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Zschäpe will reden? Warum schweigt sie dann sogar gegenüber ihren Verteidigern?

Es ist die Dramaturgie einer großen Zicke. Erst ganz am Ende ihres neuesten Briefes an das Gericht (liegt mir vor) kommt Beate Zschäpe auf den Punkt, der alle interessiert. Genauer: Im Postskriptum. Da heißt es, aus rechtlichen Gründen nicht wörtlich zitiert:

Die drei Anwälte würden ankündigen, sollte sie ihre Strategie ändern wollen und eine Aussage zu einzelnen Vorwürfen machen, so würden sie mit ihr einen Antrag an den Vorsitzenden abstimmen, ihre Bestellung aufzuheben.

Strategie soll wohl „schweigen“ heißen. Sollte sie also nicht mehr schweigen wollen, würden sich die Anwälte vom Acker machen wollen. Weiter:

Da sie sich durchaus mit dem Gedanken beschäftige, etwas auszusagen, sei eine weitere Zusammenarbeit unmöglich.

Ach nee, Zschäpe möchte „etwas aussagen“? Aber die Anwälte lassen sie nicht? Abgesehen davon, dass die Anwälte sie daran nicht hindern könnten, lautet der nächste Satz (wenn wörtlich, nur zufällig):

Ich fühle mich geradezu erpresst.

Das ist schwer verständlich, denn eher ist es Beate Zschäpe, die versucht, das Gericht zu erpressen. Motto: Entweder befreit ihr mich von meinen lästigen Anwälten oder ich sage auch weiterhin nichts. Beziehungsweise: Wenn ihr mich von meinen lästigen Anwälten befreit werde ich „etwas aussagen“, aber bis dahin verrate ich nicht, was.

Das ist nicht nur kindisch, es ist auch absolut unglaubwürdig. Man muss nur den Rest von Zschäpes Brief lesen. Da beschwert sie sich vor allem darüber, dass ihre Anwälte ihr kürzlich mal richtig die Leviten gelesen hätten. Dass sie das getan haben steht wohl außer Frage. Alle drei Verteidiger haben dem Gericht bestätigt, dass Zschäpe sie mehr oder weniger korrekt zitiert.

Die interessanteste Levite betrifft ausgerechnet Zschäpes angeblichen Wunsch nach einer Aussage zur Sache. Wie sich herausstellt, schweigt Zschäpe nämlich nicht nur vor Gericht, sondern auch gegenüber ihren Verteidigern. Das wiederum finden die nicht so toll und haben ihrer Mandantin darum bescheinigt, sie gebe nur Fragmente ihres exklusiven Wissens weiter, was nicht optimal sei für die Verteidigung. Wieder was gelernt! Bisher fragte ich mich manchmal, ob die Anwälte vertraulich spannenden Stoff erfahren. Aber wie es aussieht wissen die nicht viel mehr als ich.

Außer gelegentlich. Über manche Zeugen ärgert sich Zschäpe wohl, das sieht man ihr auch an. Und tuschelt dann wild mit ihren Anwälten. Das war auch so, als kürzlich ein Schulfreund von ihr aussagte. Der erzählte offensichtlich fantasievollen Unsinn. Wenn man seine Schilderungen zusammenrechnete, müsste Uwe Böhnhardt ein extrem frühreifes Bürschchen gewesen  und schon mit 14 ein eigenes Auto gehabt haben, natürlich mit den Initialen von Adolf Hitler im Kennzeichen.

Bei dieser Vernehmung machte Sturm zwei Mal „Verteidigerwissen“ geltend. Das ist prozessual etwas anderes als Täterwissen oder Angeklagtenwissen. Ein Anwalt muss nicht preisgeben, woher sein „Verteidigerwissen“ stammt. Dass in diesem Fall Frau Zschäpe kurz vorher auffällig mit Frau Sturm getuschelt hatte muss als reiner Zufall gewertet werden.

Normalerweise jedenfalls. Aber Zschäpe wirft Sturm jetzt melodramatisch vor, sie habe einen

Vertrauensbruch, der größer nicht sein kann

begangen, und zwar bei der Vernehmung dieses Schulkameraden. Der Vertrauensbruch soll wohl darin bestanden haben, dass Sturm Infos verwendete, die Zschäpe ihr zugetuschelt haben mag. Tatsächlich konfrontierte Sturm den Zeugen zwei Mal mit „Verteidigerwissen“. Das besagte:

1. Das Kennzeichen an Uwe Böhnhardts Auto hatte keine Buchstabenkombination mit den Initialen AH, sondern lautete anders (Sturm trug ein komplettes Kennzeichen aus dem Verteidigergedächtnis vor).

2. Beate Zschäpe lernte Uwe Böhnhardt im Jahr 1994 kennen.

So jedenfalls habe ich die Vernehmung dieses Schulkameraden am 193. Verhandlungstag mitgeschrieben. Und es scheint zu stimmen, denn Anwältin Sturm bestätigt in ihrem Schreiben ans Gericht, dass sie zwei Mal frisch erworbenes Verteidigerwissen vorhielt, allerdings mit Einverständnis ihrer Mandantin.

Spannend ist auch, wie Zschäpes Anwälte das Auftreten der Angeklagten in vertraulichen Gesprächsrunden im gesicherten Hinterzimmer des Gerichts beschreiben. Auch das zitiert Zschäpe ausführlich in ihrem Brief und demontiert sich damit klassisch selber. Da steht etwa, sie halte sich für die „Vorsitzende“ des Verteidigungskomitees und versuche, den Anwälten Anweisungen zu erteilen. Sie zeige dazu auch noch „anmaßendes und selbstüberschätzendes“ Verhalten.

Im NSU-Prozess muss das das Gericht für eine Verurteilung Zschäpes ihre Rolle im NSU-Trio klären. Sie hat ja nicht selber geschossen. Was, wenn ihr Ego so ausgeprägt ist, dass sie nicht nur in der Verteidigung Vorsitzende sein will? Was, wenn sie die Vorsitzende des NSU war?

bitterlemmer:

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  • Lieber Christoph!
    Beate Zschäpe möchte reden ?
    Nach nunmehr über 200 Prozesstagen und Millionen an Kosten die dieser Alibiprozess in München bereits gekostet hat, fällt es mir schwer zu glauben, dass Beate Zschäpe jemals bereit wäre sich zu äussern. Sie stellt inzwischen für jede Seite, egal welcher politischen Position eine Bedrohung dar und ist sich dessen sehr wohl bewusst. Der Versuch gerade in Muenchen Demokratie in juristischer Form zu demonstrieren, zeigt nur auf wie perfide man mit den Wählern ins Gericht geht.
    Ging nicht gerade von Muenchen der unbedingte Wille aus, die Abgabe der Mordserie ans BKA zu verhindern und schlossen bayr. Parlamentarier nicht von vornherein einen rechten Hintergrund aus?
    Ich vermisse die Vorladung G. Becksteins als unmittelbar Beteiligtem und seines kriminalistischen Lakaien W.Geier, die durch berechnetes politisches Kalkül den Weg frei machten zur bundesweiten Ausdehnung der Mordserie.
    Stattdessen werden Zeugen vorgeführt die Zschäpes schulischen Wertegang aufzählen und den Steuerzahler an jedem Prozesstag 190.000,- Euro kosten.
    Nie wurde die Frage in Erwägung gezogen, welches kinderpornographische Material auf Zschäpes PC gefunden wurde, klar das Verfahren wurde ja schon vor Prozessbeginn eingestellt. Auch Böhnhards eventl. Beteiligung an der Ermordung eines kleinen Jungens in Halle ist hier nicht Gegenstand.
    Vielleicht sollten einige Journalisten mit dem Fernbleiben vom Prozessgeschehen dieser Show endlich die Bühne nehmen und ihre Kameras dorthin drehen, wo dieses Possenspiel angeordnet wurde. Nicht das der Eindruck entsteht, die Pressefreiheit ist Bayerns eigentliches Damoklesschwert.