Die Frau, die heulte, als werde sie geschlachtet


Wer die Geschichte nachempfinden will: Erst Audio einschalten, dann lesen. Als ich den Aufnahmeknopf drückte, hatte ich den Klang schon eine Stunde im Ohr

Die Frau sitzt auf ihrem Koffer und heult hemmungslos. Mitten auf Bahnsteig 1 des Rosenheimer Bahnhofs, wo gleich der IC abfahren soll. Die Leute drehen sich in ihre Richtung und gucken. Eine Bahnbedienstete mit blauem Kostüm und roter Mütze redet auf sie ein. Aber die Frau sagt nichts. Heult nur völlig enthemmt.

Als ich den Bahnsteig betrat, war noch alles ruhig. Punkt halb sollte der Zug abfahren. Auf der Anzeigetafel waren fünf Minuten Verspätung angezeigt. Dann sprang die Anzeige um und zeigte eine neue Abfahrtszeit: 10.50 Uhr. Dazu eine Lautsprecheransage: Wegen einer Baustelle sei die Abfahrtszeit neu festgelegt worden. Wow, dachte ich, mit einer neu festgelegten planmäßigen Abfahrtszeit schafft die Bahn es vielleicht, ihre Verspätungstatistik zu verschönern. Züge sind nicht mehr verspätet, nein, es wird einfach die Abfahrtszeit neu festgelegt. Darauf ging ich in den hinteren Teil des Bahnsteigs, außerhalb des Schutzdaches, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu genießen. Und wie ich da mit geschlossenen Augen mein Gesicht in die Sonne halte, geht das Geflenne los.

Zuerst denke ich an ein Kind, dessen wichtigstes Kuscheltier verloren ging. Die Stimme ist zwar nicht so richtig kindlich, andererseits habe ich noch nie einen erwachsenen Menschen derart beim Heulen entgleisen hören. Ein schreiendes Heulen, laut, hemmungslos, dann ein schluchzender Atmer, dann der nächste Takt, eingeleitet mit einem lauten Schrei und sich überschlagener Stimme.

Ich öffne die Augen und guckt in die Richtung, aus der das Geflenne kommt. So richtig lässt sich die Lage nicht überblicken. Ein paar Leute stehen im Weg, ich erkenne nur die Bahn-Bedienstete mit ihrem roten Käppi, die sich nach unten beugt und offenbar versucht, etwas zu sagen. Dann fährt, unter lautem Geheul, der IC nach Hamburg Altona ein, nächster Halt München Ost. Ich steige ein und finde gleich einen Platz im Großraum. Das Geheul vom Bahnsteig ist durch die offene Tür nicht zu überhören. Die anderen Fahrgäste recken die Hälse und gucken irritiert. Ich hoffe, dass es endlich losgeht, sich die Tür schließt und Ruhe herrscht. Stattdessen schwillt der Heulpegel schmerzhaft an – die Frau betritt offenbar den Zug, ausgerechnet meinen Waggon. Ich höre einen Mann auf sie einreden, wohl der Schaffner. „Beruhigen Sie sich doch“, sagt er, aber die Frau heult nur noch lauter, fast schon wütend kreischend. Die anderen Fahrgäste gucken betreten in die Richtung, aus der es heult. Man hört die Abteiltür am Gang klappen, es wird etwas leiser, aber nur etwas, das Heulen dringt jetzt durch die Wand heran. Der Zug fährt ab. Eine andere Bahnmitarbeiterin erscheint im Großraum und gibt eine Erklärung ab. Sie bedaure die Unannehmlichkeit, man wisse nicht, was mit der Frau sei. Sie sei nicht ansprechbar. Sie wolle wohl zum Flughafen, aber mehr habe sie nicht verraten.

Und so fährt der Zug weiter Richtung München. Die Frau heult, nur gelegentlich hustet sie, nimmt dann neuen Anlauf und startet eine neue Strophe, immer noch lauter und heftiger als die vorherige. Die Fahrgäste entspannen sich allmählich. Unsicherheit und Anspannung weichen aus den Gesichtern, man liest wieder seine Zeitung oder schwatzt mit dem Nachbarn. Als ein Mann von der Toilette zurückkehrt und beim Öffnen der Tür das Heulen wieder lauter zu hören ist, gucken einige in seine Richtung. „Ich habe nichts mit ihr gemacht“, sagt er.

Dann nähert sich der Zug endlich München. Auf dem Gang sehe ich dann zum ersten Mal die heulende Frau durch das Glas der Abteiltür. Sie liegt auf einer Sitzbank, das Gesicht nach unten, und ihr ganzer ziemlich massiger Körper schüttelt sich mit jedem Heuler. Beim Aussteigen höre ich den Schaffner, wie er die Frau bittet, sich zu erheben, die Fahrt sei für sie hier zu Ende. Er wuchtet ihre riesige blaue Reisetasche auf den Bahnsteig. Sie setzt sich darauf. Jetzt erkenne ich auch ihr Alter, sie muss um die 50 Jahre alt sein. Und heult weiter, als sei ihre Welt untergegangen, was sie vielleicht auch ist, was aber niemand herausbekommt, weil sie weiter keine Frage beantwortet und auf kein Wort der Schaffner reagiert, die hilfslos um sie herumstehen und damit dem mit neuer planmäßiger Zeit durchs Land fahrenden Zug nun doch eine Verspätung verpassen.

Bis endlich zwei Polizisten erscheinen und die Frau, weiter laut heulend, mit sich nehmen.

  1. wäre ja mal interessant zu erfahren was Sie hatte.

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