Gestrandet in Naumburg

Der Bahn sei Dank. Auch ich habe jetzt schon einmal einen Fuß auf Naumburger Boden gesetzt, wenn auch unfreiwillig. Der ICE, mit dem ich nach Berlin fuhr, legte dort eine unerwartete Zwangspause ein. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Dame kennen, die mir ausführlich über ihre Erfahrungen mit der japanischen Eisenbahn berichtete. Etwa über die lächelnde Verbeugung der Schaffner beim Betreten des Waggons, bevor sie den Gang durchschreiten und die Fahrkarten abstempeln. Oder die Leichtfüßigkeit, mit der sie von Platz zu Platz gehen, nie gestört durch unvorhergesehenes Ruckeln und Schütteln, weil der Shinkansen, wie man so sagt, wie auf Schienen gleitet. Oder die bemerkenswerte Sicherheit, mit der der Fahrgast vorausberechnen kann, wann er sein Ziel erreicht haben wird. Er muss nur in den Fahrplan gucken. Schon eine Minute Abweichung sorgt für Stirnrunzeln. Fünf Minuten lassen den Schaffner Entschuldigungen aussprechen.

Der ICE-Schaffner, der neben uns stand, versuchte die Lage zu retten, indem er sagte, man könne Japan nicht mit Deutschland vergleichen. Warum eigentlich nicht, fragte ich ihn, worauf die Dame lachte und der Schaffner nicht. Gerade erst hatte er unserer kleinen Runde auf dem Bahnsteig mitgeteilt, die Weiterfahrt verzögere sich „auf unbestimmte Zeit“. Der Fahrer eines entgegenkommenden Zuges habe „mehrere Personen“ über das Gleis laufen sehen. Die Fahrdienstleitung habe die Strecke daraufhin gesperrt. Ein Polizeihubschrauber sei aufgestiegen und überfliege jetzt den Schienenstrang, mit Wärmebildkamera, um herauszufinden, ob die „Personen“ noch im Weg herumstehen. Es war Mitternacht, und der Zug war schon in Nürnberg, wo ich zugestiegen war, mit 15 Minuten Verspätung eingelaufen. Eine brennende Mühle neben dem Gleis bei Petershagen sei dafür verantwortlich. Die anderen Fahrgäste ergänzten, der Zugchef habe in einer Lautsprecherdurchsage außerdem von einer Baustelle gesprochen. Der Schaffner zog sich diskret zurück, das Handy am Ohr haltend. Als es weiterhing hatte der ICE knapp zwei Stunden Verspätung. Dabei blieb es dann bis Berlin.

Für „Personen“, die auf Gleisen spazieren gehen, kann die Bahn natürlich nichts. Für anderes, das ich in den letzten Wochen immer wieder erlebte, dagegen schon. Es läuft etwas grundfalsch im Bahntower und beim Eigentümer, dem Staat.

Pünktlichkeit

Verspätet sich ein Zug um bis zu zehn Minuten, dann gilt das als pünktlich, erläuterte der Schaffner auf dem Bahnsteig. Mag sein, dass die Bahnchefs das so sehen. Landläufig bedeutet pünktlich einfach pünktlich, ohne Zusätze oder willkürlich festgelegte Toleranzen. Die bahneigene Definition von Pünktlichkeit ist verräterisch. Sie bedeutet, dass die Bahn nicht einmal den Ehrgeiz hat, ihre Züge pünktlich ins Ziel zu bringen. In seltenen Ausnahmefällen schafft sie das sogar. Neulich kam ich auf die Minute pünktlich in Stuttgart an. Alle andere Züge, mit denen ich in letzter Zeit fuhr, waren mindestens 15 Minuten verspätet.

Fahren auf Verschleiß

Ob der Schaffner beurteilen kann, wie gut die Züge gewartet sind, weiß ich nicht. Auch nicht, warum er folgendes sagte: Die Werkstätten seien überlastet. Für manche Arbeiten fehle die Zeit. Es gebe zu wenige Züge. Da werde dann eben manchmal nicht erledigt, was nicht wirklich dringend aussehe. Vielleicht sagte er das, um vor den Fahrgästen auf dem Bahnsteig in Naumburg sympathischer zu wirken. Vielleicht hatte er aber auch recht.

Das Märchen vom Hochgeschwindigkeitszug

Die Bahn stellt gern heraus, dass der ICE mit 250 Sachen, in neuester Version sogar mit Tempo 300 unterwegs sei. Ich fragte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, wie hoch der Streckenanteil im ICE-Schienennetz ist, auf dem diese Geschwindigkeiten wirklich gefahren werden. Er antwortete, zwischen Berlin und Hamburg, Berlin und Hannover oder auf der Rheinstrecke fahre er zwischen 230 und 300. Das war nicht meine Frage, was ich ihm auch sagte. Eine Antwort darauf blieb er schuldig. Wenn die schnellstmögliche fahrplanmäßige Fahrdauer zwischen Berlin und Nürnberg (380 Kilometer) bei vier Stunden und 27 Minuten liegt, dann liegt das Durchschnittstempo deutlich unter 100 Stundenkilometern. Die Geschwindigkeitsanzeige, die gelegentlich zwischen all den Werbebotschaften auf dem Wagen-Display erscheint, zeigt selten 200 oder mehr km/h an.

Kopfsteinpflaster-Schienen

Es erfordert gute Balance und schnelle Reaktion, durch den Gang zum Zugrestaurant zu wanken und zurück. Man geht wie auf rohen Eiern. Erstaunlich, wie ruppig Schienen sich befahren, die von außen ganz glatt aussehen. Die Frage, warum die Bahn sich teure Highspeed-Züge leistet, wenn die Gleise offenbar aus der Dampflokzeit stammen, habe ich für mich behalten. Ich finde sie trotzdem angebracht.

Stendal, Saalfeld, Naumburg – und das Ruhrgebiet

Was nützt der schnellste Zug, wenn er ständig steht? Wer in Berlin in den ICE steigt, möchte meist in eine Stadt wie Köln, Düsseldorf, Hamburg oder München. Beim Plaudern auf dem Bahnsteig in Naumburg (planmäßiger ICE-Bahnhof) stellte sich heraus, dass mehrere Mitgestrandete von der westfälischen Stadt Hamm nur deshalb je gehört haben, weil sich dort der vordere Zugteil vom hinteren trennt und nach Köln weiterfährt, während der hintere nach Düsseldorf rauscht. Freilich nicht am Stück, sondern Stop and Go. Jede Stadt mit Fußballverein ab dritte Liga ist ICE-Stadt. Der Grund dafür ist kein Geheimnis. Die Bürgermeister dieser Städte haben wild gekämpft, dass jeder von ihnen direkt per Fernexpress zu erreichen ist. Seien wir froh, dass die Kirchturmpolitiker nicht auch noch den Luftraum über ihren Rathäusern für ihren Dorfegoismus einsetzen können. Sonst müssten alle Flugzeuge womöglich jeden Grasplatz anfliegen, um Stück für Stück ans Ziel zu hopsen.

Vom Traum, ein echtes Unternehmen zu sein

„Wir wollen aus den Bahnhöfen raus“, begründete Bahnsprecher Fuhrmann die Ticketpromotion bei Facebook, die heute beginnt. „Neukunden“ gewinnen, weil auch die Bahn harter Konkurrenz ausgesetzt sei. Im Regionalverkehr liege der Marktanteil bei 80 Prozent. Das sagte Fuhrmann, als sei das wenig. Als ich ihn fragte, wie hoch der Marktanteil im Fernverkehr liege, war ihm das möglicherweise unangenehm. Es gelang mir nicht, ihn auf eine Zahl festzunageln. Er beharrte aber auf der salvatorischen Aussage, dass auch dort private Anbieter der Bahn die Fahrgäste abspenstig machen. Das ist, mit Verlaub, ein bisschen albern.

Das Monopol

Welche Auswahl hat denn ein Reisender, der von der Bahn enttäuscht ist? Mir fällt keine ein, außer, ich beschränke die Auswahl meiner Ziele auf die Minimalauswahl der Bahn-Konkurrenten. Ich könnte von Berlin nach Warnemünde fahren. Oder zwischen ein paar sächsischen Klein- und Mittelstädten pendeln. Da ist es zwar sehr schön, aber manchmal will man ja auch woanders hin. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es alternativ zur Bahn nicht Buslinien geben mag. Gibt es tatsächlich, wenn auch nur eine Handvoll. Aber auch sie gehören zur Bahn oder ihren Tochterfirmen. Das ist gesetzlich so geregelt. Kein privater Busunternehmer ist berechtigt, mich fahrplanmäßig von Nürnberg nach Berlin zu fahren, und nach Prag wollte ich gerade nicht (obwohl es dort auch schön ist). Der Wettbewerb, von dem die Bahn AG und ihr Eigentümer sprechen, ist eher eine Show, die Wettbewerb vorgaukelt. Denn der Eigentümer, der Staat, beschließt die Gesetze, die dafür sorgen, dass Mitbewerber schön auf Distanz bleiben. Das ist bequem für die Bahn AG, nicht so sehr dagegen für ihre Kunden.

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