Flucht in die anonyme Web-Währung

Mit der Zypern-Krise hat eine Geldwährung neuen Typs sichtlich an Interesse gewonnen: Bitcoins. Bitcoins sind eine digitale Zahlungseinheit, die sich ihre Besitzer in stark verschlüsselte virtuelle Geldbörsen stecken und an andere Bitcoin-Nutzer auszahlen können. Derzeit ist ein Bitcoin für 92 US-Dollar zu haben. Natürlich kann ein Bitcoin-Besitzer seine Digitalwährung auch in traditionelles Geld umtauschen. Es handelt sich also nicht um eine Spielerei, sondern um richtiges Geld. Und es handelt sich auch nicht mehr um Klimperei, sondern um richtiges Business. Gerade überschritt der Wert aller umlaufenden Bitcoins eine Milliarde US-Dollar.

Bisher sind Bitcoins eher eine Angelegenheit für technische Avantgardisten. Folglich war das erste wirkliche Produkt, das mit Bitcoins bezahlt wurde, eine Lieferung von zwei Pizzen. Sie kosteten 10.000 Bitcoins, das war vor drei Jahren. Ob der Pizzabäcker so schlau war, seinen Erlös in der digitalen Geldbörse liegenzulassen, ist nicht bekannt. Er hätte bis heute einen traumhaften Zinsgewinn gemacht. Der Erlös aus den beiden Pizzen würde heute 920.000 US-Dollar entsprechen.

Das spricht für die Vertrauenswürdigkeit in die Bitcoin-Währung. Sie basiert auf einem Open-Source-Algorhythmus, ist mithin transparent – jedenfalls für Leute, die Code lesen können. Irgendwelche Tricksereien wie derzeit bei EZB oder Fed sind ausgeschlossen. Es gibt keine Zentralbank, die den Markt mit Bitcoins fluten und die Währung damit entwerten könnte. Staaten oder Politiker haben nicht den geringsten Einfluss auf die Währung, was offenbar derzeit als vertrauenswürdig gilt.

Denn am 19. März, auf dem Höhepunkt der Zypern-Krise, schossen die Download-Zahlen für Bitcoin-Apps plötzlich in die Höhe. Die App Bitcoin Gold, die die aktuellen Wechselkurse zu traditionellen Währungen anzeigt, rauschte im Apple-App-Store von Platz 1171 der Wirtschaftsapps hoch auf Platz 104. Dass jetzt massenhaft Russen ihre Einlagen in Bitcoins verwandelten, dürfte unwahrscheinlich sein, weil die Banken ja geschlossen hatten, aber das Interesse war geweckt.

Zurecht – denn Bitcoins sind gänzlich anonym und nicht nachverfolgbar, ähnlich wie bare Geldscheine. Darum haftet ihnen bisher auch eine etwas unseriöse Aura an. Bitcoins werden z.B. gern von Online-Spielcasinos oder illegalen Wettbüros genommen. Es soll einige Drogendealer geben, die sich mit der Web-Währung bezahlen lassen. Dazu passt irgendwie, dass auch Kim Dotcom bekanntgab, dass er für die Nutzung eines Cloud-Dienstes Bitcoins akzeptiert. Andererseits fällt auf, dass ausgerechnet Zentralinstanzen der Weltmoral Bitcoins akzeptieren – wie Wikileaks, die Umweltorganisation BUND Berlin oder die Protest-Profis von Occupy.

Geld stinkt halt nicht – auch nicht in digitaler Form.

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