Ein Angeklagter, der aussieht wie das Klischee eines Kindermörders

Vor dem Landgericht Ingolstadt (Oberbayern) hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der 12 Jahre alten Franziska aus Möckenlohe (Eichstätt) begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zudem vor, drei weitere Mädchen vergewaltigt oder sexuell bedrängt zu haben. Auf seiner Facebook-Seite präsentierte sich der Mann als bekennender Neonazi mit eindeutigen Gewaltfantasien und selbst ernannter Kinderschützer.

Das Bild, das Stefan B. (27) vor Gericht abgab, wirkte wie das Klischee eines Gewalttäters. Ein großer, plump wirkender Mann in schwarzem Hoodie und langem Fuselbart am Kinn. Mit trotzigem Blick ließ er sich unter dem Geklicke der Fotografen zur Anklagebank führen. Er starrte reglos auf den Staatsanwalt, als der die Anklage verlas. Zuerst ging es um die drei Missbrauchsfälle. Bis auf eine junge Frau sind die Opfer alle minderjährig. Eines der Mädchen kam am Ende wohl nur deshalb ohne körperliche Schäden davon, weil ein Spaziergänger am Autofenster klopfte, als der Mann im Wagen die Brüste seines Opfers „knetete“ und sein Geschlechtsteil „manipulierte“, wie es in der Anklage heißt.

Dann nahm sich der Staatsanwalt die schwerste Tat vor, den Mord an der 12 Jahre alten Franziska vor fast einem Jahr. Das Mädchen sei auf dem Heimweg in ihr Heimatdorf gewesen. Der Angeklagte habe sie mit seinem Auto gestoppt und mitgenommen. Den Missbrauch beschreibt der Ankläger nur andeutungsweise. Jedenfalls habe das Mädchen am Ende „schwerste Verletzungen“ gehabt. Sodann habe er Franziska mit einem Holzscheit erschlagen. Am nächsten Tag fanden Angler sie tot in einem Weiher bei Neuburg/Donau.

Die Vorgeschichte von Stefan B. rundet das Bild des perfekten Klischee-Täters. Er ist bekennender Neonazi. Jedenfalls präsentierte er sich als solcher auf seinem inzwischen gelöschten Facebook-Profil. Auf einem Bild zeigte er einen Revolver, versehen mit einer Textzeile aus dem Lied „Vergeltung“ der Neonazi-Band „Landser“. Mit einem „like“ verband er sich mit der Seite der NPD, einem Auftritt der „Reichsbürger“, einer Kampagne mit dem Titel „Finger weg von unseren Kindern“ und weiteren rechtsradikalen Seiten. Seine Sympathie für Gewalt zeigte er auch damit, dass er einen Liedtext des Rappers „Frauenarzt“ postete, in dem es um Vergewaltigungsfantasien geht. Zur Sprache kam die Vorgeschichte am ersten Prozesstag nicht, auch nicht sein sonstiges Vorleben. Seine Bäckerlehre hat er geschmissen. Zuletzt lebte er überwiegend auf der Straße. Manchmal setzte er sich in einen Aufenthaltsraum für Obdachlose, den die Stadt Neuburg in einer ehemaligen Kaserne einrichtete. Gesprochen habe er mit kaum jemandem, erinnert sich ein anderer Besucher, sondern sich nur an einen Tisch gesetzt und seinen Laptop aufgeklappt. In demselben Gebäudekomplex sind auch zahlreiche Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge untergebracht.

Wie sehr Stefan B. als Feindbild provoziert zeigen zwei Ereignisse im Vorfeld des Prozesses. Eigentlich hätte das Verfahren schon im Januar beginnen sollen, aber wenige Tage vor dem geplanten Verhandlungstag griff ihn ein Mithäftling im Gefängnis an und versetzte ihm einige leichte Stichwunden. Und als es dann gestern tatsächlich losging kam heraus, dass dem Gericht eine Drohung gegen Stefan B. vorlag. Ein Verwandter Franziskas habe angekündigt, er werde Stefan B. im Gerichtssaal angreifen, es werde „etwas passieren“, sagte der Gerichtssprecher. Die Polizei habe den „Gefährder“ ausfindig gemacht und angesprochen. Ob er sich unter den Zuschauern im Saal befand war nicht festzustellen, passiert ist jedenfalls nichts.

In den Dörfern des Eichsfeldes, wo Opfer und Täter lebten, ist der Mord an Franziska Thema und Tabu zugleich. Offen möchte kaum jemand darüber sprechen. Manches erfährt man hinter vorgehaltener Hand. Etwa, dass Stefan B. ohne Vater aufwuchs. Seine Mutter lebe dagegen bis heute in Egweil, seinem Heimatdorf, völlig zurückgezogen, ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen. Auch Stefan scheint kaum Freunde gehabt zu haben. Er sei als Kind mal Ministrant gewesen, erinnert sich eine Frau, mehr will sie von ihm nicht mitbekommen haben. Das ist in der Tat ungewöhnlich. Egweil ist sehr überschaubar. Nazi-Gesinnung? Nein, nichts davon bemerkt, heißt es.

Franziska dagegen war überall bekannt. Sie spielte Fußball und hatte viele Freunde überall in der Umgebung, jedenfalls sagen das die Leute. In der Ortsmitte Möckenlohes steht die Kirche, daneben der Kirchhof, auf dem das Mädchen beigesetzt ist, im selben Grab wie ihre Großeltern. Sie war ein Einzelkind. Die Eltern hätten sich lange ein Kind gewünscht, heißt es, aber es habe viele Jahre nicht geklappt, bis dann endlich doch Franziska kam. Ein Wunschkind.

Am 25. Februar wird der Prozess gegen Stefan B. fortgesetzt – mit der Vernehmung des Angeklagten, der sich wohl zu den Tatvorwürfen äußern will.

  1. Reichsbürger sind wir alle. Die, die fälschlicherweise so bezeichnet werden, sind keine Rechten und schon gar keine Nazis.

    • Antonio

      Wolle, falsch, ich bin Bundesbürger. Einer von denen, die geistig nicht vor 1932 sondern in 2015 leben.

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