„Was kann der Hund dafür, dass Sie keine Ahnung von Hunden haben?“

Foto: National Gallery of Ireland via Flickr

Joggen auf einem öffentlichen und ausgeschilderten Wanderweg, der von Kirchseeon nach Taglaching führt. Als ich das kurze Waldstück verlasse überhole ich einen Mann mit zwei Hunden, der eine eine Art Bassett (langer Rumpf, krumme dicke Kurzbeine, Ohren wie Waschlappen, trauriger Blick, pedantisch), der andere eine Art Straßenköter (straßenköterblond, mittlere Straßenkötergröße, Straßenköter-Kleffmaul).

Der Bassett interessiert sich nicht die Bohne für mich, als ich ihn überhole. Der Straßenköter dafür umso mehr. Er rennt auf mich zu und bellt wie ein Irrer. Zuerst ignoriere ich ihn und laufe weiter, aber Straßenköter gibt Gas und lässt nicht locker. Er springt vor mich, als ich seitlich vorbeiwill, folgt er weiter. Ich gucke mich um. Sein Herrchen interessiert sich nicht groß für sein unerzogenes Kötervieh. Also nehme ich die Sache selber in die Hand. Stampfe mit dem Fuß auf, brülle das Viech an und treibe es an den Wegesrand.

Wie ich denke, jetzt lässt er mich vielleicht weiterlaufen, kommt Herrchen angerannt, ebenfalls brüllend. Allerdings brüllt er nicht seinen Hund an, sondern mich. „Was kann der Hund denn dafür, dass Sie keine Ahnung von Hunden haben?“, stellte er mich zur Rede. Ich antworte, dass sein Hund mich nicht anzublaffen hat, weil ich sonst zurückblaffe. Und dasselbe gelte auch für ihn. Aber immerhin – Herr und Hund hatten offenbar genug von mir. Keiner stellte sich mehr in den Weg.

Ich schreibe das deshalb auf, weil die abseitige Meinung dieses Hundebesitzers mir neuerdings häufiger begegnet. Offenbar erwarten Hundefreunde und alle, die sich in allfälligen Plauderrunden gern als Tierfreunde bezeichnen, dass jedermann in diesem Land als Hundeflüsterer geboren sein sollte. Ich finde das ja nicht. Ich finde eher, dass jeder, der seinen Hund spazieren führt, dafür zu sorgen hat, dass sein vierbeiniger Kamerad auch solche Menschen in Ruhe lässt, die keine Ahnung von Hunden haben.

Ich finde es auch unmöglich, dass es unter gewissen Hundebesitzern völlig unpopulär zu sein scheint, ihren Lieblingen wenigstens ein paar Grundzüge an Gehorsam beizubringen. Sinnvoll wären z.B. sitz, platz und Klappe halten. Oder alternativ eine kurze Leine. Das scheinen diese Menschen aber indiskutabel zu finden. Irgendwie scheint der gewisse Hundebesitzer zu glauben, sein vierbeiniger Freund müsse in völliger Freiheit leben und habe ein Recht darauf, antiautoritär gehalten zu werden.

Dazu ist zweierlei zu sagen:

  1. Hunde, die antiautoritär erzogen werden (also nicht oder bestenfalls rudimentär), verblöden. Sie sind unterfordert. Sie langweilen sich. Darum bauen sie ständig Mist und bellen unstoppable durch die Gegend. Herrchen und Frauchen, die glauben, derartiges sei das beste für ihre Tiere, sind in Wahrheit nur bequem und verantwortungslos. Zum einen haben sie keinen Schimmer davon, dass auch ein Hund gefordert sein will, weil sie davon keinen Schimmer haben wollen, weil nämlich die Konsequenz die wäre, dass sie sich intellektuell anstrengen müssten, um ihrem Hund etwas beizubringen. Zum anderen, weil es schlicht gefährlich ist.
  2. Denn Hunde, die z.B. kleine Kinder zerfleischen und für’s Leben entstellen, sind meist solche antiautoritär erzogenen Geschöpfe. In München wird so ein Fall gerade ernsthaft diskutiert, hier hat ein Dobermann, so etwas getan. Wobei: Diskutiert wird ein Leinenzwang oder ähnlich Überflüssiges, im Prinzip Dinge, die nichts nützen und ohnehin von keinem Hundehalter ernst genommen werden. Das Tier, dass das kleine Mädchen anfiel, war angeleint, aber sein Halter wurde nicht mit ihm fertig. Aber darum geht es: Wer einen Hund besitzt und mit ihm vor die Tür geht, der muss ihn im Griff haben, und zwar ständig und in jeder Situation. Und die Sprüche, die ich von manchen Dobermann-Besitzern schon gehört habe, dass nämlich diese Rasse ja eigentlich besonders lieb sei, blablabla, die bestärken mich nur darin, das gewisse Hundehalter weder die Gattung Hund noch ihr individuelles eigenes Tier kennen.

Wer von einem zwei Jahre alten Mädchen hundeartgerechtes Verhalten erwartet, hat nicht alle Tassen im Schrank. Wer den Eltern eines zwei Jahre alten Mädchens einen Vorwurf daraus drehen will, dass sie das Kind im Park  unangeleint herumlaufen lassen, ist nicht minder beklatscht. Selbstverständlich dürfen sie das. Nicht zuletzt dafür sind Parks da, dass Kinder darin herumtoben können.

Wie schief die Debatte geführt wird, zeigt ein anderes Münchner Beispiel. Da zetern Hundehalter, weil die Stadtväter ihnen zwei „Gassiwiesen“ weggenommen haben. Gassiwiesen! Geht’s noch? Wieso soll die hundelose Mehrheit akzeptieren, dass Wiesen einfach zu Gassiwiesen weggewidmet werden? Das riecht dann doch zu sehr nach dem Recht des Stärkeren, Lauteren und Aggressiveren.

  1. Oliver Wagner

    Ich bin völlig deiner Meinung, möchte aber aus gegebenen Anlass darauf hinweisen, dass du den Begriff „antiautoritär“ hier zwar im Sinne des Mainstreams aber deshalb doch kein Deut besser verwendest. Antiautoritäre Erziehung (jedenfalls beim Menschen) meint lediglich den Verzicht auf eine Erziehung von oben herab und Gewalt. Auch hier gehört es dazu, eigene Grenzen zu haben und diese dem Anderen auch deutlich zu machen und auf die Einhaltung zu pochen. Was du (und viele Andere) als antiautoritär benutzt, meint wohl eher verwahrlosen oder alleine lassen.

    • bitterlemmer

      Naja, ich habe jetzt nicht groß über den Begriff „antiautoritär“ reflektiert. Ich meine damit als vermeintliche Lockerheit getarntes Desinteresse aus Bequemlichkeit. Oder so…

Was denkst Du?