#Peggy-Prozess: „Zeugen, die sich sicher waren, vernimmt man nochmal und nochmal und nochmal“

Einer lügt, das dürfte feststehen. Nur wer?

Im Peggy-Prozess hat das Landgericht Bayreuth am fünften Verhandlungstag Wolfgang Schwemmer als Zeugen gehört. Schwemmer war beim ersten Mordprozess der Verteidiger von Ulvi Kulac. Jetzt, in der Wiederaufnahme, attackierte er die Polizei mit Wucht.

Die Ermittler, voran Soko-Chef Wolfgang Geier, hätten ihn ausgetrickst und jede Gelegenheit genutzt, um Ulvi ohne Anwalt in die Finger zu bekommen. Er habe Geier einmal gesagt, Ulvi Kulac werde ohne ihn jetzt gar nichts mehr sagen, erinnerte sich der Anwalt. Geier habe geantwortet: „Sie sind doch auch Vater“ und versucht, ihn emotional unter Druck zu setzen. Das habe ihn sehr geärgert, sagte Schwemmer.

Dann schilderte er den Tag, an Ulvi Kulac sein Geständnis ablegte, und er schilderte das ganz anders als an den vorherigen Prozesstagen Geier und seine damaligen Soko-Ermittler. Das Verhör habe damit begonnen, dass zwei Beamte einen Arbeitsoverall von Kulac aus einer Plastiktüte gezogen und behauptet hätten, da sei sei Blut von Peggy dran, und zwar als „großflächige Anhaftung“. Er habe das hinterfragt und als falschen Vorhalt entlarvt, aber einer der Ermittler habe darauf nur beiläufig die Achseln gezuckt.

Dann sei das Verhör beendet gewesen, ohne Geständnis. Er habe das Polizeigebäude verlassen, sei in sein Auto gestiegen und zum nächsten Supermarkt gefahren. Er habe noch an der Theke angestanden, da habe sein Handy geklingelt.

„Es war ein aufgeregter Herr Geier am Telefon und hat gesagt: ‚Stellen Sie sich vor, er hat gestanden‘“.

Er sei dann stantepede zurückgefahren und habe mit Ulvi unter vier Augen geredet. An die Details erinnere er sich nicht mehr. Er habe auch sein Einverständnis gegeben, dass Ulvi die Beamten dorthin führt, wo er angeblich die Leiche versteckt habe, mehr aber auch nicht. Dass Geier dann mit Ulvi auch noch einen Videodreh in Lichtenberg veranstaltete und die angebliche Tat nachstellte, habe er gar nicht gewusst – und zwar deshalb nicht, weil die Polizei ihm das verschwiegen habe.

Das freilich steht in krassem Gegensatz zu Geiers Aussage. Der hatte berichtete, er habe mehrfach mit Schwemmer telefoniert. Der sei verhindert gewesen. Unfug, konterte Schwemmer und präsentierte seinen Terminkalender von damals.

„Hätte ich gewusst, was die vorhaben, wäre ich mitgefahren. Ich hatte mir den Tag ja freigehalten. Am 2.7. war ein Strich im Kalender.“

Schwemmers Vorwürfe gehen aber noch weiter. So nannte er die Aktenführung „katastrophal“. Es habe eine Hauptakte gegeben, dazu zahlreiche Nebenakten und dann noch unzählige Spurenakten. Dass die Polizei eine Tathergangshypothese hatte, die nach jetziger Erkenntnis Grundlage des Geständnisses gewesen sein könnte, habe er nicht gewusst. Er habe sie jedenfalls nirgendwo gefunden, und wenn er sie nur übersehen haben sollte, dann habe das Gericht sie jedenfalls auch übersehen.

Und schließlich der Umgang mit den Zeugen, vor allem mit Peggys Schulkameraden, die am Tag nach Peggys Verschwinden klipp und klar erzählten, wann sie Peggy wo sahen und deren Aussagen dann immer unsicherer und verschwommener wurden. Schwemmers Worte dazu klingen drastisch:

„Es ist eine Katastrophe! Ein Kind ist verschwunden. Eine Familie vermisst es. Zeugen, die sich sicher waren, vernimmt man nochmal und nochmal und nochmal. Dieses Verfahren ist ein Drama.“

Und als habe das Gericht eine Dramaturgie im Schilde geführt ist der nächste Zeuge einer dieser damaligen Schulkameraden. Am 8. Mai 2001, dem Tag danach, sagte er in seiner Vernehmung, er sei sich sich „hundertprozentig sicher“, Peggy gegen 19 Uhr auf ihrem Roller gesehen zu haben. Am 9. Mai will er nur noch „ein Mädchen“ gesehen haben, das möglicherweise Peggy war. Vor Gericht in Bayreuth sagte dieser Zeuge jetzt:

„Das Problem ist, dass ich so oft gefragt worden bin bei der Polizei und dass der Subtext immer war, das kann doch eigentlich gar nicht stimmen.“

Da sei er, „ich war ja noch ein kleiner Junge“, immer unsicherer geworden.

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