Die Potsdamer Staatsanwaltschaft hat das Todesermittlungsverfahren nach dem Tod des Berliner Rechtsmediziners Prof. Helmut Maxeiner beendet. Die Todesursache habe nicht geklärt werden können, sagte ein Sprecher. Klar sei nur, dass kein Fremdverschulden vorliege. Die Todesart lautet auf natürlichen Tod. Einige Rätsel bleiben, vor allem über die letzten Tage im Leben Maxeiners und sein wissenschaftliches Vermächtnis. Auffallend ist zudem die Wurstigkeit, mit der sein Institut und seine Fakultät ihn verabschiedeten.
Maxeiners Leichnam wurde im rechtsmedizinischen Institut in Potsdam untersucht, und zwar, wie zu hören, ungewöhnlich gründlich. Kollegen hatten spekuliert, er könne den Spätfolgen seines Fahrradunfalls im Jahr 2006 erlegen sein, bei dem er sich schwer am Kopf verletzt hatte. Das schlossen seine Obduzenten jetzt aus. Dagegen fanden sich in Bronchien und Luftröhre Anzeichen auf eine Entzündung, die aber keineswegs tödlich gewesen sein soll.
Maxeiner war am 22. November 2009 in Sputendorf bei Potsdam tot neben seinem Fahrrad gefunden worden. Er war 57 Jahre alt. Der Lenker des Rades war verbogen, offenbar nach einem Sturz. Neben dem Toten lagen zwei Spritzen. Sie sollen benutzt und verschmutzt gewesen sein. Möglicherweise haben Rettungssanitäter sie verloren.
Rätselhaft ist, was über den Verlauf der letzten Tage im Leben Maxeiners zu erfahren war. Die beiden Abende vor seinem Tod verbrachte er bei Doktorandenfeiern. Augenzeugen sagten, er habe gesund gewirkt und sei nicht erkältet gewesen. Außerdem hatte er etwa eine halbe Woche vor seinem Tod seine Büroablagen abgeräumt. Maxeiner stapelte für gewöhnlich bergeweise Unterlagen auf drei Schreibtischen, die in U-Form in seinem winzigen Arbeitszimmer standen. Spätestens am Donnerstag vor seinem Tod waren die Stapel verschwunden.
Zudem hatte Maxeiner sein wissenschaftliches Vermächtnis rechtzeitig geordnet. Seine Aufzeichnungen, Fotos und Dokumente hinterließ er einer Kollegin, die bei ihm gelernt hatte und die inzwischen Direktorin eines anderen rechtsmedizinischen Instituts ist. Ob er das im Wissen um seinen bevorstehenden Tod tat oder unabhängig davon ist nicht zu ermitteln.
Ungewöhnlich ist auch der unterkühlte Abschied seines Instituts und der Fakultät. Maxeiner war ein weltweit anerkannter Experte. Seine Veröffentlichungen über Kehlkopfangriffe und Kopfverletzungen gelten als wegweisend, von ihm entwickelte Untersuchungsmethoden als heutiger Standard in der Rechtsmedizin. Bei den Studenten war er einer der beliebtesten Profs. Auf dem Portal meinprof.de war er bis zu seinem Tod einer der höchst bewerteten Hochschullehrer Deutschlands. Dabei war er eher streng und sehr leistungsorientiert. Wer in seine Kurse wollte, musste zuerst eine Eingangsklausur bestehen. Eine akademische Trauerfeier gab es gleichwohl nicht. Der Vizechef des Instituts, Lars Oesterhelweg, behauptete auf meine Nachfrage, er wisse nicht, warum keine Feier ausgerichtet worden war. Intern, so ist zu hören, soll Oesterhelweg entsprechende Fragen eher rauhbeinig beantwortet und über Maxeiner gespottet haben. Die Charité-Pressestelle teilte mit, die Fakultät habe “eine Traueranzeige für Prof. Maxeiner aufgegeben und ihn in der Sitzung des Fakultätsrats ausführlich gewürdigt”. Zur Frage der akademischen Trauerfeier sei Rücksprache mit einem Kollegen vonnöten, der sich gerade in Urlaub befinde.
Institut und Fakultät setzen damit ein Verhalten fort, das sich getrost als Mobbing über den Tod hinaus bezeichnen lässt. Hintergrund sind die hasserfüllten Konflikte, die mit der Zuammenlegung der früheren Rechtsmedizin-Institute der Freien Universität (West-Berlin) und Charité (Ost-Berlin) aufbrachen. Die beiden Institutsleiter Schneider (West) und Geserick (Ost) waren erbitterte Rivalen. Umgangsformen, Kultur und Arbeitsweisen unterschieden sich. Als nach der Zusammenlegung die Ost-Rechtsmediziner vorübergehend ihren Dienst in den West-Räumen in Dahlem verrichten mussten, reagierten sie mit demonstrativer Ablehnung. Die bekam vor allem Maxeiner zu spüren, der von Freunden und Gegnern gleichermaßen als eher direkt denn diplomatisch beschrieben wird und dessen fachliche Unangreifbarkeit seine Gegner provozierte. Im Sektionssaal herrschte zeitweise Chaos. Einige der Ost-Ärzte weigerten sich aus Prinzip, Anweisungen Maxeiners zu befolgen.
Im Sommer 2006 hatte Maxeiner einen schweren Fahrradunfall. Ein Autofahrer hatte unbedacht die Tür geöffnet. Maxeiner war mit hoher Geschwindigkeit hineingerast und auf den Kopf gestürzt. Seine Verletzungen waren so schwer, dass er in ein künstliches Koma versetzt wurde. Tagelang schwebte er in Lebensgefahr. Er erholte sich dann aber überraschend schnell. Ende 2006 eröffnete Institutschef Volkmar Schneider seinen Mitarbeitern in einer Dienstbesprechung freudestrahlend, dass Maxeiner zurückkehren werde, derweil, wie Teilnehmer schilderten, die Gesichter der Ost-Kollegen versteinerten.
Im Januar 2007 übernahm der heutige Institutschef Michael Tsokos die Leitung. Er ergriff sofort Partei für die Ost-Seite. Die Ärzte des früheren FU-Instituts verließen nach und nach die Berliner Rechtsmedizin, wechselten zu anderen Instituten oder gaben den Beruf vollständig auf. Maxeiner war am Ende isoliert und fühlte sich angefeindet. Dafür gab es auch gute Gründe. So wusste er nach seiner Genesung zunächst nicht, wo er arbeiten sollte, weil Tsokos ihm keinen Raum zur Verfügung stellte. Wenig später erhielt er ein Schreiben einer Abteilung “Change Management Personal” der Charité mit der Aufforderung, er möge sich eine andere Beschäftigung in der Klinik suchen. Tsokos und die Charité-Leitung stellten dieses Schreiben, nachdem es an die Öffentlichkeit gelangt war, als Büropanne dar. Maxeiner bekam dann ein Arbeitszimmer – es handelte sich um den abgelegenen und engen Raum, in dem er bis zum Schluss arbeitete. Zudem entzog Tsokos ihm die Koordination der Lehre und beauftragte damit einen jungen Nachwuchsmediziner, der zu diesem Zeitpunkt seinen Facharzt noch nicht beendet hatte. Eine der ersten Entscheidungen des neuen Lehrbeauftragten war es, die Eingangsklausuren abzuschaffen. Tsokos behauptete damals auf Nachfrage, er habe Maxeiner lediglich entlasten wollen.
Dass Maxeiner unter den Zuständen an seinem Institut litt, wusste jeder, der vertraulich mit ihm umging. Er machte daraus kein Hehl. Aber wie sehr er litt, wusste er wohl nur selber.
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