Griechische Tragödie auf Karpathos

Blick in ein Beinhaus: Nach einigen Jahren in der großen Grabstätte werden die sterblichen Überreste hier verwahrt

Es gibt Lösungen, die sind verblüffend pragmatisch. Auf den griechischen Inseln ist es üblich, dass Tote nur begrenzte Zeit in ihren Gräbern liegen. Auf die Dauer reicht einfach der Platz nicht aus, um Generation auf Generation in voller Länge zur Totenruhe zu betten. Ist die Zeit vorüber, auf Karpathos scheinen es um die zehn Jahre zu sein, wie der Augenschein zeigt, wandern die Gebeine in Blechkartons und werden in Regalen im Beinhaus gestapelt. Jeder Friedhof hat so ein Beinhaus. Auch die Alltagsgegenstände, die die Hinterbliebenen ihren Toten mitgeben, kommen in den Karton. Manchmal sind das ganz profane Dinge, etwa ein Plastikfeuerzeug.

Grabstätte eines 98-Jährigen Karpatheoten

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Griechenland beträgt 80,3 Jahre und gleicht der in Deutschland. Vermutlich liegt sie auf den Inseln noch etwas höher. Eine Statistik habe ich dazu nicht gefunden und kann nur den Augenschein bemühen. Auf diversen Friedhöfen auf Karpathos gibt es auffällig viele Gräber von Menschen, die deutlich älter wurden als 90 Jahre. Dabei war das Leben auf dieser Insel bis vor wenigen Jahrzehnten eher karg. Diejenigen, die dort begraben liegen, kamen während der längsten Zeit ihres Lebens ohne asphaltierte Straßen oder ein durchgehendes Stromnetz aus. Erst seit den 80er Jahren begann der Ausbau der Infrastruktur, zufällig zu einer Zeit, als tausende Auswanderer zurückkehrten. Nach dem zweiten Weltkrieg konnte die Landwirtschaft die Bevölkerung kaum ernähren. Andere Wirtschaftszweige gab es nicht. Die meisten gingen in die USA, wo sie aber offensichtlich nicht glücklich wurden. Sie packten das Geld zusammen, das sie dort erarbeitet hatten, und kehrten auf ihre Heimatinsel zurück.

Könnten die Karpatheoten ein eigenes Staatswesen auf ihrer Insel gründen, wären die Verhältnisse vielleicht besser als im griechischen Staat. Aber das ist graue Theorie. Karpathos gehört zum Regierungbezirk Süd-Ägäis. Der wird von einem Gouverneur geführt, der wiederum an der Regierung in Athen hängt. Womöglich sitzt sogar der Verkehrsplaner in Athen, der es fertigbrachte, eine simple Einmündung auf einer einsamen Landstraße auf der Insel derart verquast auszuschildern, dass es niemand, der dort zum ersten Mal vorbeifährt, fehlerfrei vom Flughafen nach Arkassa schafft.

Früchte jahrelanger harter Arbeit: Nikos (72) hat für sich und seine Gäste ein Paradies geschaffen

Womit wir uns dem Kern des griechischen Problems nähern. Es heißt nicht Nikos, sondern Pasok, Nea Dimokratia und Syriza. Es sitzt in Athen und nicht auf Karpathos. Der Nikos, den ich meine, ist 72 Jahre alt und einer dieser Rückkehrer. Er verließ Karpathos 1955 als 16-Jähriger, um in der Ferne sein Glück zu machen. In den USA und in Australien arbeitete er als Koch und Bauarbeiter. 1992 kam er zurück, kaufte eine mit Pinien und stachligem Phrygana überwucherte Bucht an der Westküste und baute dort eine Taverne mit angeschlossener kleiner Farm auf. Was er seinen Gästen serviert, stammt komplett aus eigener Produktion. Wer einmal nach Karpathos fährt, sollte ihn in seinem “Pine Tree Restaurant” besuchen. Vor und nach dem Essen gibt es frisches Obst aus eigenem Anbau auf Kosten des Hauses. Ein Gästehaus, in dem er Zimmer vermietet, hat er ebenfalls gebaut.

Warum einfach, wenn's kompliziert geht: Diese Autofahrer können nichts dafür, dass sie den geraden Weg nicht finden

Die anderen, die in Athen, bekommen dagegen noch immer nicht viel auf die Reihe. Die letzte Regierung ließ pro forma ein paar überfällige Gesetze beschließen. Die Unart geschlossener Berufsgruppen, etwa bei den Taxifahrern, wurde scheinbar abgeschafft. Unternehmen, vor allem kleine, sollten von der Plage erlöst werden, jedes Jahr für teures Geld ihre Bilanzen in Zeitungsannoncen zu veröffentlichen. Aber das alles steht nur auf dem Papier. Tatsächlich schlendert die griechische Politik bis heute unverändert verantwortungslos vor sich hin. Und die linksextreme Syriza hat es geschafft, den anderen Parteien die irrwitzige Position aufzudrücken, die Krise sei nur das Ergebnis der “Politik des Memorandums”, womit die Auflagen der Zahlmeister der EU gemeint sind, die genug davon haben, den Athener Unfug zu alimentieren. Alle Parteien in Griechenland vertreten inzwischen diese Meinung.

Mit der Wirklichkeit hat sie nichts zu tun. Athen wird heute von Verschwörungstheoretikern dominiert. Von Leuten, die nichts aufbauen, sondern nur an ihrer Macht hängen. Die notfalls auch behaupten würden, man könne die Toten Generation auf Generation in großen Sarkophagen nebeneinanderlegen. Die die simplen Fakten bestreiten, wie die, dass Inseln beschränkten Platz haben oder das Geld erwirtschaftet und nicht beschlossen wird. Und die auch auf Karpathos auf den Stimmzetteln stehen, wenn am Sonntag das nächste Kapitel der griechischen Tragödie beginnt.

Blick auf Nikos' Pine Tree Restaurant an der Bucht von Adia
Blick auf besagte Kreuzung. Wer findet sich auf Anhieb zurecht?

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