des „Neuen Deutschland“ erschienen, die mit historischen Dokumenten die Behauptung des Chefs der Berliner Rechtsmediziner, Michael Tsokos, widerlegten, eine in seinem Institut lagernde Wasserleiche sei der Korpus der ermordeten Rosa Luxemburg. Bundschuh kündigte ein eigenes Gutachten an, das dem simpelsten aller Indizien auf den Grund ging – nämlich einem Vergleich der Körpergrößen der Charité-Leiche und Rosa Luxemburgs. Sein Resultat: Die Charité-Leiche war zu Lebzeiten ca. 1,65 Meter groß, Rosa Luxemburg dagegen nur 1,49 Meter.

Außerdem, so Bundschuh, habe er die CT-Aufnahmen der Charité-Leiche gesehen. Sie zeigten völlig intakte Hüften. Die Frau habe zu Lebzeiten niemals gehinkt – anders als Rosa Luxemburg. Schlimmer noch: Tsokos habe all das gewusst, sagte Bundschuh. Demnach hat er „seinen Fall Rosa Luxemburg“, den er bis zum heutigen Tage auf der Webseite seines Instituts als Buchtitel bewirbt, vorsätzlich gefälscht. Am Rande der Veranstaltung sagte Bundschuh, er werde das Gutachten dieser Tage offenlegen und zudem an die Leitung der Charité übersenden. „Kunstfehler oder Scharlatanerie?“, überschreibt er seine Arbeit.

Werbung für Tsokos' Buch auf der Instituts-Webseite

Auch die Aussagen der Historiker auf dem Podium der Pressekonferenz hatten es in sich. Sie gingen Tsokos‘ Behauptung nach, die Leiche Rosa Luxemburgs sei nach ihrem Auffinden von Verschwörern beseitigt worden und auf ungeklärte Weise in seinem Institut gelandet, die damalige Obduktion dagegen an einer falschen Leiche vorgenommen worden. Die Historikerin Annelies Laschitza präsentierte zwei Telegramme, die das widerlegen. Eines der Telegramme hatte Luxemburg-Freundin Mathilde Jacob am 9. Juni 1919 an Clara Zetkin geschickt, nachdem sie die Tote in Zossen, wohin sie gebracht worden war, gesehen hatte. Sie schreibt: „Es ist zweifelsfrei die Leiche von Rosa“. Das zweite stammt von einem Kriegsgerichtsrat Ehrhardt. Somit hätten beide Seiten – Freunde wie Feinde Rosa Luxemburgs – ihre Identität bestätigt, resümierte Frau Laschitza.

Andere Details sind Lesern dieses Blogs schon bekannt, insbesondere die Recherchen des Autors Klaus Gietinger und die medizinischen Anmerkungen von Prof. Volkmar Schneider, dem Vorgänger Tsokos‘ als Leiter des rechtsmedizinischen Instituts.

Mit leiser Fassungslosigkeit reagierten die Historiker auf Tsokos‘ Aussage, er sei erstaunt, dass die Geschichtsforscher „erst jetzt ihre Arbeit machen“ und er erfreut sei, den Anstoß dafür geliefert zu haben. Es habe schlicht keinen Anlass gegeben und hätte ihr Empfinden von Pietät verletzt, die morbiden Details aus den Obduktionsberichten zu zitieren, merkte Frau Laschitza an. Es sei immer klar gewesen, dass damals die richtige Leiche obduziert wurde. Freilich hätten sie und die anderen beteiligten Historiker die Akten gekannt und gewusst, wo sie suchen müssten, um jetzt ihren Dokumentationsband zu erstellen.

Tsokos bleibt derweil dabei, es handele sich um einen „Fall Rosa Luxemburg“. Auf meine Nachfrage sagte er mir heute, „die Spurensuche geht ja weiter“. Sein „Ausschlussverfahren“ habe bisher keine Gegenbeweise gegen seine These erbracht. Tsokos bezweifelte auch die Stichhaltigkeit von Bundschuhs Berechnung der Körpergröße der Charité-Leiche. Bundschuh stütze sich allein auf ein Foto, das im Spiegel veröffentlicht gewesen sei. Seine Radiologen seien zu einem anderen Ergebnis gekommen. Mit der Forderung Gietingers und Schneiders konfrontiert, nunmehr seine Arbeiten offen zu legen, antwortete er, seine Unterlagen seien nicht geheim. Ergebnisse von DNA-Vergleichen finden sich darin übrigens nicht. Zwar habe er drei Vergleichsproben von noch lebenden Verwandten Luxemburgs erhalten, aber keine davon untersucht. Sie seien nicht aussagefähig, weil die Verwandschaftsverhältnisse zu weitläufig seien.

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Tagesspiegel, Junge Welt (das ich je eine Empfehlung auf die Junge Welt aussprechen würde, hätte ich bis gerade eben nie geglaubt…), ddp, nochmal Tagesspiegel

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