Taten statt Worte

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt. Die beiden Männer dieses Trios, beide tot, haben offenbar neun Morde gestanden, hinterlassen auf einer DVD, die die Ermittler fanden. Ihre Bande, die sie zynisch als Kameradschaft bezeichnen, zeichne sich dadurch aus, dass sie Taten statt Worte benutze. Eines ihrer Ziele sei Meinungsfreiheit. Ihre Taten verübten sie über ein gutes Jahrzehnt, ohne, dass die Ermittler sie fassen konnten. Offenbar tappten sie lange völlig im Dunkeln. Alle drei stammen aus Jena. Und all das zusammen ergibt allmählich ein Bild.

Die drei sind/waren Neonazis. Dass Polizei und Verfassungsschutz nur wenig über diese Szene wissen, liegt wohl auch daran, dass sie sich offenbar nur schwer infiltrieren lässt. Es sind extrem geschlossene Zirkel. Anders könnten sie auch nicht existieren. Nazismus ist in Deutschland stigmatisiert. Das ist auch richtig. Aber es hat eben den Nachteil, dass es die Beteiligten enger zusammenschweißt. Einige ihrer Taten, etwa der Anschlag auf eine Moschee in Köln, erschienen völlig zusammenhanglos und wurden lange Zeit einem unpolitischen kriminellen Hintergrund zugeordnet. Öffentliche Selbstbezichtigungen, wie bei linken oder islamistischen Terroristen üblich, fehlten. Es passt, dass sogar ihre Bekenner-DVD vertraulich blieb.

Die Nazi-Stigmatisierung dürfte auch der Grund dafür sein, dass öffentlich bekannte Sympathiesantenszenen fehlen. Es gibt kein öffentlich agierendes Netzwerk rechtsextremer Anwälte, die sich als Anlaufstation anpreisen. Das heißt nicht, dass es keine Sympathisanten gäbe. Aber sie tarnen sich hinter braver Fassade.

Ins Bild passt auch die Herkunft der drei im Osten. Der Autor Michael Kraske zitiert eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, laut der mehr als 50 Prozent der Menschen im Osten mehr oder weniger nazistisch gesinnt seien. Diese Zahl muss nicht stimmen, manche Studien beten Gesinnungsbefunde herbei, die etwa mit Wahlergebnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Aber die These, dass Nazismus im Osten verbreiteter ist als im Westen, hat viel für sich.

Erklärbar ist das historisch. Die DDR hat sich nach ihrer Gründung zum Staat der Guten und Antifaschisten erklärt, also der Opfer des Nazismus. Damit war das Thema erledigt. Das war schon immer falsch, denn der heutige Osten spielte damals nicht anders mit als der heutige Westen. In Sachsenhausen gab es ebenso ein KZ wie in Dachau. Wenn doch einmal Hakenkreuze auftauchten oder DDR-Neonazis verhaftet wurden, erklärte der Staat das immer mit simpler Kriminalität oder Asozialität (es gab einen Paragrafen im DDR-Strafgesetzbuch, der exakt das – Asozialität – unter Strafe stellte). Das Problem wurde ignoriert, weil es eben nicht existieren durfte.

Dass der Bodensatz der Hitleristen im Osten munter weitermachte, erschließt sich auch aus der Widersprüchlichkeit der Linken. Einerseits bestreitet sie vehement, dass das Problem im Osten größer sei als im Westen, andererseits klagt sie laut über sogenannte völkisch befreite Zonen oder rechtsextremen Untergrund, der sich in ostdeutschen Kleinstädten unverhüllt zeige. Das Nazi-Tabu ist mancherorts bis heute nicht angekommen. Außerdem verwischen einige Linke die Grenzen vorsätzlich mit aggressivem Antisemitismus, den sie begrifflich als Anti-Zionismus tarnen und damit ganz auf Linie der alten SED sind – und auf Linie der alten und neuen Nazis.

Rechtsextreme Terroristen oder terrorbereite Aktivisten gab es auch im Westen. Es sind eine Handvoll Namen, die hier immer wieder fallen. Dort zu landen bedeutete freilich, sich aus der Gesellschaft zu verabschieden. Rechtsextremismus im Westen trägt alle Züge einer radikalen Sekte mit scharfer Abgrenzung nach außen. Im Osten ist diese Abgrenzung weniger scharf. Und da liegt das Problem. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt konnten über ein Jahrzehnt aktiv sein, als Reisende in Sachen Mord überall in Deutschland, mit Rückzugsraum in heimischen Gefilden.

Die Dimension ihrer Verbrechen ist ein Schock. Vielleicht wirkt der heilsam und stößt eine überfällige Debatte an. Das Motto “Taten statt Worte” ist vorzivilisatorisch. Genau davon hatte die große Mehrheit der DDR-Bewohner genug. In einer zivilisierten Gesellschaft werden Konflikte mit Worten ausgetragen, gern auch mit scharfen. Daran muss auch die anständige Mehrheit im Osten ein Interesse haben.

Was denkst Du?