Staatsaffäre Hoeneß: Zu spät geboren für eine Lösung à la Beckenbauer

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Uli Hoeneß ist nicht der erste Bayern-Spieler, der Ärger mit der Steuer hat. Auch Franz Beckenbauer steckte einst arg in der Klemme. Beckenbauer schaffte es allerdings, sein Problem zu lösen – auf eine Weise, die vermutlich nirgendwo anders als in Bayern klappen konnte. Bei Hoeneß funktionierte das so nicht. Aber es gibt eine merkwürdige Parallele zwischen beiden Fällen, nämlich, dass die Landespolitik bestens Bescheid wusste – und wahrscheinlich nicht nur das.

Im Fall Beckenbauer liegen die Fakten dazu einigermaßen klar. Enthüllt hat sie ein damaliger hoher Finanzbeamter namens Wilhelm Schlötterer. Schlötterer veröffentlichte vor einiger Zeit ein Buch mit dem Titel „Macht und Missbrauch“, das sich äußerst kritisch mit der Ära von Franz Josef Strauß beschäftigt. Im Jahr 1975 bekam Schlötterer erstmals die Steuersache Beckenbauer auf den Tisch. Der Fußballer soll große Geldbeträge in die Schweiz verschoben haben. Die Bearbeitung habe sich ewig hingezogen, schreibt Schlötterer.

Zu den ihm unterstellten Geldzuflüssen über die Schweiz gab es im Finanzministerium wiederholt Gespräche mit Beckenbauer und seinem Manager Robert Schwan, jedoch ohne Ergebnis. Dabei führte Schwan ins Feld: „Unsere politische Gesinnung kennt man ja!“

Es war die Zeit, als Uli Hoeneß einer der besten Leute bei den Bayern war. Es muss kurz nach dem legendären Spiel gegen Athletico Madrid gewesen sein, bei dem er zwei Tore schoss. Robert Schwan drohte damals im Finanzministerium, „hohe Politiker“ seien in die Sache verstrickt, schreibt Schlötterer. Mehrere Monate später kam er dahinter, wie das gemeint war. Die Steuerfahndung hatte ein Strafverfahren gegen Beckenbauer verlangt und eine Durchsuchung seiner Räume vorgeschlagen. Das Ministerium sollte zustimmen. Schlötterer habe eine entsprechende Vorlage verfasst und seinem Vorgesetzten zur Unterschrift vorgelegt. Der aber verweigerte seine Zustimmung und begründete das laut Schlötterer so:

Er eröffnete mir, der Minister [Finanzminister Ludwig Huber] habe ihm tags zuvor mitgeteilt, die Vorlage sei rechtlich und sachlich völlig in Ordnung. Dennoch könne er ihr nicht zustimmen, denn er selbst habe Beckenbauer bei der Sache mit der Schweiz geholfen, und zwar zu seiner Zeit als CSU-Fraktionsvorsitzender.

Mit anderen Worten: Der bayerische Finanzminister selber habe Beckenbauer bei der Hinterziehung von Steuern geholfen und darum gar keine andere Wahl gehabt als das Verfahren ins Leere laufen zu lassen. Sonst hätten die Strafverfolger auch gegen ihn vorgehen müssen. Wenig später zog Beckenbauer in die USA und spielte bei Cosmos New York. Damit war die Sache erledigt. Finanzminister Huber und andere hochrangige Finanzbeamte trafen weiter auf der Ehrentribüne des FC Bayern ihre Topverdiener-Klietel, posierten für die Fotografen und wurden auf den Klatschseiten der Münchner Schicki-Micki-Presse gezeigt.

Wenige Jahre später lernte Uli Hoeneß, was Existenzangst bedeutet. Beim Spiel gegen Leeds United hatte er sich das Knie schwer verletzt. Er wurde nie wieder richtig fit. In der Saison 1978/79 feuerte ihn Trainer Lorant aus dem Kader. Hoeneß wurde nach Nürnberg ausgeliehen – eine bittere Saison für den einstigen Champion. Der Club stieg in die 2. Liga ab. 1979 kehrte Hoeneß nach München zurück und beendete seine Fußballerkarriere mit nur 27 Jahren als Sportinvalide. Der Knorpelschaden an seinem Knie ließ sich nicht reparieren. Hoeneß wird gewusst haben, wie riskant dieser Lebensabschnitt war. Heute reich, begehrt und gefeiert, mit Villa, Sportwagen und Luxusurlaub, morgen ohne Beruf, ohne Perspektive, mit Glück ein bisschen Erspartes auf dem Konto. Die „Vereinigung der Vertragsfußballer“ gab es damals noch nicht. Heute kümmert sie sich um Ex-Profis, denen der Absturz droht. Die halbe Braunschweig-Mannschaft aus dem Jahr 1985 lebt heute von Sozialleistungen, ermittelte der Stern. Ex-Nationaltorhüter Eike Immel ging ins Dschungelcamp, weil er Geld für eine Hüft-OP brauchte. Der Grat zwischen Star und Sozialfall ist bei Sportlern schmal.Und der Staat ist diesen Leuten gegenüber unfair. In den wenigen Jahren, die sie klotzig verdienen, zahlen sie auch klotzige Abgaben – meist weit mehr als jeder Normalbürger im ganzen Leben. Hinterher müssen sie sehen, wo sie bleiben.

Hoeneß wurde bekanntlich kein Sozialfall, sondern als Manager und Unternehmer noch erfolgreicher als zuvor als Fußballer. Das ist die Ausnahme von der Regel. Als Bayern-Manager war er begehrter denn je, auch bei den Spitzen in Wirtschaft und Politik. Ob auch Hoeneß seine Spezial-Deals mit dem bayerischen Finanzministerium pflegte, weiß ich nicht. Jedenfalls gab es bisher niemanden, der dergleichen enthüllt hätte. Dass aber der FC Bayern München und die CSU an den richtigen Stellen harmonierten, dürfte als Tatsache durchgehen. Fußballclubs sind überall auch politisch. Das ist auf der ganzen Welt so: In Ägypten, wo Alexandria-Fans eine auslösende Rolle bei der Arabellion spielten, bei St. Pauli, im Pott, bei Dynamo Dresden oder Union Berlin. Gehörst Du zum Arbeiterclub Rapid oder zur vornehmen Austria, fragen sie in Wien. In München lautet die Frage: Rot oder blau, Bayern oder 1860? ’60er sind Sozis, und darum ist Münchens OB Ude ein Feind der Bayern und die CSU ist Freund. Und darum ist es gar nicht vorstellbar, dass Hoeneß keine kurzen Drähte in die Nymphenburger Straße hat.

Dummerweise haben sich aber auch in Bayern die Verhältnisse gedreht. Manch einer in Verwaltung und Justiz mag das noch nicht bemerkt haben, aber es ist unübersehbar, dass heute Dinge schieflaufen und öffentlich werden, die früher elegant unterm Teppich gelandet wären. Beispielhaft seien die Fälle Mollath und Peggy genannt. Die Ministerien decken nicht mehr jede Sauerei, die von Leuten verzapft wird, deren Standesbewusstsein aus den 70er Jahren stammt und die es geschafft haben, bis heute ihre Seilschaften zu halten. Im Fall Mollath hat die Justizministerin die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg angewiesen, eine Wiederaufnahme vorzubereiten (ja, in Bayern kann die Exekutive der Judikative Anweisungen erteilen). Und die bevorstehende Buchveröffentlichung im Fall Peggy ist seit Tagen Gesprächsthema im Innenministerium, was mir – man staune – Innenminister Joachim Herrmann selber gesagt hat. Es läuft seit einigen Jahren nicht mehr rund in den oberen bayerischen Verwaltungsetagen. Der Machtkampf, den Horst Seehofer einst mit seinen Vorgängern angezettelt hat, ist bis heute nicht ausgestanden. Eine Folge könnte sein, dass alte Deals nicht mehr ohne weiteres gelten, die früher selbstverständlich waren.

Könnte es sein, dass das der Grund für das Platzen der Steueraffäre Hoeneß war? Darauf deutet, dass Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer lange vor der Öffentlichkeit von der Steueraffäre Hoeneß wusste. Die Münchner AZ zitiert ihn mit den Worten:

Ich weiß, dass ein Verfahren läuft.

Er sei darüber schon vor „einer geraumen Zeit“ informiert worden. Warum der Ministerpräsident davon erfuhr und wer es ihm sagte, steht in dem Artikel leider nicht. Es wäre interessant, zu erfahren, denn üblicherweise gehört es nicht zu den Aufgaben eines Ministerpräsidenten, sich mit den Steuerangelegenheiten einzelner seiner Untertanen zu befassen, jedenfalls nicht mehr heute. Zu Zeiten von Alfons Goppel und Franz Josef Strauß war das anders, wie der Ex-Beamte Schlötterer auch an anderen Beispielen erklärt. Da war es offenbar üblich, dass befreundete Sportler, Unternehmer oder Kulturschaffende in der Staatskanzlei vorbeischauten und sich Absolution für ihre Steuersünden holen konnten. Und es war offenbar auch üblich, dass Staatskanzlei, Finanzministerium und das politische Netz dafür sorgten, dass jedermann, den es interessieren könnte, diese Möglichkeit kannte.

Gewiss auch Uli Hoeneß – was spannende Fragen aufwirft: Wie lange wussten die bayerischen Behörden tatsächlich von seinen Millionen in der Schweiz? Haben Sie sie womöglich geduldet? Ist dann irgendetwas vorgefallen, was ihn um Schutz und Verschwiegenheit brachte? Wer hat das Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft in Gang gesetzt – ein ehrenwerter Staatsanwalt oder das Justizministerium (was in Bayern durchaus üblich ist)? Wer hat im Januar dem Stern und jetzt dem Focus von der Sache erzählt? Ein Ministerialbeamter? Jemand aus der Staatsanwaltschaft? Hoeneß hat ja schon erklärt, er würde gern mehr dazu sagen, müsse sich aber wegen des laufenden Verfahrens zurückhalten.

Mal sehen, was da noch kommt.

  1. Werner

    Der ganze Verein wird wohl auf Schwarzgeld aufgebaut sein…ist schon sehr merkwürdig das alle großen Vereine in Europa hohe Schulden haben und der FCB nicht. Der FCB ist also der einzigste Verein in Europa der mit Fußball viel Geld verdient und das in einem Land mit sehr hohen Steuern…wer das glaubt ist einfach nur dumm…

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