Der Zugführer meinte, er darf die Türen nicht öffnen

Regionalbahn von Grafing nach München. Schöne Pendler-Verbindung. Nur gut 20 Minuten vom Land bis mitten in die Stadt, ohne Zwischenstopp. Funktioniert meistens gut, aber nicht immer. Heute früh fing es damit an, dass alle Nase lang Lautsprecheransagen jeden Regionalzug und jede S-Bahn als verspätet ankündigten. Nicht daramatisch, jeweils nur fünf Minuten. Als mein Regio dann verspätet anrollte, folgte die nächste Ansage, derzufolge der Zug ausnahmsweise nicht an Gleis 3, sondern an Gleis 1 halte.

Also strömte die komplette Menge der Fahrgäste durch den unterirdischen Verbindungsgang rüber zum anderen Bahnsteig. Der Zug rollte ein und hielt. Und stand dann da herum und die Fahrgäste standen davor. Immer wieder drückte jemand auf einen Türöffner, aber nichts passierte. Ratlosigkeit. Durch die Fenster sah man drinnen andere Fahrgäste, die das Glück hatten, schon vorher anderswo einsteigen zu können. Sie tranken mitgebrachten Kaffee und lasen Zeitung. Für uns draußen, die immer noch sinnlos auf die Türknöpfe drückten, hatten sie keinen Blick. Immer wieder schaute ich nach vorn zur Lok, auch die anderen taten das. Ich hoffte, von dort werde ein Zeichen kommen, das die Situation auflösen könnte. Es kam aber nichts. Auch der Lautsprecher blieb stumm.

Aber dann tat sich doch etwas. Eine Frau war nach ganz vorn gelaufen und rief etwas zum Lokführer. Der zeigte sich am Fenster. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Auch die Menschen vor dem letzten Waggon, die schon ganz weit weg waren, sahen seinen Kopf aus dem Lokfenster ragen. Man sah, wie er mit der Frau Worte wechselte. Dann setzte von vorn aus eine Wanderungsbewegung ein, die wieder die Treppe hinab führte in den unterirdischen Verbindungsgang zum Bahnsteig 3, dort, wo wir vorher schon alle standen. Die Wanderungsbewegung erfasste nach und nach alle Wartenden, wobei ab Waggon 2 wohl niemand mehr wusste, warum es wieder zurückgehen sollte, sondern alle einfach folgten.

Ich lief dagegen zur Lok, weil ich von Natur aus neugierig bin, aber der Lokführer zog gerade seinen Kopf ins Innere zurück und schloss sein Fenster. Ich fragte einen Mann, der in Hörweite stand, und er sagte, der Fahrer habe gesagt, es sei ihm verboten, die Türen zu öffnen. Es komme aber gleich ein anderer Zug und halte an Gleis 3. Also lief auch ich schnell hinterher und hatte die große Menge auf der Treppe nach oben zu Gleis 3 wieder eingeholt. Der andere Zug stand schon dort. Als die ersten der Passagiere gerade die Waggons erreichten, da rollte er auch schon los. Sofort brandete ein empörter Chor auf, laute Stimmen, die „was ist denn hier los“ und ähnliches riefen. Mit einem Ruck hielt der Zug wieder an. Die Türen öffneten sich. Wir durften endlich einsteigen. Und ich freute mich über meine übliche Bahn-Pendler-Strategie: Immer eine halbe Stunde extra einplanen.

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