Hochnotpeinliches Richter-Verhör: Die Ausreden des Beamten T., der am #NSU-Tatort war

Die lange Liste von Zufällen und Merkwürdigkeiten beginnt schon in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Damals wurde der Postschalterbeamte Andreas T. für drei Monate an das Landesamt für Verfassungsschutz abgeordnet. Das war im Februar 1994, wie T. als Zeuge im NSU-Prozess aussagte. Was an dem Postler so interessant war für den Verfassungsschutz bleibt einstweilen unklar. Aber der Geheimdienst muss Gefallen an ihm gefunden haben, denn er wechselte dann dauerhaft dorthin und hatte bald einen richtig spannenden Job – als V-Mann-Führer, der verdeckte Informanten aus den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus führte.

So richtig merkwürdig wird es aber am 6. April 2006. Es ist ein Donnerstag. Andreas T. verlässt am Nachmittag seine Dienststelle in Kassel. Er fährt in die Holländische Straße zu einem Internet-Café. Nach eigener Aussage war er schon ein paar Mal dort. Gegen 16.50 Uhr betritt er den Laden und begrüßt im Vorraum den Besitzer, Halit Y. (?21), der hinter seinem Tresen sitzt. T. geht am Tresen vorbei in ein Hinterzimmer, in dem mehrere grob genagelte Boxen als PC-Plätze eingerichtet sind. Er setzt sich in Box Nummer 2, fährt den Computer hoch und wählt sich um exakt 16.52 Uhr auf der Dating-Seite ilove.de ein. Er loggt sich mit einem Nutzernamen „wildman70“ ein. Andreas T. ist frisch verheiratet, seine Frau schwanger. Er habe nachschauen wollen, ob neue Nachrichten für ihn eingetroffen sind, sagte er bei seiner Vernehmung im Münchner Gericht. Er liest, welche Fortschritte seine Online-Flirts gemacht haben und antwortet seinen Partnerinnen. Um 17.01 Uhr fährt er den Computer herunter. Er verlässt die Box und geht zurück zum Tresen am Eingang. Dort, so jedenfalls seine Aussage, habe er den Besitzer nicht gesehen. Er sei vor die Tür gegangen und habe dort nachgeschaut, dann sei er wieder hinein gekommen. Kurz entschlossen habe er sein Portemonnaie aus der Tasche gezogen, 50 Cent herausgenommen und auf den Tresen gelegt, und zwar extra ein Stück von einem Teller mit anderen Münzen entfernt, damit Halit Y. auch bemerkt, dass dieses Geld nichts mit den anderen Münzen zu tun hat. Dann habe er das Café verlassen. Direkt vor der Tür parkte sein Auto. Er steigt ein und fährt nach Hause. Sagt Andreas T. Aber war es wirklich so?

Die tödlichen Projektile stammten aus der NSU-Ceska

Bei Halit Y. konnte man nicht nur im Netz surfen, sondern auch günstig telefonieren. In einem anderen Raum des Geschäfts waren mehrere Telefonboxen eingerichtet. Dort hielt sich Faiz Hamadi S. auf. Um 17.03 Uhr hatte er sein Gespräch beendet und ging in den Vorraum. Dort fand er Halit Y. auf dem Boden hinter dem Tresen. Gleich darau kam Halits Vater in den Laden. Er wollte seinen Sohn im Café ablösen. Als er Faiz Hamadi S. und seinen leblosen Sohn auf dem Boden sah, stürzte er herbei und brach in lautes Wehklagen aus. Er nahm den Kopf seines Sohnes in die Hände und versuchte, ihn anzusprechen. Wenig später traf der Rettungsdienst ein, noch einmal ein paar Minuten später die Polizei. Bei der Obduktion finden sich zwei Kugeln in Halits Schädel. Schon der erste Schuss war tödlich. Die Patronen stammen aus einer Ceska 83 – laut BKA-Analyse aus derselben Waffe, die im Brandschutt der konspirativen Wohnung des NSU-Trios in Zwickau gefunden wurde. Auswurf-Hülsen wurden – wie üblich – nicht gefunden, was sich die Ermittler damit erklären, dass der Schütze die Waffe beim Morden in eine Plastiktüte hüllte.

Während der Tat waren nur wenige Kunden am telefonieren oder surfen. Keiner von Ihnen hat die Schüsse gehört, jedenfalls nicht eindeutig. Eine Frau sagte, sie habe ein dreifaches „Tack tack tack“ vernommen, war sich aber nicht sicher, ob da nicht ihre kleine Tochter auf irgendetwas klopfte. Übereinstimmend hatten die Zeugen aber einen lauten Rumms vernommen, etwa so, als sei ein großes PC-Gehäuse auf den Boden gefallen, sagte einer von ihnen aus. Der Rumms war offenbar der Sturz von Halit unmittelbar nach den Schüssen. Die Schüsse waren möglicherweise deshalb nicht zu hören, weil an der Waffe an Schalldämpfer montiert gewesen sein könnte.

Es waren am Ende nur wenige Sekunden des Geschehens, die bisher nicht eindeutig aufgeklärt werden konnten – ausgerechnet die Sekunden, in denen der oder die Täter Halit S. ermordeten und in denen Verfassungsschützer Andreas T. das Café verließ. T. hatte sich verdächtig gemacht, weil er sich als einziger Zeuge nicht bei der Polizei gemeldet hatte. Eine seiner Rechtfertigungen dafür lautet, er sei frisch verheiratet gewesen und habe nicht gewollt, dass seine Frau von seinen amourösen Chats erfährt. Die Polizei verdächtigten ihn, stellte die Ermittlungen aber nach wenigen Monaten wieder ein. Die Redaktionen von Süddeutscher Zeitung und Panorama, die im NSU-Fall gelegentlich stramm auf Behördenlinie berichten, erklärten T. zum Opfer dummer Umstände. Er sei halt zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, das alles sei nur eine Kette von Zufällen gewesen. Panorama bringt einen Beitrag, der versucht, Andreas T. mit einer Mischung aus Verdrehung und Weglassen (dazu weiter unten mehr) reinzuwaschen – siehe hier:

Richer Manfred Götzl, der im NSU-Verfahren den Vorsitz hat, sieht das offenbar nicht ganz so. Die Hartnäckigkeit und Cleverness, mit der er Andreas T. verhörte, gehört zu den bisherigen Sternstunden des Prozesses. Das begann schon damit, dass er den Beamten (er arbeitet inzwischen in der Beihilfestelle des Regierungspräsidiums Kassel) zuerst einmal nach Paragraph 55 belehrte, er also nichts sagen müsse, sofern er sich selber belaste. Dann überließ er es T., seine Version vom Ablauf der Dinge zu erzählen. Schnell ging es um die Frage, warum er sich nicht bei der Polizei meldete. T. sagte, er habe erst am Sonntag, also drei Tage später, aus der Zeitung von dem Mord erfahren. Am nächsten Tag habe er seine Stempelkarte überprüft und festgestellt, dass er am Mittwoch schon früh aus dem Büro gegangen sei, am Donnerstag aber eher spät. Daraus habe er gefolgert, er sei wohl am Mittwoch in Halits Café gewesen und nicht am Donnerstag.

Mit seinen 1,89 Metern Körpergröße musste T. die Leiche sehen

Hier setzte Richter Götzl an. Dieselbe Story hatte Andreas T. schon damals, nur wenige Tage nach dem Mord, den Kripo-Ermittlern erzählt. Tag für Tag ging Götzl die betreffende Woche mit Andreas T. durch. Dabei kam heraus: Am Freitag hatte sich T. freigenommen, weil er da eine Familienfeier hatte. Samstag und Sonntag waren eh Wochenende. Donnerstag war also der letzte Arbeitstag vor dem verlängerten Wochenende. Götzl sagte seinem Zeuge ins Gesicht, dass er das nicht für glaubwürdig hält. Nach seinem Besuch im Internet-Café war die Arbeitswoche für ihn beendet, und das will er nicht mehr gewusst haben?

Um 17.02 Uhr des Tattages, das konnten die Polizeitechniker anhand der Computerdaten eindeutig ermitteln, hatte T. seinen Computer heruntergefahren. Er erhob sich aus seiner Box, ging in den Vorraum und habe bezahlen wollen. Dort habe er den Besitzer Halit Y. aber nicht gesehen, sagte er dem Richter. Er sei daraufhin kurz vor die Tür gegangen, um zu schauen, ob der Besitzer vielleicht draußen sei. Auch dort habe er ihn nicht entdeckt und sei darum wieder ins Café zurückgegangen. Er habe seine Geldbörse gezogen und ein 50-Cent-Stück auf den Tresen gelegt. Dazu ein wörtlicher Auszug aus dem Gerichtsverhör:

Götzl: Haben Sie nicht in Betracht gezogen, etwas zuzuwarten, bis Herr Y. wieder da ist? Sie waren ja ein häufiger Besucher. Es ist ja eine ungewöhnliche Situation, dass man dann Geld dalässt und geht.

Andreas T: Ich hatte genau den umgekehrten Schluss und dachte, dass ich in ein paar Tagen danach Bescheid sage. Ich habe jetzt nicht extra gewartet. Nur so lange, wie man braucht, das Portemonnaie zu ziehen. Ich habe mich wohl relativ schnell dafür entschieden.

Götzl: Gab es Termine, die sie noch hatten?

Andreas T: Ich wollte einfach nur schnell nach Hause.

Zu seiner schwangeren Frau also, nachdem er gerade eben noch mit einer Dame chattete, die sich bei ilove.de „tanymany“ nannte. Ob Halit Y. zu diesem Zeitpunkt schon tot war und hinter dem Tresen lag, vor dem Andreas T. stand, ist bisher nicht mit letzter Sicherheit zu beweisen. Es könnte da noch knapp vor 17.05 Uhr gewesen sein, der Zeit, zu der Halit Y. auf jeden Fall tot war. Götzl will jetzt wissen, ob Andreas T. Blutspritzer auf dem Tresen gesehen hat, als er die Münze hinlegte – nach den Schüssen waren da nämlich welche. Götzl dürfte außerdem die geometrischen Berechnungen der Kripo kennen, die ergeben, dass Andreas T. die Leiche hinter dem Tresen gesehen haben muss, wenn sie da schon lag. Die Beamten haben dafür T.s Körpergröße, seine Augenhöhe, die Armeslänge, die Höhe des Tresens usw. aufgezeichnet. Dazu wieder ein Wortlaut-Auszug des Verhörs:

Götzl: Haben Sie Blutspuren gesehen?

Andreas T: Nein.

Götzl: Wo standen Sie, als Sie die Münze hingelegt haben?

Andreas T: So nah, wie nötig.

Götzl: Wie weit waren Sie vom Tresen entfernt?

Andreas T: So, wie ich brauchte, um das Geldstück hinzulegen

Götzl: Wie groß sind Sie, Herr T.?

Andreas T: Etwa 1,89 Meter.

Götzl: Haben Sie auch hinter den Tisch gesehen?

Andreas T: Nein. Also, offensichtlich, wenn das so der zeitliche Verlauf war… nein.

Götzl: Was haben Sie sich eigentlich überlegt, wo sich Herr Y. aufhält?

Andreas T: Kein… ich denke, im ersten Moment, vielleicht ist er vor dem Geschäft auf der Straße, dann hatte ich den Gedanken, auf den Toiletten, und als ich mich entschlossen habe, das Geld hinzulegen, keinen mehr.

Götzl: Das wäre doch aber naheliegend, zu überlegen, wo könnte der sein…

Andreas T: Weitere Gedanken habe ich mir in dem Moment nicht gemacht

An dieser Stelle hat das Gericht das Verhör unterbrochen. Es wird demnächst fortgesetzt. Etliche Details konnten noch nicht angesprochen werden, von denen einige höchst brisant sind. So sagte einer der Zeugen im Café, Andreas T. habe eine Plastiktüte in der Hand gehalten, die zwar „nicht vollgepackt“ war, in der aber „irgendwas unten drin war“, und zwar etwas schweres, denn die Tüte habe so „nach unten gezogen“. T. behauptet dagegen, er habe nichts in der Hand gehalten.

Offen bleibt bisher auch, ob Andreas T. vielleicht glaubte, er sei anhand seines Profils bei ilove.de nicht ausfindig zu machen. Als Klarnamen hatte er bei seiner Registrierung Jörg Schneeberg angegeben, dazu eine Adresse in Kassel. Einen Mann dieses Namens gibt es nicht, stellte die Polizei fest. Erst anhand der Handy-Nummer kam seine wahre Identität heraus.

Und zu klären bleibt schließlich auch, welche Rolle sein V-Mann aus der rechtsextremen Szene spielte. Andreas T. telefonierte am Tattag zwei Mal mit einem Festnetzanschluss, der dessen Ehefrau gehört. Das eine Telefonat fand am Mittag um 13.06 Uhr statt, das zweite um 17.20 Uhr, also unmittelbar nach den Todesschüssen auf Halit Y. Diesem Anruf folgte wenige Sekunden später ein weiterer auf eine Handy-Nummer, deren Inhaber nicht ermittelt werden konnte.

Was da gesprochen wurde ist bisher nicht bekannt. Aber offenbar wurden diese Gespräche überwacht und aufgezeichnet. Womöglich existieren Abschriften davon. In den NSU-Prozessakten finden die sich nicht – noch nicht. Der Bundesanwaltschaft liegen sie dagegen vor. Bisher weigern sich die Bundesanwälte, die betreffenden Ordner für den Prozess zur Verfügung zu stellen. Aber das könnte sich ändern. Einige Nebenkläger-Anwälte versuchen derzeit, sie in den Prozess einzuführen.

  1. Schütteltier

    Kleine Erläuterung:
    Wie kommt man von der Post zum Verfassungsschutz?
    Anfang der Neunziger wurde die Post privatisiert und die Beamten praktisch freigesetzt/beurlaubt. Und jede staatliche Stelle hatte den (ungeschriebenen?) Auftrag, sich bei Personalbedarf zuerst im Stellenpool der Postbeamten umzuschauen, die mußten ja sowieso bezahlt werden. Und so sind einige von Bahn/Post/Telekom zB zur Polizei oder als Aktenschubser in die Regierungspräsidien gekommen. Und die Behörden haben da gerne zugegriffen, weil sie so leicht an zusätzliches Personal gekommen sind, was man ihnen zB als neu zu schaffende/besetzende Planstelle eher nicht genehmigt hätte.

Was denkst Du?