Causa Rosa Luxemburg: Noch ein handfestes Indiz dafür, dass Berlins oberster Leichenbeschauer Fakten manipuliert

Der Fall der unbekannten Wasserleiche in der Charité ist gelöst und die Frage, ob es sich um Rosa Luxemburg handelt, ist beantwortet. Sie ist es nicht. Dafür ist eine neue Causa eröffnet: Die Methoden von Berlins oberstem Leichenbeschauer Michael Tsokos und die Zustände in seinen Instituten.

Die letzte Neuigkeit zur Wasserleichen-Affäre ist grotesk. Sie betrifft das Isotopengutachten, das Tsokos in Kiel anfertigen ließ. Er folgert daraus, seine Wasserleiche passe zumindest in das zeitliche und örtliche Lebensumfeld von Rosa Luxemburg. Tatsächlich ist es ein handfestes Indiz dafür, dass Tsokos irrt.

In dem Gutachten heißt es, relativ hohe Werte eines bestimmten Stickstoff-Isotops „im Rippenkollagen können auch auf Hungereffekt (etwa während einer Inhaftierung) zurückzuführen sein“. Tatsächlich gab es während des ersten Weltkriegs wegen einer Blockade der Briten eine Hungersnot in Deutschland. Genau zu dieser Zeit war Rosa Luxemburg inhaftiert. Die Historikerin Annelies Laschitza sagt aber, aus den Briefen Rosa Luxemburgs gehe hervor, dass Freunde sie bestens mit Esspaketen versorgten. Der Hinweis auf eine Hungerphase bestätigt Tsokos‘ angeblichen Sensationsfund also nicht, sondern widerlegt ihn.

Weiter sei auf einen unerklärlichen Widerspruch verwiesen. Gestern erklärte mir Tsokos unmissverständlich und auf deutliches Nachfragen, er habe drei DNA-Proben noch lebender Luxemburg-Verwandter erhalten, aber keine davon untersucht. Nachfrage: Warum nicht? Antwort: Weil die Molekularbiologin seines Instituts das wegen der zu weitläufigen Verwandtschaftsverhältnisse für sinnlos hielt. Nachfrage: Wirklich keine einzige untersucht? Antwort: Nein.  Missverständnis ausgeschlossen. Diese Auskunft widerspricht dem, was der Tagesspiegel am 7. Oktober berichtete: „Als die Ergebnisse der DNA-Analyse auf dem schweren Holzschreibtisch von Michael Tsokos liegen, zerschlägt sich die Hoffnung der letzten Monate“, schrieb die Autorin mitfühlend. Ist es angemessen, festzuhalten, dass Tsokos mich demnach belogen hat?

Gänzlich skurril ist die Veröffentlichungspolitik Tsokos‘. Seit Wochen fordern sein Vorgänger Volkmar Schneider und der Autor Klaus Gietinger ihn auf, seine Untersuchungen zu veröffentlichen. Tsokos sagte mir dazu gestern, die seien doch gar nicht geheim. Wie ich heute mitbekomme, stimmt das teilweise, aber auf unerwartete Weise. Das Protokoll der Isotopenuntersuchung nebst dem alten Obduktionsbericht der echten Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1919 findet sich auf dem Server des Tagesspiegel, frei einsehbar für jedermann, einschließlich des handgeschriebenen Fax-Deckblatts, das Tsokos‘ Sekretärin an eine Tagesspiegel-Reporterin adressierte. Soll das etwa eine wissenschaftliche Veröffentlichung sein?

Gietinger und Schneider werfen Tsokos unwissenschaftliche Arbeitsweise und die vorsätzliche Manipulation von Fakten vor. Der Rechtsmediziner Bundschuh kündigte an, ein eigenes Gutachten an die Charité-Leitung zu schicken, das eine weitere Absurdität enthält – nämlich die Vermessung der Größe der Charité-Wasserleiche und die Feststellung, sie sei zu Lebzeiten einen guten Kopf größer gewesen als Rosa Luxemburg.

Die Causa Luxemburg ist erledigt, auch, wenn Tsokos das offenbar nicht wahrhaben will.

Nicht erledigt ist die Causa Tsokos und die Causa Berliner Rechtsmedizin. Diese Fälle beschäftigen sich nicht mit der Vergangenheit und den PR-Enten eines ehrgeizigen Buchautors, sondern mit den Fragen von Rechtssicherheit, Führungsfähigkeit und Totenwürde. Demnächst mehr dazu.

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