Fall Luxemburg: Rosas Großnichte verlangt Tsokos’ Rücktritt +++ Kungelei mit der Staatsanwaltschaft?

Die in Israel lebende Großnichte von Rosa Luxemburg, Irene Borde, hat sich in der Affäre um die unbekannte Wasserleiche in der Charité zu Wort gemeldet. Sie hält dem Leiter der Berliner Rechtsmedizin, Michael Tsokos, vor, er habe seiner Zunft geschadet. „Wird Prof. T. zurücktreten, nachdem er die deutsche Rechtsmedizin beschädigt hat?“, fragt Frau Borde in einer E-Mail an Tsokos‘ Vorgänger Volkmar Schneider.

Frau Borde lebt in Jerusalem und ist trotz ihres betagten Alters von 79 Jahren noch beruflich aktiv – als Wissenschaftlerin und Professorin für mechanisches Ingenieurswesen an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheba. Frau Borde hatte Haar- und Speichelproben für eine DNA-Untersuchung zur Verfügung gestellt, nachdem Tsokos die Behauptung aufgestellt hatte, eine Fettwachsleiche, die als Museumsstück in seinem Institut lag, sei der Torso der KPD-Gründerin Luxemburg. Eine erste Probe hatte sie dem Reporter Wendelin Gabrysch (Bild am Sonntag) in Jerusalem übergeben, eine zweite im August 2009 in Berlin an Schneider. Ob ihre Proben untersucht und mit denen der Wasserleiche verglichen wurden, ist derzeit nicht zu klären. Tsokos äußert sich auf entsprechende Fragen widersprüchlich.

Borde stützt ihr Ansinnen auf die Lektüre der Dokumentationen, die in den letzten Tagen zu dem Fall erschienen sind, darunter die Zusammenstellung von Prof. Schneider und das Gutachten des früheren Charité-Rechtsmediziners Gerhard Bundschuh. Bundschuh hat historische Unterlagen und die verfügbaren medizinischen Befunde der Charité-Leiche ausgewertet und kommt darin zu grotesken Schlussfolgerungen. So errechnete er, dass die unbekannte Wasserleiche zu Lebzeiten viel größer war als die nur 1,49 Meter kleine Rosa Luxemburg. „Die Luxemburg-Akte des Herrn Tsokos, ein peinlicher ‚Kunstfehler‘ oder Scharlatanerie?“ hat er seine Arbeit überschrieben. Bundschuh kündigte an, sein Gutachten auf dem akademischen Weg auch an die Leitung der Charité zu senden.

Die Untersuchung des Falls der Wasserleiche wirft derweil weitere Fragen auf. So ist bisher keine Antwort auf die Frage zu erhalten, mit welchem Motiv die Berliner Staatsanwaltschaft zum vergangenen Jahresende ein formales Ermittlungsverfahren aufnahm. Justizsprecher Martin Steltner antwortet bisher stets, der Tod der Unbekannten sei ungeklärt, das Verfahren daher reine Routine. Wann und auf welche Weise die Staatsanwaltschaft von der Toten erfuhr, sagt er bisher nicht.

Auch über den Ausgang des Verfahrens hüllt sich die Justiz in Schweigen. Nach meinen Informationen hat die Staatsanwaltschaft mit der Eröffnung des Verfahrens die offenbar immensen Kosten auf sich geladen, die Tsokos mit seinen Untersuchungen verursachte. Insider äußern den Verdacht, die Kostenübernahme sei das tatsächliche Motiv für das Verfahren gewesen. Steltner lehnte dazu eine Stellungnahme ab. Auf die Frage, was die Obduktion gekostet habe, antwortete er, er wisse es nicht.

Wie zu hören ist, soll Tsokos enge persönliche Kontakte mit einigen Staatsanwälten pflegen, etwa bei gemeinsamen Skiurlauben. Die Frage, warum Tsokos den Auftrag für die Obduktion erhielt und nicht ein anderes Institut, um den Verdacht der Befangenheit zu vermeiden, beantwortete Steltner bündig: Tsokos sei nach Ansicht der Staatsanwälte nicht befangen.

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