Kaum jemand glaubt an Propaganda, aber jeder glaubt, alle anderen würden sie glauben

Es ist mal wieder Wahlkampf in Berlin. Den nehmen die Parteien der deutschen Pleite-Hauptstadt so ernst, dass sie dafür fünf Millionen Euro ausgeben. Wohl vergebens, denn die Menschen wissen ganz gut, was sie von Wahlwerbung zu halten haben, nämlich wenig bis nichts. Eine Studie der Penn State Universität kommt zu einem Resultat, das der eine oder andere vermutlich aus persönlichen Gesprächen kennt: Niemand glaubt die Reklame der Parteien, aber jeder glaubt, alle anderen würden sie glauben.

So ähnlich verhält es sich auch mit der Debatte um eine schärfere Kontrolle des Internet. Nach den 77 Morden des Anders Breivik ist vor allem in Deutschland eine absurde Debatte ausgebrochen.  Da treffen sich konservative Sicherheitspolitiker vom Schlage Hans-Peter Uhl und linke Antifaschisten, die eine schärfere Kontrolle des Internet verlangen. Die einen, weil sie das sowieso fordern, die anderen, weil sie schlechte Gesinnung verbieten wollen (was im Zweifel jede außer der eigenen sein kann). Man lese ein paar Kommentare bei Sascha Lobo nach, der sich zu dem Thema auch selber heillos verrannt hat. All dem liegt die Annahme zugrunde, Menschen würden quasi willenlos folgen, wenn sie auf Propaganda stoßen. Aber das tun sie eben nicht. Sie glauben nur, alle anderen wären willenlos.

Die „Wahrnehmungskluft“

„Die Menschen haben die Neigung, Medieneffekte auf andere zu überschätzen“, sagte Penn-State-Studienleiter Fuyuan Shen zu Science Daily. Das gelte nicht nur für Wahlwerbung, sondern auch für Gewaltdarstellungen im Fernsehen, Pornographie oder Katastrophenmeldungen. Umgekehrt glauben die meisten Menschen, allein sie würden sich für positive Mediendarstellungen interessieren, etwa Aufrufe für wohltätige Spenden. Vom Rest der Menschheit glauben die meisten, sie würden derartiges nicht zur Kenntnis nehmen.

„Es gibt da eine Wahrnehmungskluft“, sagt Shen und beschreibt eine fatale Konsequenz: Weil eine große Zahl von Menschen glaubt, Medien würden negative Entwicklungen befördern, treten sie für Zensur und Kontrolle ein.

Für ihr Experiment werteten Shen und sein Team Befragungen aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 aus. Freunde und Gegner des damaligen Präsidenten George Bush äußerten sich praktisch identisch über die angebliche Verführbarkeit der vorgeblichen breiten Masse mit den Slogans der jeweiligen Gegenseite.

Ähnlich scheinen auch Politiker und die meisten Journalisten hierzulande zu denken. Anders sind die aktuellen Debatten und der wiederkehrende Wahlkampf-Ritus nicht zu erklären. Die Insider nehmen alles furchtbar ernst, während das Volk das alles für Wahlkampfgequatsche hält. Mehr noch: Ich habe auch schon Leute in ein und demselben Statement sagen hören, kein Mensch glaube den Politikern, aber die Leute seien so blöd, die würden ja alles glauben.

  1. Die Wahlwerbung hält einen womöglich davon ab, die bereits beabsichtigte Wahlentscheidung zu verwerfen und dem Heer der Nichtwähler beizutreten….

  2. Es gibt ja nicht mal mehr die APO….

Was denkst Du?