Das Märchen vom „Wechsel in die Wirtschaft“

Wann hört eigentlich das Gerede aller Parteipolitiker auf, es müsse einem Politiker doch möglich sein, aus einem politischen Amt „in die Wirtschaft“ zu wechseln? In der Causa Pofalla wird uns das jetzt seit Tagen in den Nachrichten als Aktualität verkauft. Man könnte glauben, bis hin zum letzten Hinterbänkler hat gerade jeder Politiker einen Freifahrtschein für seine persönlichen fünf Sekunden Medienruhm, wenn er diese Forderung aufsagt. Das ist, mit Verlaub, einfach lächerlich.

Die Politiker, die das sagen, reden keineswegs von echten Managerjobs, sondern allein von Versorgungsposten für ihresgleichen. Der Aufhänger für diese sich endlos wiederholende Wortspende ist ja der gewollte Wechsel von Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla zur Bahn. Die ist nun weißgott alles andere als ein normales Unternehmen „aus der Wirtschaft“, sondern ein hundertprozentiger Staatsmonopolist, in dem die Bundesregierung, also die Parteien, den Eigentümer Bundesrepublik Deutschland vertreten.

Hier von „Wirtschaft“ zu reden ist darum pure Wortklauberei. Natürlich leistet sich die Bahn auch Manager mit Ahnung von Zahlen und Prozessen, sonst würde bald kein Zug mehr rollen. Aber die Macht haben diejenigen, die zwar nichts von Zahlen und Prozessen wissen, aber eben viel über Macht. Politiker halt. Und Pofalla soll ja auch nicht neuer Vorstand für den Personenverkehr oder das Rechnungswesen werden, sondern ausdrücklich nur dazu da sein, mit seinesgleichen – den Politikern! – Kontakt zu halten. Mit dem Ziel, wenigstens das Streckenmonopol dank administrativen Zwangs des mächtigen Alleineigentümers möglichst auf ewig zu behalten.

Spontan fällt mir tatsächlich nur ein einziger Politiker ein, der aus dem Amt „in die Wirtschaft“, wie ich sie verstehe, gewechselt ist, nämlich Roland Koch. Der war bekanntlich hessischer Ministerpräsident und ist heute Vorstandschef des Baukonzerns Bilfinger + Berger – übrigens sehr erfolgreich. Koch ist aber die Ausnahme, nicht die Regel.

Verräterisch ist auch die Begründung, mit der all diese Wortspender gerade „den Wechsel in die Wirtschaft“ schwummerig definieren. Sie sagen, beide Bereiche, Politik und Wirtschaft, würden dann von den gegenseitigen Erfahrungen profitieren und voneinander lernen. Klingt gut, ist aber totaler Quatsch. Was soll die Wirtschaft bitte von der Politik lernen? Wie man nicht einmal im Jahr der größten Steuereinnahmen aller Zeiten an die Rückzahlung der absurd hohen Staatsschulden denken kann?

Oder wie man sich mit der Verknüpfung unpassender Themen derart verzetteln kann, dass der Laden am Ende nicht mehr rund läuft? Genau dafür ist die Bahn doch das beste Beispiel. Die chaotische Personalplanung bei den Stellwerkern, das Chaos bei der Modernisierung der Waggons, die Klapperkisten, der Schmutz, die verlotterten Bahnhöfe, die permanenten Verspätungen… und jetzt holen die sich nicht etwa einen Experten für Fahrplanmanagement oder technischen Sachverstand – sondern einen Politiker!

Gibt’s eigentlich einen deutlicheren Hinweis darauf, dass die Bahn AG endlich die Gleise weggenommen bekommen muss? Stellen wir die Sache mal kurz vom Kopf auf die Füße schauen auf die Straße: Da ist die Infrastruktur eine öffentliche Aufgabe, nicht aber der Betrieb auf derselben. Es konkurrieren unzählige Spediteure und Logistiker um die Fracht, und mir ist nicht bekannt, dass es da große Probleme gäbe. Warum also muss der Bahn AG das Netz gehören?

Und da dürften wir bei des Pudels Kern sein: Darauf findet nur ein Politiker eine Antwort. Also: Pofalla. Gehen wir davon aus, dass er den Job bekommt.

PS. Ich gebe zu: Ich spekuliere ein bisschen, und ich spekuliere auch ein bisschen anders als im vorigen Eintrag. Aber das ist kann man sicher verschmerzen. Pofalla hat da eine schärfere Wende hingelegt. Schließlich verlangte er 2005 beim Wechsel von Gerhard Schröder zu Putins Gasfirma, was ihn heute nicht mehr schert – nämlich eine Schamfrist beim Wechsel von Politik zu Wirtschaft.

Oder was auch immer unter Wirtschaft zu verstehen sein soll.

Was denkst Du?