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Ladenschluss und Leitkultur

Ist eigentlich noch niemandem aufgegfallen, dass die Betreiber der beliebten Berliner Spätis jedenfalls dem Augenschein nach durchweg Türken oder Araber sind? Kurz für alle Bayern: Spätis sind eine Art Tante-Emma-Laden, in denen Bier aus gestapelten Kästen verkauft wird, außerdem Spirituosen, Süßigkeiten und manchmal auch Fertiggerichte, Wein und die nötigsten Drogerieartikel. Sie befinden sich in den Stadtteilen Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain, Wedding und anderen Kiezen, in denen viele Zuwanderer leben. Sie heißen so, weil sie auch nachts und sonntags geöffnet haben. Die Kundschaft besteht meist aus Anwohnern des betreffenden Kiezes, und zwar mehrheitlich – ebenfalls nach Augenschein – Familiendeutschen oder frisch zugezogenen Hipstern aus der nördlichen Hemisphäre.

Diese Spätis haben in Berlin (und wohl auch in westdeutschen Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil) eine gewisse Tradition. Es gab sie schon zu Zeiten, als die Mauer noch stand. Als Jugendlicher habe ich mich im Stillen immer gewundert, warum für diese Geschäfte der gesetzliche Ladenschluss scheinbar nicht gilt. Ich habe mir dann gedacht, dass das wahrscheinlich daran liegt, dass die Besitzer in der Regel Türken sind und dass sie deshalb nicht an die gesetzlichen Schließzeiten der Deutschen gebunden sind.

Auf jeden Fall musste es sich um eine gute Geschäftsidee gehandelt haben, denn im Laufe der Jahre breiteten sich diese kioskartigen Läden mit zeitgemäßem Tagesbedarf immer mehr aus. Das bayerische (und auch sonst ländliche) Pendant zum Späti nennt sich übrigens Tankstelle. In Bayern ist diese Art des Einkaufs vermutlich sogar besonders beliebt, denn kein Bundesland ist beim staatlichen Verbieten des Einkaufens wahnsinniger als Bayern. Der Freistaat zwingt den Einzelhandel, spätestens zm 20 Uhr die Türen zuzusperren (außer natürlich die Tankstellen-Spätis.)

Inzwischen weiß ich natürlich, dass das Ladenschlussgesetz auch für Berliner Spätis gilt, und da rückt jetzt der traurige Rest des früheren bundesweiten Ladenschlussgesetzes in den Fokus, nämlich das generelle Verbot, sein Geschäft an Sonntagen zu öffnen. Ausgerechnet in Berlin-Neukölln hat das Ordnungsamt nach jahrzehntelangem Nachdenken bemerkt, dass sich die Spätis daran meist nicht halten. Ausgerechnet in dem Bezirk, in dem weniger funktioniert und mehr Chaos regiert als fast irgendwo sonst in Deutschland will die Exekutive bayerische Sonntagsruhe durchsetzen. Und das wirft ein paar wirklich interessante Fragen auf.

Schauen wir uns an, warum es überhaupt noch einen gesetzlichen Ladenschluss und ein Verkaufsverbot an Sonntagen gibt (außer für Tankstellen). Es sind zwei Lobbygruppen, die dafür gesorgt haben: Die Kirchen und die Gewerkschaften.

Die einen wollen den Menschen das Einkaufen verbieten, wenn der Küster zum Gottesdienst läutet, weil sie fürchten, die Kirchen blieben sonst ganz leer, was natürlich totaler Quatsch ist.

Die anderen bemühen den Arbeitnehmerschutz. Auch dazu ist bereits alles gesagt, was zu sagen wäre. Stichworte: Polizisten, Krankenschwestern, Tankstellen, etc. Und was soll eigentlich arbeitnehmerfreundlich daran sein, einkaufende Arbeitnehmer in die abendlichen Kassenschlagen zu drängen?

Die tiefere Wahrheit sieht darum wohl etwas anders aus. Kirchen und Gewerkschaften sind institutionalisierte deutsche Leitkultur. Als Bastionen der guten alten Zeiten stehen sie auf ähnliche Weise unter Naturschutz wie der gute alte Tante-Emma-Laden, um den es jedesmal ein größeres Gewese gibt, wenn wegen Supermarkt-Konkurrenz wieder einer schließt, vorausgesetzt, es handelt sich um eine teutsche Tante Emma.

Tante Emma ist nämlich nur dann Tante Emma, wenn sie füllig und traditionsdeutsch ist. Auch gesellschaft progressive Kollektive unterscheiden streng zwischen Tante Emma und Onkel Ali. Tante Emma ist schützenswert, Onkel Ali nicht. Das ist in gewisser Weise ein Dilemma. Eigentlich gehört nämlich Onkel Ali als Angehöriger der Migrant/-innen-Minderheit zu einer durchaus von Kirchen und Gewerkschaften geschützten Art. Diesen Status verspielt er aber mit seiner orientalischen Bazarmentalität. Kirchen und Gewerkschaften sind nämlich auch kapitalismuskritisch. Ein migrantischer Kapitalist (und sei er noch so klein) fällt da aus der Art. Er verstößt gegen die Leitkultur der korrekten Art. Dafür lässt ihn das Sozi-Bezirksamt Neukölln jetzt büßen.

Ach ja: Neuköllner Tankstellen dürfen natürlich weiterhin auch Sonntags Bier, Schnaps, Tiefkühlpizza und sonstigen „Reisebedarf“ (haha…) verkaufen.

bitterlemmer: