Arbeitsbedingungen in einem großen deutschen Gericht

Wenn Du mal aufs Klo musst, dann hast Du Pech gehabt. Es ist nicht so, dass es im Oberlandesgericht München kein Klo gäbe, es ist nur so, dass Du nicht hinkommst. Den Ausgang zu einer Art Aufenthaltsbereich, an dem auch ein Klo erreichbar wäre, verstellt während der Verhandlung ein Wachmann, und dem ist es völlig egal, ob Du aufs Klo musst, er hat seine Anweisung, und die kommt von ganz oben, nämlich in Form einer richterlichen Weisung im Rahmen der “Sitzungspolizei”, wie das amtlich heißt. Wenn es gar nicht anders geht kann man den anderen Ausgang nehmen, aber das will wohlüberlegt sein. Wer den durchschreitet, der muss zunächst seine sämtlichen Siebensachen bei sich haben und darf auch keine Jacke oder den Computer im Saal zurücklassen. Und wenn er sich entscheidet, tatsächlich durch die Tür zu gehen, dann hat er damit seinen Sitzplatz aufgegeben. Sollte vor der Tür noch jemand warten, dann bekommt der den Platz und man selber kommt nicht mehr rein.

Ein Witz? Nein. Das ist seit nunmehr 237 Prozesstagen die Praxis im Münchner NSU-Prozess. Über Mittag mal vor die Tür? Klar, aber nur, wenn es zufällig nicht so voll ist, dass man es bereuen müsste, seinen Platz aufgegeben zu haben. Ein warmes Mittagessen? Man liest doch immer über alle möglichen Menschen, denen man in Schule, Wohnheim und sonstwo unbedingt eine warme Mahlzeit am Tag zukommen lassen müsse. Wer als Reporter über den NSU-Prozess schreibt hat eine Auswahl pappiger Semmeln und ein paar Süßteilchen aus der Gerichtskantine. Betreten darf man dieselbe nicht, außer, man gibt seinen Platz auf und verlässt den Sicherheitsbereich. Kaffee gibt’s aus einem Automaten, der etwa einmal pro Monat kaputt ist. Immerhin hat sich eine Verbesserung ergeben: Mittlerweile werden mitgebrachte belegte Brote nicht mehr an der Sicherheitskontrolle beschlagnahmt. In den ersten Prozessmonaten galten die noch als Sicherheitsrisiko.

Überhaupt: Die Sicherheitskontrolle. Es gab schon Tage, da musste ich da fünf, sechs mal durch. Tage, an denen der Prozess nicht voran kam, es ständig Pausen gab und es oben einfach zu depressiv ist. Unten, vor der Tür, trifft man außerdem Anwälte. Man plaudert und diskutiert Hintergründe. Das macht nicht dümmer. Aber es ist halt mühselig. Man trifft die Beteiligten nur dann, wenn man seinen Sitzplatz riskiert und rausgeht. Das gibt es sonst in keinem Gericht dieses Landes. Und man muss jedes Mal wieder die komplette Durchsuchungsprozedur über sich ergehen lassen. Jacke aus, Gürtel aus der Hose, alle Taschen leeren, alles auf das Band legen, durch die Sicherheitsschleuse gehen, sich abtasten lassen, dann zuschauen, wie jede Tasche und jeder Winkel inspiziert werden. Auch nach 237 Tagen jeden Tag Ermahnungen hören wie: “Handy bitte lautlos”, usw. Es ist einfach würdelos. Einige der Beamten kennt man inzwischen, sie begrüßen mich mit Namen und sind nett, sie tun halt, was der Richter ihnen gebietet.

Und dem ist es offensichtlich vollkommen egal, unter welchen Bedingungen Journalisten ihre Berichte absetzen können. Aus der Erfahrung kann ich sagen, dass das Verschicken von Texten ohne Verstoß gegen die Regeln halbwegs machbar ist. Die Telekom darf halt keinen schlechten Tag haben, was leider häufiger der Fall ist. Wenn LTE funktioniert ist alles gut, wenn nicht, dann ist das Senden purer Stress.

Noch schwieriger ist es, Radiobeiträge abzusetzen. Mikrofone, also eigentlich zwingende Arbeitsmittel, sind im Gericht generell verboten. Warum? Weil es in der Weisung steht. IPhones sind in der Weisung nicht erwähnt, obwohl auch die Mikrofone haben. Also drücke ich mich in Sitzungspausen in irgendeine Ecke des häufig übervölkerten Pausenbereichs, spreche in einem verhallten und mit Sprachgewirr durchsetzen Geräuschpegel meine Beiträge ins iPhone und schicke die Audiofiles zum Sender. Der Sound ist zwar miserabel, aber das liegt an der Verfügung des Vorsitzenden, nicht an mir.

Ein bisschen genervt hat mich bisher, dass ich das Gefühl hatte, als einziger Reporter gelegentlich auch mal gegen allzu arge Kalamitäten aufzumucken. Inzwischen scheint mir, dass auch andere Kollegen sich am Umgang des Münchner OLG mit der Presseöffentlichkeit stören. Wir schreien ja gern bei allem möglichen Skandal, aber hier, wo es uns selber betrifft, sind wir jedenfalls bisher unerklärlich ruhig.

Nebenbei: Wenn ich daran denke, wie die Berichterstattung von den ersten Plädoyers oder eines Tages von der Urteilsverkündung funktionieren soll, dann wird mit heute schon schlecht.

Was denkst Du?