Stefan Raab hat sich das Bundesverdienstkreuz verdient

Hätte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nicht gegen viele Widerstände privates Radio und Fernsehen durchgesetzt, dann wäre Stefan Raab Metzger geblieben. Raab hätte noch so tolle Ideen haben können, die grauen Gremienherrschaften in den öffentlich-rechtlichen Anstalten hätten ihn nicht mal auf einen Kaffee empfangen, geschweige denn, ihm die Gestaltung des deutschen Beitrags zum Eurovision Song Contest überlassen. Dank des Privatfernsehens, in diesem Fall Viva und Pro7, konnte sich Raab auch ohne ARD-Gremien auf den Weg machen. Dass der ihn auch zum Grand Prix führen sollte, hatte er bekanntlich schon früh auf dem Zettel. Raab hat sich ja immer in diese Richtung gedrängt, mit Guildo Horn, Max Mutze, seinem eigenen Beitrag und seinem Bundesvision Song Contest, der ja wohl nicht zufällig so hieß. Und jetzt hat er mit Lena einen gigantischen Sieg eingefahren, die grauen Herrschaften maßlos düpiert, Bohlen endgültig zum Proll-Prahler deklassiert und deutschen Pop international konkurrenzfähig gemacht.

Dass Lena an den Start durfte, verdankt sie Raab und seiner Methode. Wer sonst hätte einer Sängerin eine Chance gegeben, die nicht einstudiert wirkt, sondern echt und natürlich? Das wurde zwar schon oft geschrieben, aber im Detail muss man es trotzdem erklären. Deutsche Sänger (oder Moderatoren und Schauspieler) wirken fast immer bemüht. Wenn Pilawa interessiert in die Kamera guckt, dann sieht man, dass er jetzt denkt: Interessiert gucken. Wenn Lanz seine Stimme auf Betroffenheit moduliert, dann sieht man, dass er denkt: Betroffen klingen. Wenn ein Tatort-Kommissar angesichts der schlimmen Welt entgeistert flucht, dann sieht und hört man, dass er denkt: Entgeistert fluchen. Das Einschalten des Betroffenheits-Modus wird als bewusster Akt sichtbar. Bei Lena ist das anders. Als sie beim Grand-Prix-Finale in die Kamera zwinkerte, sah das aus, als sei ihr das gerade in den Sinn gekommen. Diese Fähigkeit ist eher für Hollywood typisch als für Hannover. Deutsche Fernsehfilme sehen anders aus als amerikanische. Das Licht ist anders, die Kameraführung, die Dramaturgie, die Dialoge. Wie auch amerikanische TV-Moderatoren anders auftreten, amerikanische Politiker anders reden und amerikanische Sänger anders singen als ihre deutschen Pendants. Mit weniger Worten, weniger Gesten und weniger Getue, aber dafür mit genau den notwendigen und richtigen Gesten, Taten und Worten zum richtigen Zeitpunkt, fokussiert und präzise. Und genau das hat Lena auch drauf, und Raab hat es erkannt.

Nicht nur damit hat der Mann eine Revolte angezettelt. Der Bundesvision Song Contest war nichts anderes als ein Sturmlauf auf die grauen Herrschaften und ihre gekünstelte Show-Welt. Raab stürmte so lange, bis der NDR die weiße Fahne hisste und einsehen musste, dass seine Art der Künstlerauswahl die Ausgeburt verklemmten Funktionärsautismus war und sogar der jährliche Hohn über die übliche Grand-Prix-Blamage langweilig wurde. Und jetzt, nach Lenas Triumph in Oslo, geht’s ja erst richtig los. Deutschland wird nächstes Jahr der Gastgeber des European Song Contest, und der NDR würde von wütenden Massen gestürmt, würde er einen anderen als Stefan Raab die Veranstaltung auf die Beine stellen lassen. Die ARD kann froh sein, dass sie bei der Vorentscheidung für Oslo ihre öffentlich-rechtlichen Popwellen hinzuspannen durfte (nachdem die Privatsender vorher beim Bundesvision Song Contest dabei waren und damit am Aufbau beteiligt, während die Öffentlich-rechtlichen hier nur schmarotzen).

Aber sie konnte nicht verhindern, dass Stefan Raab das deutsche Musikgeschäft endlich auf die Füße gestellt hat, von überflüssigem Beiwerk befreite und den Blick auf das Wesentliche richtete: Dass Musik Spaß macht und Menschen gut tut.

Dafür sollte er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Und zwar erster Klasse, am Band, vom Bundespräsidenten persönlich umgehängt (auch, wenn der dann nicht mehr Köhler heißt).

***

Sieh an, jetzt kommen auch die ersten Politiker auf die Idee. Die sollten sich aber zurückhalten, denn Raab hat ja schon geäußert, dass er genau dazu keine Lust hat: Politikern als Foto-Maskottchen zu dienen.

  1. Bundesverdienstkreuz find ich arg übertrieben. Denn wirklich viel gemacht hat Raab ja eigentlich nicht. Die Erfolge sind eher auf seine allgemeine Beteiligung zurückzuführen als auf irgendetwas, das er aktiv getan hätte: Sein Name in Verbindung mit einem Musik-Casting lockt ganz andere Typen an, ist also von vornherein schon ein Zeichen für Authenzität. Und wie bei ihm wird auch bei seinen Schützlingen das Privatleben abgeschottet, was ich SEHR GUT finde – was aber auch nicht primär Raabs Verdienst ist. Und es gibt doch kein Bundesverdienstkreuz allein dafür, ein Name mit einem riesigen Team im Hintergrund zu sein…

  2. Du spinnst wohl

    Das wäre so als würde man Andreas Meyer-Landrut heilig sprechen lassen.

    Komödie hat seine grenzen.

  3. … und der Kölner Flughafen muss nach ihm benannt werden.

  4. hmm, Bundesverdienstkreuz gibts für besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem oder ehrenamtlichem Gebiet. Besondere Leistung ist der Gewinn des ESC auf jeden Fall. Kulturelles Gebiet ist betroffen -> alle Gründe sprechen dafür. Raabs Verdienst ist ja nicht nur Lena erfolgreich zu promoten, sondern auch schon in den Vorjahren dort für Furore gesorgt zu haben. Cool wäre es wenn er es nicht annimmt. Bei der illustren Gesellschaft von bisherigen Ordensnehmern, muß man auf das Lametta nicht stolz sein.

  5. bitterlemmer

    @CarolinN : Sehe ich ja ganz anders. Er steckt hinter der Idee, er hat es geschafft, die nötige Fallhöhe aufzubauen, sich durchgesetzt und damit die Bühne gebaut. Ich finde, das ist nicht eine allgemeine Beteiligung, sondern gerade angesichts der Widerstände eine ziemlich heldische Nummer.

  6. bitterlemmer

    @Dentier : Schon, aber überleg mal: Wie end-uncool war der Grand Prix, als Raab (alias Alf Igel) Guildo Horn ins Rennen geschickt hat? Und wie cool war er schlagartig, als das Finale mit Horn lief?

  7. Da Köhler gerade zurückgetreten ist, solltest du jetzt verlangen: „Lena for President“.

  8. Was soll das?

    Was ist euch das Bundesverdienstkreuz noch wert?
    Warum wurde das Bundesverdienstkreuz überhaupt geschaffen und was muss man geleistet haben für das Deutsche Vaterland um es zu bekommen? Das sollten man sich erst mal fragen bevor man solch einen Vorschlag in die Welt setzt – wollen sie Deutschland lächerlich machen?
    Jedem Soldaten der in Dienst schwer verletzt wird oder gar sein Leben lässt gehört eher das Bundesverdienstkreuz als jemanden vor solch einen Quatsch.

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