Freispruch!

Achter Tag im Peggy-Prozess.

Gedränge schon am Eingang zum Justizpalast in Bayreuth. Kamerateams haben sich postiert. Oben ist der Verhandlungssaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Um Punkt zehn Uhr eröffnet der Vorsitzende Richter Michael Eckstein die Verhandlung, wie immer sehr formell. „Es kommt zum Aufruf das Verfahren gegen Ulvi Kulac“.

Dann spricht er das Urteil.

„Erstens: Das Urteil des Landgerichtes Hof vom 30.4.2004 wird insoweit […] aufgehoben, als der Angeklagte Ulvi Kulac wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Zweitens: Der Angeklagte wird freigesprochen.“

Nach diesem Satz kommt er erstmal nicht weiter. Von den Zuschauerbänken brandet tosender Applaus auf. Nur mit Mühe kann sich der Richter Gehör verschaffen und mahnt, dies sei hier eine Urteilsverkündung.

„Drittens: Die Kosten des Verfahrens und der notwendigen Auslagen fallen der Staatskasse zur Last.“

Es war keine Sensation mehr, dass das Landgericht Bayreuth Ulvi Kulac im Peggy-Prozess freigesprochen hat. Es war nicht einmal mehr eine Sensation, dass der Freispruch so eindeutig ausfiel. Das Gericht hatte während der sechs Tage der Beweisaufnahme mehrmals angedeutet, dass es nicht an seine Schuld glaubte. Das hat der Vorsitzende Richter Michael Eckstein in seiner Urteilsbegründung auch noch einmal auf den Punkt gebracht. „Der Angeklagte ist aus tatsächlichen Gründen freizusprechen“. Das ist etwas anderes als der sogenannte Freispruch zweiter Klasse aus Mangel an Beweisen.

Eckstein fasst mehrere dieser „tatsächlichen Gründe“ noch einmal zusammen. Da war das Geständnis, in dem Ulvi Kulac beweisbaren Unsinn behauptet hatte. Nachdem er Peggy getötet haben will, habe er als nächstes seinen Freund Nik und dessen Freundin Ulrike zu Hilfe gerufen. Beide seien nach zwanzig Minuten gekommen und hätten mit Ulvi den Leichnam von Peggy und den Schulranzen „ins Auto verbracht“. „Man sei gemeinsam nach Schwarzenstein gefahren. Dort seien die Leiche und der Schulranzen abgelegt worden. So Ulvis Behauptungen im Geständnis, die aber schnell widerlegt gewesen seien.

Das Gericht wollte noch nicht einmal glauben, dass Ulvi und Peggy sich am Mittag in Lichtenberg begegneten. Damit zerlegte es den angeblichen Tathergang gleich an seinem Ausgangspunkt. Eckstein zitiert die Aussage einer Schulfreundin, die Peggy aus dem Fenster eines Busses sah. Da habe sie die Bank schon passiert gehabt, auf der angeblich Ulvi gesessen haben soll, und sie sei schon fast zu hause gewesen. Er führt die Schulfreunde ins Feld, die Peggy am Nachmittag noch gesehen haben, als sie längst hätte tot sein müssen, hätte das erste Urteil von vor zehn Jahren gestimmt.

Das Gericht watschte aber auch die Ermittler ab. Eckstein erinnerte an die Vorhalte, die Polizisten in Vernehmungen machten, mit Anmerkungen wie: „Ich hätte an Ihrer Stelle dies und jenes getan“ oder „Denken Sie gut nach…“. Das sei suggestiv gewesen. Und er erwähnte noch einmal die Tatrekonstruktionsvideos, auf denen Ulvi Peggy mal von vorn, mal von hinten geschubst haben soll. Er schildert, wie eigenartig er es findet, dass Peggy, nachdem sie wieder aufgestanden sein soll, ängstlich und panisch, erstmal wieder ihren Schulranzen aufgesammelt haben soll, bevor sie ihre Flucht vor ihrem vermeintlichen Peiniger fortsetzte. Sein Geständnis enthalte „Divergenzen und Ungereimtheiten“. Nur kurz spricht er über das Gutachten des Psychiaters Hans-Ludwig Kröber und seinen Befund, das Geständnis könne durchaus auch falsch gewesen sein.

Es war ein kurzer, aber beklemmender Prozess. Der Fall Ulvi ist damit abgeschlossen. Das Landgericht kündigte schon Minuten nach dem Urteilsspruch an, dass jetzt auch seine Unterbringung in der Psychiatrie überprüft werde. Seine Betreuerin Gudrun Rödel sagte, sie habe schon einen Platz in einem Wohnheim für ihn.

Aber der Fall Peggy – der ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Niemand weiß, was dem Mädchen am 7. Mai 2001 zugestoßen ist. Die Ermittlungen sind wieder an einem Stand, auf dem sie im Jahr 2002 schon einmal waren. Die fatale Rolle des Gutachters Kröber, die Einmischungen der Politik in das Verfahren, die systematischen Verfehlungen von Polizei und Justiz in diesem Fall (und wohl auch in weiteren Fällen) sind nach wie vor nicht offen gelegt – und damit all das, was den Fall Peggy zum Skandal macht.

  1. Robert Stegmann

    Ich bin gespannt, wie viele Sekunden Herrn Kulac verbleiben, wenn die Strafkammer entscheidet, er darf die Psychiatrie verlassen.

    Herrn Mollath blieben damals 3 Stunden, um bevor er raus geschmissen wurde.

    Robert Stegmann

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