- Der rätselhafte Tod des alten Mannes im Krankenhaus Meiningen (Thüringen)
- Zweitgutachter befangen? Neue Fragen im Fall des toten Mannes von Meiningen
- “Wenn Sie mit diesem Gutachten einem Verdächtigen einen Vorhalt machen, dann zeigt der Ihnen ein Vögelchen”
- Pathologe widerspricht Rechtsmedizinern: “Größte Wahrscheinlichkeit” für Strangulation, Erdrosselung, Erwürgen oder Erhängen
- Strangulations-Striemen vom Hemdkragen? Meininger Tageblatt greift den rätselhaften Tod des alten Mannes auf
- Rechtsmedizin-Chefin Mall: “Kann sein”, dass es dem alten Mann doch besser ging, bevor er starb
- Thüringer Allgemeine berichtet über “Rätselhaften Todesfall” und heftigen Streit in der Rechtsmedizin
- Obduktionsfotos zeigen den Hals des alten Mannes von allen Seiten
- Rätselhafter Todesfall in Meiningen: Prof. Volkmar Schneider bezweifelt Gutachten der Jenaer Rechtsmedizin
- Prof. Schneider empfiehlt Meininger Staatsanwaltschaft Ermittlungen im Fall Rudolf F.
- Mysteriöser Todesfall Rudolf F.: Obduzent widerspricht Institutschefin
- Todesfall Rudolf F: Kripo durchsucht Wohnung von Jenaer Rechtsmedizinerin
- Todesfall F. wird zur Justizaffäre: Warum durchsuchte die Rechtsmedizin-Chefin das Büro der Staatsanwältin?
- Staatsanwaltschaft Meiningen bestreitet Durchsuchung in Ermittler-Büro
- Sohn des toten Rudolf F. an Staatsanwaltschaft: “Ich dachte, die Jungs machen ihre Arbeit!”
- “Die Staatsanwaltschaft hat unsere Röntgenbilder verschlumpert”
Der Tod von Rudolf F. sieht nicht aus wie ein natürlicher Tod. Ein unabhängiges Gutachten, der Augenschein eines Unfallarztes auf das nebenstehende Obduktionsfoto (das nicht schön anzusehen ist – bitte nur klicken, wenn Sie es wirklich sehen wollen) und weitere Indizien sprechen dafür, dass da jemand gewaltsam nachgeholfen hat. Trotzdem stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein – weil ihr das Gutachten der Rechtsmedizin in Jena keine andere Wahl ließ. Läuft ein Straftäter frei herum, weil Ärzte sich irrten?
Rudolf Johann Paul F. wurde 1911 geboren und 96 Jahre alt. Als der erste Weltkrieg zu Ende ging, war er 7. Er erlebte den zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung, die DDR, die Wiedervereinigung und den Jahrtausendwechsel. F. war katholisch. Vermutlich hatte er sich darauf eingerichtet, demnächst auf natürliche Weise aus dem Leben zu treten. Dass er aber am 9. August 2007 unter ungeklärten Umständen und wohl nicht ganz gewaltfrei starb, dürfte er nicht erwartet haben.
F. war fünf Tage vorher offenbar rückwärts gegen einen Stuhl gefallen. Dabei schleuderte der Kopf nach hinten. Das vordere Längsband, das die Halswirbelsäule zusammenhält, brach. Keineswegs lebensgefährlich, aber schmerzhaft und ein Fall für das Krankenhaus. F. kam in die Klinik in Meiningen (Thüringen). Die Ärzte fixierten seinen Kopf mit einem sogenannten Stiffneck, einer Halskrause, wie man sie etwa nach einem Schleudertrauma bekommt. Außerdem legten sie ihn in die Intensivstation. Am Tag danach verschluckte er sich beim Essen. Speisereste rutschten in die Bronchien und lösten eine Lungenentzündung aus. Zwei, drei Tage ging es ihm schlecht. Er bekam starke Betäubungsmittel. Aber er erholte sich. Am Mittag des 8. August war er wieder beisammen und ansprechbar. Am Abend empfing er noch Besuch seiner Familie. Zuletzt war einer seiner Söhne bei ihm. Am nächsten Morgen fand ihn dann eine Pflegerin tot auf. Als sie ihm die Halskrause abnahm, staunte sie: Darunter fand sich eine scharfe, deutlich sichtbare Einblutung, etwa fingerdick, um die rechte Halshälfte. Rechtsmediziner nennen so etwas “zirkuläre Strangulationsmarke”. Der tote Rudolf F. war damit ein Fall für die Justiz.
Seine Leiche wurde im rechtsmedizinischen Institut in Jena obduziert. Bei der Gelegenheit fiel den Ärzten die nächste Überraschung auf. F’s Kehlkopf war gebrochen. Klares Anzeichen für grobe Gewalt. Davon erfuhren Kripo und Staatsanwaltschaft Meiningen und leiteten ein Ermittlungsverfahren ein. Eine Ärztin des Jenaer Instituts beauftragte den Pathologen Jozef Zustin vom UKE in Hamburg, die Kehlkopfverletzung genauer zu beurteilen. Zustins Gutachten ist eindeutig. Der Kehlkopf sei erst kurz vor seinem Tod gebrochen, sagte er auf meine Nachfrage. Das sei daran zu erkennen, dass der Körper noch nicht mit der Selbstheilung der Verletzung begonnen hatte.
Der Fall sorgte intern für Furore. Den Verantwortlichen des Meininger Klinikums war offenbar höchst unwohl angesichts der Vorstellung, in ihrer Intensivstation könne ein Patient getötet worden sein. Die Staatsanwaltschaft habe ein Treffen in den Klinikräumen einberufen, sagte Klinikchef Joachim Schaar auf meine Anfrage. Teilnehmer: Klinikpersonal, Ärzte des Jenaer Rechtsmedizin-Instituts, Staatsanwaltschaft, Kripo-Beamte. Worum es bei diesem Treffen ging, darüber schweigen allerdings alle Beteiligten.
Kurz darauf stellt die Jenaer Rechtsmedizin ihr Gutachten fertig. Erstaunlicherweise heißt es darin, F. sei offenbar eines natürlichen Todes gestorben. Die Rechtsmediziner legen sich auf keine Todesart fest, sondern bieten folgende Möglichkeiten an:
- Natürlicher Tod als Folge der Lungenentzündung, verursacht durch eingeatmete Speisekrümel
- Bruch des Kehlkopfes als Folge des Sturzes auf den Stuhl
- Strangulationsmarke wegen des möglicherweise zu stramm angelegten Stiffnecks
Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren daraufhin ein. Ihr Sprecher, Thomas Waßmuth, begründete diese Entscheidung mit dem Gutachten der Rechtsmediziner. An der Richtigkeit des Gutachtens gibt es aber inzwischen erhebliche Zweifel.
- Aus dem Meininger Krankenhaus ist zu hören, F. sei auf dem Weg der Besserung gewesen. Er habe tatsächlich an einer Lungenentzündung gelitten, deren Zustand sich aber besserte. Er sei trotz seines hohen Alters gut beisammen gewesen.
- Als F. in die Klinik eingeliefert wurde, war sein Kehlkopf intakt. Gegen die Theorie, F. habe sich den Kehlkopfbruch bei seinem Sturz zugezogen, spricht außerdem das Gutachten des Pathologen Zustin. Zudem war F. von hinten auf die Stuhllehne gefallen, nicht von vorn.
- Zur Frage, ob ein Stiffneck eine Strangulationsmarke wie bei F. verursachen kann, habe ich einen Mann befragt, der sich mit Stiffnecks auskennt und überdies selber häufig als Gutachter tätig ist, den ärztlichen Leiter eines öffentlichen Rettungsdienstes. Ich habe ihm das Obduktionsfoto geschickt. Seine Antwort ist unmissverständlich: “NIEMALS von einem Stiffneck. Eher Stromkabel, Telefonkabel, Seil, Draht o.ä..” *
Keine Auskunft zu der Affäre gibt es von der Chefin der Jenaer Rechtsmedizin, Gita Mall. Sie verweist auf “Rücksprache”-Bedarf mit der Staatsanwaltschaft.
Merkwürdig an dem Fall ist auch, dass die Kripo schon einen Verdächtigen im Visier gehabt haben soll. Verhören konnte sie ihn allerdings nicht mehr – weil die Staatsanwaltschaft wegen des rechtsmedizinischen Gutachtens die Akte schloss und das Verfahren beendete.
Jedenfalls bisher.
* Der betreffende Mediziner hat mich gebeten, seinen Namen aus meinem Blog zu entfernen, weil er Schwierigkeiten mit seinem Dienstherrn vermeiden möchte. In der Sache bleibt er bei dem, was er gesagt hat
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