Lieber ARD-Reporter, warum legst Du einem KZ-Häftling etwas in den Mund, was er gar nicht gesagt hat?

Lieber ARD-Reporter Jan Müller-Raith, waren Sie  auf derselben Veranstaltung in der KZ-Gedenkstätte Dachau wie ich? Ich halte es für möglich, denn wir sind uns ja auch direkt über den Weg gelaufen. Beziehungsweise: Sie über meinen Weg, als ich nämlich gerade dabei war, Max Mannheimer zu interviewen, Sie sich dann mit Ihrem Kameramann hinzugesellten und Ihr Kameramann mich ständig aufforderte, mein Mikrofon, das einen Mikrofonschutz eines Radiosenders von außerhalb Ihres Hauses trug, endlich zur Seite zu ziehen, weil er es partout nicht im Bild haben wollte, was mir aber, wie Sie bemerkt haben dürften, egal war. Denn ich wollte – anders als Sie – gern hören, was Max Mannheimer mir zu sagen hatte.

Max Mannheimer, Sie wissen es, ist einer der Überlebenden des Holocaust, Auschwitz und Dachau, der letzten Dezember vom Wahlkampf-Terminplan der Bundeskanzlerin erfuhr. Und da stand ein Auftritt beim Volksfest in Dachau auf dem Plan. Max Mannheimer erklärte uns (da waren Sie mit Ihrem Kameramann schon dabei), dass er sich dann dachte, wenn die Kanzlerin beim Volksfest im Bierzelt redet, dann kann sie genauso gut auch zur KZ-Gedenkstätte kommen. Darauf habe er Sie dann angesprochen, und tatsächlich habe Frau Merkel  zugesagt. Und dann fügte Herr Mannheimer hinzu, er sei mehrmals gefragt worden, wie er das finde – dass Frau Merkel erst aufs KZ-Gelände komme und gleich danach ins Bierzelt gehe. Und dazu sagte er – Ihnen, mir und Ihrer Kamera: „Ich finde das positiv. Denn sie ist erst hierher gekommen und dann ins Bierzelt“. Überhaupt war Mannheim voll des Lobes für die Kanzlerin. Der Termin im KZ habe ihr gewiss keine Wählerstimmen gebracht, und dennoch sei sie gekommen. Sie sei locker und natürlich gewesen, als sie sich viel Zeit fürs vertrauliche Gespräch mit ihm und anderen Überlebenden nahm. Und dann, lieber Herr Müller-Raith, haben Sie trotz allem noch einen Versuch unternommen, um ein Haar in der Suppe zu finden und fragten suggestiv: „Hat Sie die richtigen Worte gefunden?“ Und Mannheimer war so freundlich, nicht nur mit einem kurzen „Ja“ zu antworten (was ich an seiner Stelle auf diese Frage getan hätte), sondern sein Ja noch mit ein paar Worten zu untermauern.

Und dann habe ich Ihren Bericht in den ARD-Tagesthemen gesehen und mich gefragt, ob wir auf derselben Veranstaltung waren. „Die Geste, der wenn auch kurze Besuch der Kanzlerin, kommt hier wie anderswo gut an“, sagen Sie da zunächst zutreffend (wenn auch etwas umständlich). „Dass Angela Merkel ihn mit einem Wahlkampfauftritt auf dem Dachauer Volksfest verbindet weniger“, fügen Sie hinzu – und machen mich hellhörig. Habe ich etwas verpasst? Natürlich habe ich mitbekommen, dass die Grüne Renate Künast Merkels Terminplanung „geschmacklos“ nannte, aber mehr Kritik habe ich nicht vernommen, im Gegenteil. Sehr rasch meldete sich Charlotte Knobloch zu Wort, die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde, und fuhr Künast rabiat in die Parade. Aber das war der Stand des Nachmittags, inzwischen war Merkel in Dachau, hatte nach dem eineinhalbstündigen Besuch auf dem KZ-Gelände tatsächlich im Bierzelt gesprochen und dort gesagt, dass das nur einen Katzensprung vom einstigen Vernichtungslager entfernt sei, dort also damals die Quälerei, gleich daneben das pralle fröhliche Leben, und dass schon damals jeder wissen konnte, was hinter diesen Mauern passierte. Und als sie das sagte, da war’s für ein Bierzelt vorübergehend ziemlich ruhig. Und niemand mehr wiederholte die Kritik von Renate Künast, bis eben Sie Ihren Bericht brachten, Herr Müller-Raith.

Da zauberten Sie dann den Historiker Wolfgang Benz wie Kai aus der Kiste, der gar nicht dabei war, und ließen ihn sagen, Merkels Planer hätten da noch ein paar Minuten freigeschaufelt, vor dem Bierzelt gehe es „noch schnell in die KZ-Gedenkstätte“, „ich glaube nicht, dass das bei Überlebenden und anderen nachdenklichen Menschen gut ankommt“. Und dann höre ich wieder Sie, Herr Müller-Raith, und Sie sagen jetzt: „Max Mannheimer sieht das ähnlich.“ Nein, Herr Müller-Raith, das tut er eben nicht. Max Mannheimer sieht das völlig anders. Das ist Ihnen aber egal. Sie blenden Max Mannheimer ins Bild ein und sagen, er habe befürchtet, nur als „Statist für ein paar schöne Bilder in den Nachrichten missbraucht zu werden“. Wie verzweifelt müssen Sie gewesen sein, als Sie keinen einzigen O-Ton von Max Mannheimer bekamen, in dem er Ihre Sicht der Dinge bestätigte? Dass Sie jetzt bruchlos einfach schnell das Gegenteil von gerade eben behaupten und unauffällig formulieren: „Es kam anders“ – in der Tat – weil dann Max Mannheimer von der großartigen Resonanz spricht, die er bekam, das große Presseaufgebot und die Aufmerksamkeit lobt – „was will man mehr?“ Denn genau das ist ja Mannheimers großes Anliegen – den Holocaust in der Öffentlichkeit zu halten und im Bewusstsein der Deutschen zu bewahren, was in Ihrem Namen geschah.

Sie sollten sich schämen, Herr Müller-Raith. Denn Sie waren es, der diesen Mann zum Statisten degradierte, der sich weigerte, als Protagonist Ihre Meinung zum Kanzlerbesuch in Dachau zu vertreten.

  1. bitterlemmer

    Viel besser!

Was denkst Du?