Wohlstandsterroristen: Im syrischen Terrorcamp war der Swimmingpool kaputt

Auf Ufuk C., dieses etwas dickliche Bürschlein, das in Syrien vom Märtyrertod und  – wirklich! – 72 Jungfrauen träumte und der als Angeklagter vor dem Oberlandesgericht München offenherzig plaudert, komme ich gleich zu sprechen. Heute begann der Prozess gegen ihn. Vorher eine kurze Bemerkung über das Geschäft mit modernen Konsumabenteuern. Jede Tauchbasis weiß, dass ihre ärgsten Konkurrenten nicht andere Tauchbasen sind, sondern Surfschulen, Segelschulen, Wasserski-Anbieter oder die Veranstalter von Bergtouren, Segelflügen oder Fallschirmsprüngen. Darum versucht jede dieser Branchen, ihren Kunden möglichst teures Gerät zu verkaufen. Wer Hunderte oder Tausende Euro in einen Sport investiert hat, neigt dazu, ihm treu zu bleiben.

Insofern hat die islamistische Miliz Al-Nusra mit Ufuk C. einen Fehler begangen. Sie hätte dem Mann, den sie mit anderen deutschsprachigen Novizen im „Deutschen Haus“ im syrischen Al-Nusra-Gebiet unterbrachte, nicht nur dabei zuschauen sollen, wie er einem österreichischem „Bruder“ eine private Kalaschnikow abkaufte. Sie hätte vielmehr namens Mohammed einen offiziellen Szeneladen einrichten und damit gutes Geld verdienen können.

Er habe für die Kalaschnikow 700 Euro bezahlt, sagte Ufuk C.. Das war schon deshalb ein heftiger Preis, weil er nach eigener Aussage nur 1300 Euro nach Syrien mitgenommen hatte. Es muss ihn regelrecht gedrängt haben, seine eigene, persönliche Ausrüstung zu besitzen. Dabei habe ihm Al-Nusra alle nötigen Waffen ohne Entgelt gestellt. Der Richter wunderte sich. Der Betreiber einer Tauchbasis würde sagen: Kenne ich von meiner Kundschaft auch. Ein geliehener Atemregler mag zwar genauso gut funktionieren, aber der eigene fühlt sich irgendwie besser an.

Vorrangig dürfte das daran liegen, dass der geliehene Atemregler ebensowenig wie die geliehene Kalaschnikow dazu taugt, die eigene Persönlichkeit zu definieren. Ein Leihgerät ist kein Statement. Ein Konsumstatement ist aber wichtig in einer Gesellschaft des Überflusses, also in der Münchner Gesellschaft, in der Ufuk C. aufwuchs und in der alles ein Statement ist – Klamotten, Schmuck, Frisur, Armbanduhr, Handy, Computer, Auto, Wohnviertel, usw.

Für seine wohl bestenfalls mittelmäßige Intelligenz hatte Ufuk C. jedenfalls  erstaunlich viel Geld zum freien Verprassen. Hauptschulabschluss erst im zweiten Anlauf, Bäckerlehre begonnen, Tätigkeiten als Bäckerei- oder Dönerverkäufer, nebenbei noch ein Putzjob, all das habe ihm monatlich einen Batzen von 800 oder 900 Euro eingebracht. Zuhause habe er davon nichts abgeben müssen, Kost und Logis hatte er bei den Eltern frei.

Das Geld sei also für Marihuana, ein Motorrad, ab und zu Wodka und sonstige Dinge zum Zeitvertreib draufgegangen, bekannte Ufuk C. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass islamistische Kämpfer eher selten zur Waffe greifen, weil sie unterdrückt oder diskriminiert werden – hier wäre er.

Auch die Religion spielte wohl keine besonders ernsthafte Rolle. Das kam schon ziemlich zu Beginn der Befragung heraus. Peinlicherweise wusste Ufuk C. die Frage des Richters nach dem höchsten islamischen Feiertag nicht zu beantworten. Er druckste eine Weile herum. Und noch eine Weile. Und antwortete dann: „Ramadan“. Der sei aber kein Feiertag, sondern ein ganzer Monat, gab der Richter zu bedenken. „Richtig“, erinnerte sich Ufuk C.

„Und womit endet der Ramadan?“, fragte der Richter weiter. Ufuk C.s lichte Antwort diesmal: „Mit dem Monatsende“. Hinten auf der Zuschauerbank brach Stöhnen aus. Dort hatten sich diverse Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten des Angeklagten versammelt. „Bayram“, raunten sie nach vorn. Ufuk schaute rüber und grinste, verstand aber nicht. „Bayram!“, raunte die Familie, vernehmlicher. „Nicht vorsagen!“, mahnte der Richter. „Bayram“, sagte Ufuk. Endlich.

Dabei habe er in Syrien extra Religionsunterricht gehabt, natürlich im salafistischen Sinn. Sein Religionslehrer sei ein Yezide gewesen, behauptete er. „Wie bitte?“, fragte der Richter erstaunt zurück. „Äh, aus Jemen“, korrigierte sich Ufuk C. Vielleicht bekam er vom Religionsunterricht auch deshalb nicht viel mit, weil der etwas „kompliziert“ verlief. Der Lehrer predigte nämlich nur auf arabisch. Das übersetzten einige auf englisch, was die Deutschen, jedenfalls Ufuk, aber auch nicht verstanden. Vom Englischen übersetzten also wieder andere auf deutsch.

Das wichtigste blieb immerhin hängen – nämlich die Sache mit den 72 Jungfrauen und der angenehme Umstand, dass der Märtyrertod „nur eine Sekunde“ dauere. Also „Märtyrer, und durch!“, subsummierte der joviale Richter. „Genau“, bestätigte Ufuk C.

Das Leben im „Deutschen Haus“ sei ansonsten ganz in Ordnung gewesen. Man habe ein bisschen Sport gemacht. Nur schwimmen ging nicht. „Im Swimmingpool war die Pumpe kaputt“. Darum hätten die Deutschen oft die Niederländer besucht. Die hätten auch ein eigenes Haus für den Ismalisten-Nachwuchs gehabt, und da sei der Swimmingpool in Ordnung gewesen.

Das klinge ja wie „Schullandheim“, bemerkte der Richter. Die Sache wurde dann aber doch etwas ernster, nämlich in einem Trainigscamp. Da habe jeder Tag mit einer Stunde Lauftraining begonnen, erst ohne, dann mit Waffen. Dort gab es dann auch besagten Religionsunterricht und „taktische“ Schulung, etwa, wie man eine Schussposition einnehme.

Vor allem aber habe er da auch gewisse verstörende Dinge beobachtet, die ihm nicht so recht gefielen. Etwa die Flugzeuge, die „Fassbomben“ auf eine benachbarte Kaserne warfen. „Wir haben die Druckwelle gespürt“, erinnerte er sich. Und dann hätten sich Gerüchte über eine Feindschaft zwischen islamistischer IS und islamistischer Al-Nusra herumgesprochen. Die IS-Leute hätten die Al-Nusra-Leute töten wollen, habe es geheißen. „Also Muslime gegen Muslime“, sagte Ufuk C. „Da kann man mal sehen, wie schnell man zum Ungläubigen wird“, brachte der Richter die Sache auf den Punkt. „Genau“, bestätigte wiederum Ufuk C.

Er habe sich deshalb recht schnell wieder Richtung Türkei zur Heimreise abgesetzt. Im Sommer 2014 landete er wieder in München, wo er noch am Flughafen festgenommen wurde – womit der eigentliche Teil der Geschichte folgt. Der handelt davon, wie Ufuk C. überhaupt nach Syrien kam. Das habe damit begonnen, dass er im Internet Videos einschlägiger Salafisten sah, etwa von Pierre Vogel oder dem Rapper Deso Dogg. Er sei dann auch immer in die somalische Moschee in seiner Münchner Nachbarschaft gegangen. Da habe er Harun P. kennengelernt, gegen den das OLG derzeit auch verhandelt. Harun P. habe ihn zu Al-Nusra vermittelt und die Reiseroute organisiert.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft hat sich Ufuk C. „an einer im Ausland bestehenden Vereinigung als Mitglied beteiligt“, deren „Zwecke und deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Mord und Totschlag zu begehen“. Dass er so bereitwillig redet dürfte wohl eher für Harun P. zum Problem werden als für Ufuk C. Letzterer könnte als naiver Mitläufer durchgehen und mit einer eher milden Strafe rechnen. Das Gericht hat weitere sechs Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil könnte am 9. Juni fallen.

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