Wahlkampfaffäre „Gelsengate“: Wasserversorger stellt „recherchierenden Journalisten“ seine Scanner zur Verfügung

Das wünsche ich mir auch in Berlin: Wasserbetriebe, die „recherchierenden Journalisten“ ihre Scanner zur Verfügung stellen. Einfach so. Kein Witz: „Wenn recherchierende Journalisten in den Räumen der GELSENWASSER AG in Gelsenkirchen erscheinen, stellt ihnen die Pressestelle des Unternehmens auf Wunsch auch technische Ressourcen wie Kopierer oder Scanner zur Verfügung“, schreibt Gelsenwasser auf seiner Webseite. Und fügt hinzu: „Einblick in gescannte Dokumente und deren Weiterverarbeitung nehmen wir selbstverständlich nicht. Die Beziehung zwischen unserer Pressestelle und Journalisten beruht auf gegenseitigem Vertrauen wie bei vielen anderen Pressestellen auch“.

Da dachte ich, in nunmehr 28 Berufsjahren hätte ich so ziemlich jeden Blödsinn schon mal gehört, und dann sowas. Und wie immer, wenn derartiger Quatsch geschrieben wird, steckt in Wahrheit etwas anderes dahinter. In diesem Fall ist es eine Wahlkampfaffäre, die den lustigen Namen „Gelsengate“ trägt. Man muss das kurz erklären, weil außerhalb Nordrhein-Westfalens und außerhalb des politisch-publizistischen Komplexes nur wenig darüber gesprochen wird. Die Kollegen der meinungsmachenden Medien finden Gelsengate offenbar nicht so sexy wie die Vorgeschichte, an die sich gewiss jeder erinnert: Das waren Vorwürfe wie der an CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, er habe sich gegen Geld für Termine bei Unternehmen buchen lassen oder der an die CDU, sie habe SPD-Chefin Hannelore Kraft ausspähen lassen.

In der Folge tauchten dazu bei offensichtlich SPD-nahen Bloggern reihenweise interne Dokumte auf. Die CDU begann, die undichte Stelle zu ermitteln und schaltete das Landeskriminalamt ein. Dabei gelang ein überraschender Erfolg: Da Scanner ihren digitalisierten Dokumenten einen individuellen Identitäts-Code beifügen, ließ sich ermitteln, wo die internen Papiere verarbeitet wurden – nämlich auf einem Scanner bei der Firma Gelsenwasser in Gelsenkirchen in der fünften Etage, dort, wo die Pressestelle ihren Sitz hat. Sogar die Uhrzeit, zu der die Dokumente gescannt wurden, sei anhand der Dateien feststellbar, schreibt der Kölner Stadtanzeiger.

Gelsenwasser ist ein öffentliches Unternehmen der guten alten Klüngelart. Träger sind die Städte Bochum und Gelsenkirchen, beide fest in SPD-Hand. Der Leiter der Pressestelle ist Felix Wirtz, früher Pressesprecher des einstigen grünen NRW-Ministers Michael Vesper. Den Vorwurf, eine Untergrundkampagne im Wahlkampf zu steuern, will der Wasserlieferant freilich nicht auf sich sitzen lassen und dachte sich darum die hanebüchene Story über die „recherchierenden Journalisten“ aus, denen man eben mal so die hauseigenen Scanner überlasse.

Ich habe darum gerade auf dem Kontaktformular der Gelsenwasser-Webseite angefragt, ob ich als ebenfalls recherchierender Journalist auch mal die technische Ausstattung der Firma nutzen darf und zu welchen Tageszeiten dort Zugang zum Pressestellen-Scanner besteht. Die Antwort steht noch aus. Ich werde sie nachreichen.

  1. Thomas

    Zur Unterstützung veröffentlicht die NRW-SPD auf ihrer Homepage
    die Webadresse des besagten blogs. Wer so grosszügig seine
    technische Ausstattung zur Verfügung stellt könnte der nicht Büro-
    räume , nein das trauen sie sich nicht – oder doch -.

  2. Das ist hier in NRW nichts Neues. Gestern habe ich im öffentlich-rechtlichen Radiosender WDR2 einen Beitrag über die Zulassung der Parteien zur Landtagswahl gehört. Da entblödete sich der Reporter doch alles Ernstes nicht, den schönen Satz "Die Linke wird zwar vom Verfassungsschutz beobachtet, aber ich glaube nicht, dass sie linksradikal ist" zu sagen. Aber das regt kaum noch einen auf, weil das in diesem Land seit Jahrzehnten immer so war.

  3. Noch so ein Ding: Auf Spiegel-Online wird heute wieder ordentlich Stimmung gegen Rüttgers gemacht. Da heisst es:
    "Seit die Landes-CDU ihn teuer an Sponsoren vermietete, kehrt ihm ausgerechnet der kleine Mann an Rhein und Ruhr den Rücken."
    (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686692,00.html)
    In Wirklichkeit hat das CDU-Büro solche Gespräche wohl angeboten (schlimm genug) , aber es hat kein einziges Gespräch gegeben und es ist kein Cent geflossen. Unterschlagen wird auch, dass Rüttgers' CDU in der aktuellsten Umfrage auf 38% zugelegt hat (die Bundes-CDU hat im Moment nur 34%). So weit zum Qualitätsjournalismus à la Spiegel.

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