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Warum fordern Reiche höhere Steuern? Weil Fordern billiger ist als zahlen?

Mit dem Ausfüllen eines Überweisungsformulars offenbar überfordert: Der reiche Sänger Marius Müller-Westernhagen / Fotoquelle: siehe unten

Merkt wirklich niemand, wie scheinheilig die Debatte um die Reichensteuer ist? Wollte Michael Otto tatsächlich nur die öffentlichen Kassen auffüllen, so könnte er das als freier Mann und Unternehmer einfach tun. Er könnte den Staat an den Erlösen seines Otto-Versands beteiligen, einfach so. Niemand, der es ihm verbieten würde. Aber das tut er nicht. Michael Otto fordert höhere Steuern für Reiche. Das ist verständlich. Denn so etwas zu fordern kostet bedeutend weniger als wirklich etwas zu zahlen.

Aber es klingt gut. So gut, dass unter den Topvermögenden der Welt eine Art Mode ausgebrochen ist. Wie die jährliche Ski-Sause in St. Moritz oder der Festspiel-Auflauf in Salzburg oder Bayreuth. Oh, meine Liebste, ich bin ja so sehr für höhere Steuern… noch ein Schlückchen Schampus? Der Sänger Marius Müller-Westernhagen (mutmaßlich 25 Millionen Euro schwer) meint sogar, dank Reichensteuer könne der Staat schneller seine Schulden zurückzahlen und Zinsen sparen. Wenn ihm wirklich so viel daran liegt, dann könnte er einen Anteil an seinen Tantiemen vergesellschaften. Stattdessen fordert er lieber was.

Der Gipfel der Heuchelei ist freilich der Fall der leicht schrulligen Liliane Bettencourt. Auch sie fordert höhere Reichensteuern. Ausgerechnet! Die Erbin des Kosmetik-Konzerns L’Oreal musste erst vor kurzem zugeben, dass sie die Kleinigkeit von 80 Millionen Euro in der Schweiz vor dem Fiskus versteckte. Auch den Besitz einer Insel auf den Seychellen verschwieg sie. Nie ganz ausgeräumt wurden Vorwürfe, ihre Familie habe allzu enge Beziehungen zu Politikern gepflegt, um das Vermögen nicht zu arg von der Finanzbehörde rupfen zu lassen. Jetzt dagegen unterzeichnete sie zusammen mit 15 weiteren Milliardären eine Anzeige unter dem Titel ”Besteuert uns!” Als sei so ein Milliardär an sein Geld gekettet. Als sei es ihm ohne staatlichen Zwang unmöglich, ein Überweisungsformular auszufüllen und freiwillig Geld an den Staat zu senden.

Wie kann es also sein, dass seriöse Medien ganz ernsthaft über solchen Blödsinn berichten und so tun, als müsse man das Discount-Geschwätz der Superreichen ernst nehmen?

Vielleicht, weil es politisch nützt. Eine gewisse Szene unter Redakteuren ist ja strikt der Meinung, höhere Steuern seien generell etwas Gutes. Sie kämen dem Staat zugute und nützten darum allen. Dahinter steckt eine staatstragende Sozialromantik, die von der Union bis zur extremen Linken alle relevanten und viele weniger relevante Strömungen teilen. Dass derartige Sozialromantik in der Praxis stets das Gegenteil bewirkt, wird gern tabuisiert: Es ist ja kein Geheimnis, dass ein guter (teurer!) Steuerberater eine lohnende Investition ist, vorausgesetzt, man kann ihn sich leisten.

Offenbar halten es manche für sexier, Reiche mit uneigennützig klingenden Wortspenden zu Wort kommen zu lassen, statt simple, aber dem Primat des Steuerstaates zuwider laufende Lösungen zu diskutieren: Etwa den, die staatlichen Kosten zu senken (z.B. 185 Milliarden Euro überwiegend schädlicher Subventionen). Oder den, eine simple Flat-Tax von einheitlich 25 Prozent für jedermann einzuführen und dafür sämtliche Ausnahmen und Schlupflöcher zu streichen.

Dass die Milliardäre auf so etwas weniger stehen, erklärt sich von selbst. Denn dann würde es nicht mehr genügen, folgenlos höhere Steuern zu verlangen. Sie müssten sie dann auch wie alle Nichtreichen zahlen.

Foto: qnibert00 via flickr

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