Ein 68er-Nachfahre verrät, wie Moskau und Ost-Berlin den Westen nach links bombten

Keine guten Zeiten für die Linke. Jetzt erscheint schon wieder ein Buch, dass das Zeug für eine ordentliche Debatte hat, womöglich schärfer und grundsätzlicher als die Debatte um Sarrazins Buch. Geschrieben hat es der frühere DKP- und SDAJ-Kader Peter Horvath. Der Titel: „Die inszenierte Revolte – Hinter den Kulissen von ’68“. Es ist die Geschichte einer Verschwörung, die in Moskau und Ost-Berlin gesponnen wurde, um den Westen zu destabilisieren und zu unterwerfen. Eine Inszenierung, in der die 68er-Bewegung in Deutschland eine Hauptrolle spielte. Im Grunde eine Enthüllung, belegt mit umfangreichen Funden in den Stasi-Akten, Zeitzeugen und Dokumenten.

Horvaths Ausgangspunkt ist der 2. Juni 1967, der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. Dieses Ereignis war der Startschuss für die Eskalation. Die Stimmung hatte sich schon in den Jahren zuvor aufgeheizt, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Die Zufriedenheit der Bevölkerung war in den Jahren des Wirtschaftswunders hoch. Scharfe Klassengegensätze gab es kaum noch. Schulausbildung und Berufschancen waren eine Selbstverständlichkeit. Nie zuvor in der deutschen Geschichte ging es den Leuten so gut. Und trotzdem entfachten die 68er erfolgreich eine fast bürgerkriegsähnliche Stimmung.

Wie war das möglich, und wer steckte dahinter? Horvath liefert eine Fülle an Details und Zusammenhängen, darunter diese:

  • Seit dem Sommer 1960 entwickelte die Sowjetunion einen langfristigen Plan. Phase 1 sollte eine friedliche Koexistenz vorbereiten. Die hatte de facto 1956 unter Cruschtschow begonnen. Phase 2 wurde als „Friedliche Koexistenz“ definiert, sollte von 1960 bis 1972 laufen und dazu dienen, den Zusammenhalt des westlichen Lagers zu untergraben. Die Bindungen an die USA sollten gelockert, innerhalb der USA der Isolationismus gestärkt, Frankreich aus der Nato getrieben und Deutschland an den Warschauer Pakt angenähert werden. Phase 3 war  von 1972 bis 1994 geplant und hatte die völlige Demoralisierung des Westens zum Ziel. Mit Phase 4 sollte ab 1995 die Überlegenheit des Warschauer Paktes zu einem „weltweiten Frieden“ führen. Horvath beruft sich hier auf die Aussagen des in den Westen übergelaufenen tschechischen Generals Jan Sejna.
  • 1960 baute SED-Politbüromitglied Albert Norden die Westkommission des Politbüros auf. Ihr unterstanden alle Strukturen, die die DDR für die Westarbeit eingerichtet hatte. Dazu gehörten die Parteigliederungen, die Patenschaften für Regionen und Aufgaben in der Bundesrepublik und West-Berlin zugewiesen bekamen, die FDJ, Gewerkschaften oder der Friedensrat der DDR. Mit Hilfe der West-KPD, dem für die Studentenrevolte maßgeblichen SDS, den West-Gewerkschaften und anderen Verbänden setzte die Ost-Berliner Führung ihre Themen auf die politische Tagesordnung des Westens. So entlarvt Horvath die Ostermarschbewegung etwa als lupenreine SED-Inszenierung.
  • Ebenfalls seit 1960 lud die SED Funktionäre von SDS und anderen Gruppen zu Kongressen und Seminaren in die DDR ein. Die Themen lauteten beispielsweise so: „Machtverhältnisse zwischen Imperialismus und Sozialismus“; „Neokolonialismus und nationale Befreiungsbewegungen“; „Mitbestimmung unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kanpitalismus“; „Bildung und Erziehung in Westdeutschland und der DDR“. Bei einer gemeinsamen Tagung vereinbarten SDS und FDJ-Zentralrat konkrete Aktionsthemen. Ganz oben stand der Kampf gegen die Notstandsgesetze der Bundesrepublik. Auch das Ziel, die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik zu kappen und einen souveränen Stadtstaat unter einer Räteregierung zu errichten, der dann später mit der DDR verschmelzen sollte, gehörte dazu.
  • Gleichzeitig wurden konspirative Strukturen geschaffen. Das Stasi-Ministerium baute informelle Geheimzellen auf, die überwiegend mündlich gesteuert wurden. In ihnen wurden „Tschekisten“ ausgebildet, Leute, die anschließend unter Legenden etwa als Republikflüchtling in den Westen einsickerten und dort für Einsätze bereitstehen sollten. Zu ihrem Training gehörte Schießen in allen Situationen und Bedingungen, z.B. Nachts. Horvath meint, auch der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras habe solche Trainings absolviert. Auch sein Wechsel von Ost nach West könne so inszeniert worden sein.
  • Als Indiz dafür, dass Ohnesorg vorsätzlich erschossen wurde, um die Stimmung anzuheizen, nennt Horvath nicht nur die bekannten Unstimmigkeiten über den Tathergang, sondern weist auch auf die schlagartig veränderten Beurteilungen Kurras‘ durch seine Führungsoffiziere hin. Bis zum 2. Juni 1967 beurteilten sie ihn als kühn, eigenständig und verlässlich. Jetzt sei er plötzlich schon immer ein schießwüter und uniformverliebter Waffennarr gewesen, dessen Gesinnung faschistisch angehaucht sei. So sah auch die APO Kurras (wohl auch dank der Ost-Berliner Beurteilungen), was vorzüglich ins Bild passte. Der Vorfall wurde propagandistisch als Vorgeschmack der Zustände unter den Notstandsgesetzen ausgeschlachtet.
  • Anlass für die Eskalation am 2. Juni war der Besuch des persischen Schah. Ausgerechnet gegen seinen Besuch legte die DDR keinen Protest ein, während sie sonst jeglichen Staatsbesuch oder Sitzungen von Bundestag und Bundesrat in Berlin vernehmlich als Verstoß gegen den Status der Stadt kritisierte. Im Westen hatte nicht zuletzt ein offener Brief von Ulrike Meinhof an Kaiserin Farah Diba die Stimmung befördert. Sie schrieb darin, 80 Prozent der iranischen Bevölkerung litten an erblicher Syphilis, 80 Prozent seien Analphabeten, der Schah sei mit Opiumhandel reich geworden. Meinhof reiste als Konkret-Redakteurin häufig in die DDR. Die SED hatte die Gründung und den Betrieb der Zeitschrift angeregt und finanziert.
  • In den Tagen danach wurde die Leiche Ohnesorgs von Berlin nach Hannover gebracht. Dazu setzten sich zwei Konvois in Bewegung. Die Autos wurden an den DDR-Grenzübergängen nicht kontrolliert – eigentlich ein undenkbarer Vorgang. Mehr noch: Die Transitautobahn wurde sogar für eineinhalb Stunden vollständig für den normalen Verkehr gesperrt. Am Straßenrand postierte die SED tausende FDJler in Blauhemden mit Trauerflor.
  • Nur eine Woche später nahmen 5000 Vertreter des SDS an einem Kongress in Hannover teil. Dort hielt Rudi Dutschke eine strategische Rede, die erstmals offen zum Bruch mit den „etablierten Spielregeln“ aufrief und allgemein als Aufruf zu gewaltsamer Revolution verstanden wurde.
  • Rudi Dutschke bleibt auch für Horvath eine dubiose Figur. Er weist darauf hin, dass der exakte Tag seiner Übersiedlung aus Luckenwalde im Osten nach West-Berlin je nach Quelle unterschiedlich angegeben wird, aber auf  jeden Fall zwischen dem 9. und 11. August lag, also unmittelbar vor der Abriegelung der Grenze und dem Beginn des Mauerbaus. Zu dieser Zeit soll Dutschke ein halbjähriges Volontariat bei der BZ absolviert haben, mit dem Ziel, Sportreporter zu werden. Rätselhafterweise gebe es aber bei Springer nicht den geringsten Hinweis darauf, und niemand in der Redaktion habe sich je daran erinnert, schreibt Horvath. Da es keinen Hinweis darauf gibt, wo sich Dutschke sonst während dieser Zeit aufgehalten haben könnte, stellt sich für ihn die Frage: Wo war er? Und er fand in Stasi-Unterlagen einen Hinweis. Demnach hat er sich in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) aufgehalten, möglicherweise, um dort für künftige Aufgaben vorbereitet zu werden.
  • Eine weitere Eskalation folgte nach den Schüssen auf Rudi Dutschke 1968. Horvath zitiert Dutschkes Freund Bernd Rabehl (inzwischen aktiver NPD-Helfer), der sagte: „Dutschke war immer überzeugt, dass der sowjetische oder DDR-Geheimdienst hinter dem Attentat stand“. Ein Motiv könnte gewesen sein, die politische Spannung wieder zu erhöhen. Gerade erst war der Vietnam-Kongress zu Ende gegangen. Dort wurden zwar Pläne für eine gewaltsame Stadtguerilla geschmiedet, aber nicht umgesetzt. Das Dynamit, das der italienische Verleger, Millionär und Kommunist Giangiacomo Feltrinelli nach Berlin gebracht hatte (wahrscheinlich hatte er es in der DDR erhalten) war nicht eingesetzt worden. Auch der Sprengstoff, den Dutschke selbst bei einem Attentat im Saarland einsetzen wollte (er war mit der Tasche schon angereist) explodierte nicht. Da passten die Schüsse, um wieder Öl ins Feuer zu gießen. Auch der Täter war perfekt für seine Rolle. Es handelte sich um einen geistig eher minderbemittelten Mann namens Bachmann, der nachweislich Sympathien für die NPD hegte, zu Hause ein Hitler-Bild an der Wand hatte und labil genug war, sich einige Zeit später das Leben zu nehmen. Damit konnte er dann auch keine Fragen nach Hintermännern beantworten.
  • Nach den Schüssen auf Dutschke beschuldigte der SDS sofort die Springer-Presse. Schlagartig wurden mehrere tausend Teilnehmer für einen gewaltsamen Sturm auf das Springer-Haus mobilisiert. Es fehlte nicht viel, und das Verlagshaus wäre in Flammen aufgegangen. Das passte zufällig wieder zu den strategischen Themen der SED. Sie führte einen Spezialkrieg gegen das Zeitungshaus, weil es bewusst nach Berlin gegangen war und den Plänen für eine Loslösung der Stadt vom Westen im Wege stand.
  • War es ein Zufall? Vom 5. bis 15. Juni 1969 trafen sich in Moskau Vertreter von 75 kommunistischen Parteien. Nach der Rede des Chefs der uruguayischen Kommunisten war der Chef der West-Berliner SEW an der Reihe. In Uruguay war Mitte der 60er Jahre die Idee der Stadtguerilla, genannt Tupamaros, entstanden. So nannte sich auch die West-Berliner Gruppe, aus der dann die Bewegung 2. Juni hervorging.
  • Anfang der 60er Jahre galt Kuba als vielversprechender Platz für die Ausbildung von Terroristen. Diese Idee wurde aber verworfen. Die USA konnten zu gut überwachen, was sich dort tat. Stattdessen wurden, wohl auf Initiative Moskaus, ab 1969 Verbindungen zur PLO genutzt. Auch hier spielte Feltrinelli wieder eine Rolle. Er verfügte über zahlreiche Beziehungen und vermittelte Kontakte. Die Tupamaros Westberlin erhielten ihre Ausbildung in Jordanien in einem Lager der Fatah. Dort wurde auch die erste RAF-Generation ausgebildet.
  • Erhebliche Anstrengungen unternahm die DDR, um das offizielle politische Klima in West-Deutschland und Berlin zu kippen. Dabei nutzte sie drei Instrumente: Regelmäßige Treffen in der DDR mit Vertretern von SDS und anderen Gruppen, auf denen Themen und Aktionen diskutiert wurden; konspirative Stasi-Mitarbeiter, die die Ausführung der Pläne kontrollierten, darüber nach Ost-Berlin berichteten und auf ihren Positionen für die gewünschten Resultate sorgten; schließlich Druck der legalen, von der DDR inszenierten Organisationen, voran die DKP. Sie sollte vor allem die SPD vor sich hertreiben und mit einer Mischung aus politischer Attacke und Unterwanderung nach links drängen.

Horvaths Buch beschreibt eine zeitgeschichtliche Phase, die bis heute politisch und gesellschaftlich nachwirkt. Die 68er-Bewegung war auf dem Marsch durch die Institutionen des Staates und die Medien erfolgreich. Die Maßstäbe, an denen Politik gemessen wird, folgen bis heute vielen ihrer Ideale. Horvath schreibt, er habe mit der Bewegung und seinen Überzeugungen 1986 gebrochen. „Seit mit Gorbatschow eine neue Offenheit die sowjetische Politik bestimmte, kamen Fakten zum Vorschein, die ich viele Jahre als Propagandalügen des Gegners ignoriert hatte“.

Die Trümmer dieser Zeit sind bis heute nicht weggeräumt. Ein drastisches Beispiel dafür ist der Prozess gegen Verena Becker (siehe hier), der am Donnerstag in Stuttgart beginnt. Sie ist angeklagt, zu den Mördern des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback gehört zu haben. Das war 1977. Erst unter dem Druck der privaten Recherchen seines Sohnes Michael wurde das Verfahren wieder aufgenommen. Er enthüllte unglaubliche Vorgänge. So wurden im ersten Verfahren unmittelbare Tatzeugen nicht gehört. Zahlreiche Akten verschwanden. Gewiss scheint nur, dass die Täter Akteure in dem großen Stück waren, das Horvath in seinem Buch beschreibt.

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Peter Horvath: Die inszenierte Revolte. Hinter den Kulissen von ’68. Herbig Verlag

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Überschrift nach einem Hinweis von Peter Horvath geändert: Als 1959 Geborener gehört er natürlich nicht zur Alterskohorte der 68er. Vielen Dank!

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