Die Sehnsucht der Anne-Will-Runde nach der Planwirtschaft

Reiche suchen nur ihren Vorteil. Und wenn sie Geld spenden, dann nur für ihre Eitelkeit. Die Wucht der Schlagworte, abgefeuert von Klaus Kocks, dem früheren Volkswagen-Konzernsprecher, versenkte gestern Abend das Diskurs-Schlachtschiff der ARD, Anne Will. Der Unternehmer Ernst Prost (Liquy Moly) wechselte unter Kocks‘ Parolen-Beschuss die Fronten und die Journalistin Heather De Lisle, die ich kenne und mag, verzeifelte. Es ging um die hierzulande schwer umstrittenen Großspenden von Warren Buffett, Bill Gates und anderen US-Milliardären. Die Sendung kippte, als Kocks die Sachebene verließ und persönlich wurde, übrigens eine typische Methode derjenigen, die Unternehmertum an sich verdammen und für den starken Staat eintreten.

Die persönliche Attacke bestand darin, dass Kocks Heather inquisitorisch mit der Frage anging, wie denn Warren Buffett sein Vermögen gemacht hat. Natürlich ging es ihm darum, Buffett als Spekulanten zu entlarven und damit die Redlichkeit seiner Tätigkeit und die Lauterkeit seiner Motive als Spender in Zweifel zu ziehen. Anne Will verstärkte den Angriff noch. Die Frage, wie die Spenden zu beurteilen wären, war damit erledigt, und zwar tiefgreifend und grundsätzlich. Weil Reiche von übel sind, sind auch ihre Spenden von übel.

Eine Gegenthese wie die, dass Unternehmertum sogar ohne Stiftungen und Spenden von Wert für die Gesellschaft ist, hat sich dann niemand mehr getraut. Dabei liesse sich die sogar an Warren Buffetts Beispiel zeigen.

Im vergangenen November kaufte er die Eisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fe Corp. Mit 30 Milliarden Euro war es die größte Investition seines Lebens. Weil Buffett Geschäftsmann ist, darf man annehmen, dass er damit einen geschäftlichen Zweck verfolgt. Was ihn dazu motiviert, ist kein Geheimnis. Buffett glaubt offenbar, dass die amerikanische Wirtschaft langfristig wieder wächst und damit der Bedarf an Transportmitteln. Sein Plan dürfte darin bestehen, möglichst viele Passagiere und Fracht auf seine Schienen zu bringen. Das könnte sinnvoll sein. Bahntransport ist billiger, energiesparender und umweltfreundlicher als eine Armada von Trucks. Weil Warren Buffett Geschäftsmann ist, dürfte er sich darüber im Klaren sein, dass sein Geschäft nur dann funktionieren kann, wenn auch andere etwas davon haben. Transportfirmen, die ihre Frachtkosten senken könnten oder ihre Ware schneller ans Ziel bringen, Reisende, die bessere Verbindungen zu konkurrenzfähigen Preisen bekommen, Orte und Regionen, die besser an die Verkehrsnetze angebunden werden. Wenn seine Kunden nichts davon hätten, würden sie nicht in seine Bahn steigen. Buffett würde natürlich auch profitieren. Freilich hatte er auch die Fantasie und den Mut, überhaupt auf diese Idee zu kommen und sein Geld dafür auszugeben.

Buffett wäre damit auch ein schönes Beispiel gewesen, um die zu Sendebeginn von Unternehmer Prost noch vertretene These zu belegen, dass Unternehmer besser wirtschaften als der Staat (später wollte Prost auch auf Nachfrage nichts mehr davon wissen und schloss sich der Kocks-Fraktion an). Angesichts der Geschichten von Deutscher Bahn einerseits (ICE-Debakel, ausufernde Kosten, verwahrloste Bahnhöfe, lausiger Kundendienst, ungenießbare Bord-Bistros, etc.) und dem Erfolg der Buffett-Firmen dürfte klar sein, dass die Santa-Fe-Linie vermutlich eine goldene Zukunft hat. Die Klarheit eines unternehmerischen Geschäfts steht hier gegen den vorsätzlichen Wirrwarr aus politischen Debatten und Funktionärsinteressen, wenn es um Entscheidungen bei der deutschen Staatsbahn geht.

Gar nicht mehr diskutiert, sondern als Arbeitsgrundlage schlicht hingenommen wurde in der Anne-Will-Runde die Ansicht, der Staat brauche zur Erledigung seiner Aufgaben mehr Geld, u.a. mit der Begründung, es sei eine Schande, dass in Deutschland Menschen hungern müssten, wie Prost es ausdrückte (niemand wagte, zu widersprechen). Es fiel auch niemanden etwas auf, als einhellig die Zunahme der Tafeln in Deutschland festgestellt und als Beleg für das Hungerproblem in Deutschland interpretiert wurde (Hungerproblem?). Zu Beginn der Sendung hatte nämlich Prost noch darauf hingewiesen, dass der Staat noch nie so viel Geld einnahm wie jetzt. Niemand bestritt das – wie auch, es entspricht ja den Tatsachen. Die Diskutanten und Anne Will nahmen es also als gegeben hin, dass mehr Geld scheinbar einhergeht mit mehr Hunger im Land. Und dennoch fiel niemandem etwas anderes ein (außer denen, die schon beim Luftholen von Kocks oder dem Altkommunisten Dieter Dehm abgewürgt wurden) als die Forderung nach noch mehr Geld für den Staat. Über einen solchen Widerspruch einfach hinwegzugehen darf man getrost Propaganda nennen.

Vielleicht ist es systemisch, dass das Diskursflaggschiff des staatlichen Fernsehen die Sache so präsentiert.

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