Der Wettlauf der Helfer um die Gunst der Medien nach dem Erdbeben in Haiti

Die überflüssigste Meldung des heutigen Tages verschickte die Christoffel-Blindenmission an die Redaktionen. Ein zweiköpfiges Expertenteam habe sich auf den Weg ins Krisengebiet gemacht, um „die Nothilfe mit den CBM-Partnern vor Ort zu koordinieren“. In der „CBM-Zentrale im hessischen Bensheim“ seien Berichte über „mehrere Todesfälle“ eingegangen, heißt es in der Aussendung.

Zweites Beispiel: Die Pressestelle der Kindernothilfe verbreitet:

„Der deutsche Nothilfekoordinator Ruben Wedel wird morgen in Port-au-Prince erwartet.“

Es folgen Sätze wie: „Für die Überlebenden müssen jetzt schnell Förderung und Schutz organisiert werden.“ Oder: „Mädchen und Jungen brauchen jetzt dringend medizinische und seelische Betreuung sowie Schutz.“

Die dritte Kostprobe verschickte das Hilfswerk World Vision. Sie beginnt mit der Ortsmarke „Port-au-Prince/Friedrichsdorf“ und diesem Einleitungssatz: „Nach dem Erdbeben auf Haiti hat die Kinderhilfsorganisation World Vision die höchste Einsatzstufe ausgerufen.“

So oder ähnlich meldeten sich heute Dutzende Pressestellen von Hilfsorganisationen zu Wort. Allen gemeinsam ist dies:

  • Jede von Ihnen scheint sich für die große Zentrale des Geschehens auf Haiti zu halten und formuliert entsprechend. Glaubt irgendjemand, eine Zeitung wird ihre Haiti-Berichterstattung morgen mir Formulierungen solcher Aussendungen beginnen?
  • Sie enthalten Allgemeinplätze, die wichtig klingen, aber tatsächlich völlig banal sind. Erstaunlich wäre, wenn Jungen und Mädchen in Haiti keine Hilfe benötigten. Dass es anders ist, ist exakt das, was jedermann erwartet.
  • Sie kochen offenbar alle ihr eigenes Süppchen. Ich möchte der Christoffel-Blindenmission wirklich nicht zu nahe treten – aber deren Expertenteam dürfte in Port-au-Prince derzeit etwas deplaziert sein. Es geht ja dort gerade ums schiere Überleben, egal, ob blind oder sehend.

Da ich heute das Thema Haiti für eine größere Tageszeitung betextet habe, möchte ich an die Adresse der Pressesprecher folgende Nachricht loswerden: Bitte beschränkt Euch einfach auf Eure eigenen Jobs und schenkt Euch allgemeine Abhandlungen zur Lage. Die brauche ich nicht von Euch, die schicken die professionellen Reporter der Nachrichtenagenturen an die Redaktionen. Ihr müsst Euch auch keine Mühe geben, besonders schön oder kunstfertig zu formulieren. Ein paar Stichworte, die die wesentlichen Fakten Eurer Arbeit vor Ort beschreiben, reichen, dazu Eure Spendenkontonummer – um die geht’s Euch doch eh (und uns auch). Manchmal können auch Zitate von Mitarbeitern vor Ort hilfreich sein, die möglichst anschaulich beschreiben, was sie persönlich dort wahrnehmen.

Alles andere braucht kein Mensch – und landet folglich unverwertet im Papierkorb.

Das wiederum dürfte für Euch nichts Neues sein. Weshalb es mich wundert, dass Ihr trotzdem wacker so tut, als wäre Eure Pressestelle eine Art Nachrichtenagentur. Ist sie aber nicht.

PS. Die Pressestelle des Auswärtigen Amtes war heute den gesamten Nachmittag über nicht zu erreichen, weil der Mitarbeiter, der sich um Haiti kümmerte, von Konferenz zu Konferenz hangelte. Die Sekretärin bat einfühlsam um Verständnis dafür, da ja eine außergewöhnliche Lage bestehe. Ich habe dafür aber kein Verständnis. Gerade, wenn die Lage außergewöhnlich ist, haben Pressesprecher zu tun, wofür sie da sind – nämlich Presseanfragen zu beantworten und nicht in internen Sitzungen zu sitzen. Nach Redaktionsschluss ist es nämlich egal, ob sie noch etwas zu sagen geruhen oder nicht.

Was denkst Du?