Ramelow. Mellow. Marshmellow.

Bodo Ramelow, der neue Ministerpräsident von Thüringen, mag vorübergehend ein paar Tausend Protestbürger auf die Straße getrieben haben. Aber das gibt sich schnell (oder hat es schon?). Der Mann taugt einfach nicht zur Hasskappe, jedenfalls nicht mehr oder weniger als Angela Merkel und die Politikergeneration, die mit ihr groß geworden ist, also auch Ramelow. Genaugenommen ist Ramelow das Merkel der Linken. Mindestens.

Vor allem können beide, wie es scheint, mit Ideologien nichts anfangen. Auch Ramelow zieht es zur Mitte, den Ort des gemeinsamen Nenners und Kompromisses. Wo er steht und wie er Politik versteht, das verrät er nicht dem Neuen Deutschland, sondern der Bild am Sonntag. Da meint der Reporter, Grüne und SPD würden die Linke in gut und böse unterteilen und die bösen Linken seien nicht koalitionstauglich, die guten Linken dagegen schon. Darauf Ramelow:

Auch manche Linke unterscheiden in gute Grüne und böse Grüne, in gute Sozialdemokraten und böse. In Thüringen geht es aber nicht um gut oder böse, sondern um die Lösung von Problemen.​

Ein Satz, der auch von Merkel stammen könnte. Eine Stanze, die nichts zur Sache, zur politischen Idee oder einer glühenden Überzeugung verrät, sondern nur zum Stil, zum Äußeren. Er hätte auch sagen können, er verstehe sich als politischer Manager. Ein Verwalter. So einer braucht „Probleme“, denn nur dann kann er welche lösen, und könnte er das nicht, wäre er überflüssig und mit ihm gleich der ganze Staat. Das aber will ein Ramelow nicht, genauso wenig wie eine Merkel.

Also löst er Probleme: Die von Gewerkschaftsverbänden, von Unternehmensverbänden, von Bauernverbänden, von allen möglichen Gruppen und Grüppchen. Sammelt hier wie dort an allen fassbaren Stellen ein paar Wählerstimmen ein und schafft sich damit das Fundament, das er braucht. Sorgt dafür, dass die Flanken freigehalten werden, etwa im Rundfunkrat, wo nur die sitzen, die das offizielle Siegel „gesellschaftlich relevant“ tragen.

Die linientreuen SED-ler mögen ihn nicht dafür, auch das hat er mit Merkel gemein, die bei Wirtschaftsliberalen und Konservativen ihrer Partei herzlich unbeliebt ist. Vielleicht schmähen ihn die Linken der Linkspartei demnächst als Sozialdemokratisierer, wie auch Merkel unter dem Verdacht steht, die CDU zu sozialdemokratisieren.

Das muss ihn nicht stören, wie er sich bei Merkel abgucken kann. Scheiß auf die Avantgarde. Die paar Hanseln. Ramelow ist lieber nett im Sinne des sogenannten Normalbürgers, wie Politiker ihn verstehen, also desjenigen, dessen Horizont nach tiefer Überzeugung moderner Politiker (und vieler Journalisten) viel enger ist als der eigene.

Also lässt er’s – wie Politiker so sagen – „menscheln“. Weil das „die Leute“ halt mögen. Verrät, dass seine Mutter ihn als Kind auspeitschte, er ihr aber verzieh. Oder dass er seinem Sohn Knochenmark spendete. Höchst private Dinge. Und keiner merkt, dass er – wiederum à la Merkel – sein Privates sehr überlegt einsetzt. Als er seinen Amtseid schwor, verzichtete er auf das „sowahr mir Gott helfe“, bekennt sich andererseits öffentlich zu seinem christlichen Glauben. Wie das zusammenpasst – wiederum Zitat aus der BamS:

Religion ist für mich Privatsache. Ich bin auf ein Staatsamt vereidigt. Was sollen da die Muslime und Juden denken, wenn ich auf einen Gott schwöre.​

Was für ein Unfug! Kein Muslim und kein Jude käme auf so eine Idee, und kein Muslim und kein Jude linkerer Gesinnung hätte ein Problem damit, von einem linken Ministerpräsidenten regiert zu werden, der „sowahr mir Gott helfe“ sagt. Aber es klingt nett, sanft, korrekt, mellow. Ein Satz fürs Lagerfeuer, wo sie alle zusammensitzen, Merkel, Nahles, Göring-Eckart, Ramelow, ihre Marshmellows auf genfreie Stöcke aus fairen Wäldern spießen und vegetarisch grillen.

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