Adrenalin pur: Gegen meine Mitfahrgelegenheit ist ein Bungee-Jump ein Gähner

Für einen normalen Menschen ist es aufregend, sich eine Gummi-Schnur um die Waden schnallen zu lassen und so gesichert von einer hohen Brücke zu springen. Wer einmal mit Student K. ein paar hundert Kilometer mitgefahren ist, für den wäre ein Bungee-Sprung ein Zeitvertreib, um den Adrenalin-Pegel wieder auf Normallevel zu senken. Es ist nicht so, dass K. unbeherrscht rasen würde, im Gegenteil. Manchmal klebte er mit Tempo 100 auf der linken Spur. Die Autobahn war schnurgerade und in jeder Richtung dreispurig. Kein Verkehr, jedenfalls nicht auf der mittleren Spur, auch nicht auf der rechten. Auch keine Tempobegrenzung. Es war einfach nur dunkel, wie es nach Sonnenuntergang eben dunkel ist. Aber K. klebte auf der linken Spur mit Tempo 100, und zwar so lange, bis schnellere Fahrer längere Zeit ihre Lichthupen blinken ließen.

Wenn K. dann die Spur wechselte, was er spürbar ungern tat, dann guckte er erst ausgiebig über die Schulter rechts nach hinten. Nicht weiter erwähnenswert ist, dass er dabei natürlich regelmäßig aus der Spur geriet, und zwar deshalb nicht, weil er auch dann regelmäßig aus der Spur geriet, wenn er nicht über die Schulter nach hinten guckte. Am Anfang, so das Stück zwischen Nürnberg und Bayreuth, passierte ihm das auch bei gerader Strecke, die er später etwas besser beherrschte. Er überfuhr dann wenigstens nicht mehr ständig die linken und rechten aufgemalten Markierungen. Wenn K. sich dann nach langem Blick nach hinten davon überzeugt hatte, dass wirklich kein Radfahrer sein Einscheren auf die mittlere Autobahnspur behindern könnte, scherte er ein, und zwar zackig. Er schlug das Lenkrad engagiert nach rechts ein, so dass sein Auto (über das gleich auch noch ein paar Worte zu verlieren sind) sich mit einem Ruck in die Rechtskurve warf. Erst im letzten Moment, also kurz nach überfahren der rechten Markierung der gewünschten Spur, riss er das Lenkrad nach links, so dass das Auto dann halbwegs parallel zum Straßenverlauf fuhr. Zum Glück ist das größte Stück zwischen München und Berlin dreispurig ausgebaut, so dass der Einschervorgang meist nur einen vorübergehenden Kollisionskurs zu einem Lastzug auf der rechten Spur bescherte und K. nur selten die Leitplanke ins Visier nahm.

Richtig Angst bekam ich allerdings auf dem Stück ab Bayreuth. Da ist die Autobahn kurvig, und Autobahnkurven kann K. nicht fahren. Jede Kurve setzte sich bei ihm aus unzähligen Ecken zusammen. Er traf nie den Kurvenradius. Nie! Er schlingerte wir irr vom linken zum rechten Spurrand und zurück, und weil er so beschäftigt war, zu erfassen, wie krumm die Kurve gerade war, bekam er nie mit, wenn die Kurve zu Ende war oder S-förmig die Richtung wechselte.  Ausgerechnet auf diesem Stück packte ihn der Ehrgeiz, mal ein bisschen schneller zu fahren. Ich mag schnelles Fahren prinzipiell sehr, nicht aber mit K. am Steuer, auf dem kurvigen Stück hinter Bayreuth, das zudem nass war, bei Temperaturen um minus 5 Grad. K. trieb seinen Opel Omega, Baujahr aus dem letzten Jahrtausend, mit 180 durch jedes Tempo-120-Sperrgelände. Dabei fuhr er immer auf der Mittelspur. Wenn es dann mit Karacho auf den Vordermann zuging, dann guckte K. ausführlich links über die Schulter, ob womöglich jemand Schnelleres von hinten links herrannaht, während die TÜV-Plakette des Vordermanns lesbar wurde. Im allerletzten Moment riss er das Lenkrad nach links und scherte in geschilderter Art auf die linke Spur, um auf der zu verharren, bis ihn von hinten jemand vertrieb, was meist erst etliche Kilometer später passierte, wenn die Strecke wieder gerade war und er wieder Tempo 100 fuhr. Manchmal, wenn alle Spuren voll waren, vergaß er einfach das Bremsen, was in seinem Fall nötig gewesen wäre, weil er die Technik des Gas-Loslassens zum langsamer werden nicht beherrschte. Er gaste eigentlich immer bis vor die Stoßstange des Vordermanns, um erst im allerallerletzten Moment auf die Klötzer zu treten, dass dann aber mit Schmackes.

Auch seine Körpersprache trug nicht dazu bei, seinen fahrerischen Fähigkeiten Vertrauen zuzumessen. Häufig beugte er sich weit vor und starrte geradezu durch die Frontscheibe, als könne er das Dunkel mit einer Art bösem Blick erhellen. Wenn das nichts nützte, rieb er sich erst das eine, dann das andere Auge, was dummerweise darin resultierte, dass er währenddessen das Lenkrad nur mit einer Hand hielt und noch heftiger zwischen den Begrenzungslinien schwankte als sonst schon. Und dass die ganze Zeit über sein Cockpit-Display die Alarmmeldungen „BREMSBELAEGE“ und „OELMANGEL“ anzeigte, machte die Sache auch nicht besser. Nein, K., wenn man in Berlin lebt und eine Fernbeziehung in München hat und fährt wie Du, dann lebt man gefährlich. Zu gefährlich, um noch einmal bei Dir zuzusteigen.

  1. vor solchen Autofahrern hab ich Angst, aber Opelfahrer sind ja meist etwas anders *lol*

  2. wiedermal ein hochgenuss …… ich habe tränen gelacht! XD

  3. Ganz großer Schreib-Spocht, Christoph :-)

  4. Ich brech ab – ein genialer Text!

  5. Silversurfer

    Den kenn ich auch, normalerweise ist er auch noch druckbetankt…

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