Haben die #NSU-Terroristen eine Tat ausgerechnet vor den Augen einer #DKP-Funktionärin ausgeheckt?

Verblüffend, welche Wendung die Dinge manchmal nehmen. Eine einzige Zeugin hat Beate Zschäpe bisher an einem der Tatorte der NSU-Morde gesehen – und diese einzige Zeugin entpuppte sich im NSU-Prozess in München ausgerechnet als die frühere DKP- und SDAJ-Funktionärin Vera von Achenbach.

Das macht ihre Schilderungen im Zeugenstand erstmal nicht unglaubwürdig. Sie habe aus ihrem Wohnungsfenster immer wieder auch mit einem Fernglas in den Nachbargarten gespäht und dabei eine Gruppe von vier Leuten gesehen, die in Reih und Glied nebeneinander standen. Einer von ihnen sein ein Dortmunder Skinhead gewesen, bekleidet mit einer Camouflage-Hose. Die anderen seien Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gewesen. Sie habe sie genau erkannt und drei bis fünf Minuten ohne Störung betrachten können. Dann habe sie das Fenster geöffnet. Das hätten die Leuten unten bemerkt. Beate Zschäpe habe sie frontal angeschaut. Die Gruppe habe sich dann  schnell entfernt. Die Beobachtung auf dem Grundstück sei für sie beunruhigend und bedrohlich gewesen. Sie gab auch wieder, wie ihr Mann darauf reagierte. Der habe bündig gemeint, da seien Neonazis am Werk, die etwas vergraben würden.

Für teils misstrauische Nachfragen von Richter und Bundesanwaltschaft sorgte freilich schon der Umstand, dass Frau von Achenbach diese Beobachtung jahrelang erstmal für sich behielt und nicht der Polizei mitteilte. Dabei habe sie gleich nach dem Auffliegen des Trios die Fahndungsfotos in den Zeitungen gesehen – und nach eigener Angabe liest sie jede große überregionale Zeitung in Deutschland außer der Bild, außerdem eine Dortmunder Zeitung. Frau von Achenbach sagte, der Polizei habe sie sich nicht anvertrauen wollen. Die hätte womöglich Beamte ins Nachbarhaus geschickt, und da, so ihr Verdacht, könne einer der Bewohner ebenfalls ein Neonazi sein. Außerdem habe längere Zeit ein Wohnmobil auf dem Nachbargrundstück gestanden, womöglich mit Zwickauer Kennzeichen.

Munter im Gerichtssaal wurde es, als Rechtsanwalt Olaf Klemke sich die Zeugin vornahm. Er war es, der sie dazu brachte, ihre kommunistische Funktionärsvergangenheit auszubreiten, und es bereitete dem Anwalt sichtlich Vergnügen, sie zu examinieren. Wie genau sie die Gesichter der Gruppe denn sehen konnte? Wie weit sie entfernt war? Nahe genug, um sie eben so zu erkennen, gab Frau von Achenbach zurück. Warum sie dann ein Fernglas benutzt habe? Um die Gesichter besser zu erkennen. Warum, habe sie vorgehabt, die Personen später einmal zu identifizieren? Selbstverständlich nicht, gibt die Zeugin lachend zurück. Wie lange sie dort herunter geschaut habe? Vier bis fünf Minuten. Und dann das Fenster geöffnet, „weil ich mein Gesicht zeigen wollte“. Warum habe sie ihr Gesicht zeigen wollen? „Ich halte das so. Ich beobachte keine Menschen hinter Glas“.

Das Ziel von Anwalt Klemke war klar. Er wollte die Glaubwürdigkeit der Zeugin erschüttern. Es war eine Zeugin, die ohnehin schwierig war – denn es wäre eine außergewöhnliche Begebenheit, wenn die NSU-Terroristen eine ihrer Taten ausgerechnet in Sichtweite und Nachbarschaft einer einst hohen DKP-Funktionärin ausgeheckt hätten.

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