Das ZDF und das Märchen von der wettbewerbstauglichen DDR-Wirtschaft

Jeder vierte Ostdeutsche stehe der Marktwirtschaft bis heute kritisch gegenüber, resümierte gestern Abend die ZDF-Reportage „Beutezug Ost“. Schuld sei die Treuhandanstalt, die schnelle Einführung der D-Mark, die Abwicklung der DDR-Industrie. Es ist die immer gleiche Legende, die exakt von denen gesponnen wird, die im Osten wie im Westen schlicht eines nie wollten: Die deutsche Einheit. Der Film stellte Unternehmen vor, die, so die Autoren, beispielhaft für die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Industrie stünden. Ein früherer DDR-Staatsbanker lobte, die DDR habe ihren Bedarf aus sich selbst heraus erwirtschaften können, anders, als die heutigen ostdeutschen Bundesländer, die auf Geld aus dem Westen angewiesen seien.

Das ist schon auf den ersten Blick völliger Schwachsinn, weil die Bundesregierungen seit Brandt ja ständig sogenannte Kredite nach Ost-Berlin überwiesen, die nie getilgt wurden, zusätzlich unbekannte Summen Erpressungsgeld für die Freilassung politischer Gefangener. Auf den zweiten Blick wird der Schwachsinn noch evidenter, weil die DDR einen wesentlichen Teil ihrer Rohstoffe nicht zu Marktbedingungen erhielt, sondern gegen die fiktive Verrechnungseinheit Transfer-Rubel aus den anderen RGW-Ländern, etwa Öl aus der Sowjetunion. Und drittens kann das Märchen von der prosperierenden DDR-Wirtschaft nur glauben, wer die DDR-Wirtschaft nicht erlebt hat. Wer sie erlebt hat, dem wird die folgende Anekdote sehr vertraut vorkommen, weil sie sich auf ähnliche Art überall in den Kombinaten und VEBs ereignet hat.

Erzählt hat sie mir der Jüterboger Fliesenleger Thomas Rausch. Der lernte sein Handwerk in einem Fliesenwerk in Meißen. Es handelte sich um einen für DDR-Verhältnisse mustergültigen Betrieb, dessen Ware auch im Westen geschätzt war. So geschätzt, dass die Funktionäre am liebsten die gesamte Produktion für Westmark nach drüben verkauft hätten. Das aber wussten die Arbeiter zu verhindern, und zwar durch, nunja, Sabotage.

An einem seiner ersten Tage im Betrieb fiel Thomas Rausch auf, dass sämtlichen Fliesen, die auf dem Fließband die Produktion verließen, eine Ecke fehlte. Wenig später sah er, wie die Fliesen maschinell nach dem Brennen aufs Band geschoben wurden. Das besorgte ein automatischer Stahlarm. Mit einem lauten Klack, das in der ganzen Halle zu hören war, knallte er jede einzelne Fliese an, die damit zwar auf dem Band landete, aber eben ohne die weggeklackte Ecke. Die ganze Produktion war im Prinzip versaut. Eigentlich gehörte ein Gummischutz auf den Stahlarm, der war aber weg. Als er den Meister fragte, warum niemand etwas tue, hörte der gar nicht hin. Auch die Kollegen taten, als sei alles bestens. Erst nach einer Weile kapierte der Neuling. Es handelte sich quasi um eine Art solidarische Subversion, denn die Fliesen ohne Ecke landeten gegen DDR-Mark bei DDR-Kunden. Ohne Sabotage wäre alles in den Westen gegangen. Allerdings übertrieben es die Meißner Fliesenbrenner, und so ganz ging die solidarische Rechnung auch nicht auf. Als Rausch nach seiner Lehre im Handwerksbetrieb seines Vaters anfing, lernte er, dass sich vor allem VEBs die trotz fehlender Ecke immer noch noble Ware unter den Nagel rissen, und zwar so zahlreich, dass sie nicht wussten, wohin damit. Also wurden sogar Schweineställe großflächig mit feinster Luxusbad-Qualität gekachelt, während der Normalbürger mit irgendwelchem Plastikzeug oder Ölfarbe vorliebnehmen musste.

Dieser Wahnsinn war System. Es nannte sich Planwirtschaft und endete überall dort, wo keine devisenträchtigen Rohstoffe (von Öl bis politische Gefangene) etwas einbrachten, in Not und Hunger. Wenn die DDR Industrieprodukte in den Westen verkaufte, dann über den Preis. Die DDR war ein Billiglohnland wie China vor zehn Jahren, nur ohne jede Entwicklungsperspektive. Der ZDF-Film hatte dafür auch ein hübsches Beispiel, nämlich den Kühlschrankhersteller BKK. Der produzierte zu DDR-Zeiten für Quelle unter dem Markennamen Privileg. Quelle zahlte BKK pro Kühlschrank 140 DM. Die Produktion, so rechneten die ZDF-Reporter, habe 82 DM gekostet. BKK behielt also etwas übrig. Dann aber sei die böse D-Mark eingeführt worden. Nur darum sei die Produktion plötzlich so teuer gewesen, dass jeder Kühlschrank einen Verlust von 220 DM einfuhr. An dieser Stelle beendete der ZDF-Film das Nachrechnen, weil ansonsten die These, die D-Mark sei Schuld, gleich in sich zusammengefallen wäre. Über die Frage, ob eine deutsche Sonderzone ohne Mauer denkbar wäre, in der die Menschen monatlich 700 M bezahlt bekommen, von denen jede einzelne ein Viertel einer DM wert wäre, muss man nicht lange nachdenken. Wir erinnern uns ja noch gut an die heißen Diskussionen um die Frage, wie ungerecht es sei, dass angeblich gleiche Arbeit nicht auch schlagartig gleich hoch entlohnt wird. Eine Selbstverständlichkeit, dass der Ex-DDR-Staatsbanker dann irgendwann auch noch das Wort Moral in den Mund nahm.

Dass Bezahlung mit Produktivität zusammenhängt, Produktivität aber erstmal wenig mit dem reinen Absitzen eines Arbeitstages, ist übrigens den meisten Menschen offenbar klar, auch im Osten. Die DDR-Nostalgiker des ZDF sagen ja selber, dass eben nur ein Viertel dort die Marktwirtschaft kritisch sieht, übrigens nur wenig mehr als der Anteil der früheren DDR-Nomenklatura oder der heutigen Linkspartei-Wähler. Die anderen drei Viertel haben die Reporter wohl nicht gesehen, weil sie sich gerade mit zwei Fingern ein Auge zugehalten haben, wie man das ja immer auf den Plakaten des zweiten deutschen Staats-TV sieht.

  1. Dr. Wolf

    Mit etwas Kenntnis in Makroökonomie würde man feststellen, daß das ZDF richtig liegt!
    http://www.ftd.de/wirtschaftswunder/index.php?op=ViewArticle&articleId=2191&blogId=10

    Ist übrigens Marktwirtschaft und keine Ostalgie!

  2. bitterlemmer

    Womit denn? Dass die DDR-WIrtschaft mit der westlichen konkurrieren konnte? Das Dilemma mit der Deindustrialisierung und der hohen Arbeitslosigkeit dem Westen und nicht etwa der früheren Planwirtschaft anzulasten ist? Das müssten Sie mir mal begründen.

  3. bitterlemmer

    @Eric: Bitte nicht so viele Details. Das könnte ja verwirren.

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