Schwarzfahren erster Klasse

In meiner morgendlichen Nachrichtenlektüre las ich heute früh den Satz, die große Mehrheit der Flüchtlinge sei ehrlich und keinesfalls kriminell. Denselben Satz habe ich auch vorher schon immer mal wieder gelesen und nie groß drüber nachgedacht, denn er ist zu banal, um über ihn nachzudenken. Zwar wird vereinzelt tatsächlich behauptet, „die Flüchtlinge“ seien allesamt kriminell, seien „Rapefugees“ oder „Krimilanten“, aber das behaupten nur die aufgeregten Schreihälse, denen Flüchtlinge gar nicht kriminell genug sein können, weil es ihnen ja nur um Stimmungsmache geht.

Dass die Stimmung eh enorm aufgeheizt ist erlebte ich heute früh im Zug von Rosenheim nach München. Ein junger dunkelbrauner Mann, augenscheinlich neues Outfit aus Jeans, Lederjacke, karierter Mütze und buntbedrucktem T-Shirt, spazierte lächelnd durch den Gang und setzt sich vorn in die 1. Klasse. Weil mir das auffiel, schaute ich mir an, ob das auch meinen anderen Mitreisenden auffiel, was offensichtlich der Fall war. Sämtliche Fahrgäste in unmittelbarer Nähe, zwei Biodeutsche wie ich, ein Mann möglicherweise vom Balkan und eine türkisch aussehende junge Frau, fixierten den jungen Mann mit Blicken. Vermutlich dachten alle dasselbe wie ich. Ich fragte mich, ob er wirklich ein Erste-Klasse-Ticket hatte.

Schon gleich nach der Abfahrt kam die Schaffnerin vorbei. Sie fing bei mir, den beiden Biodeutschen, dem anderen Mann und der türkisch aussehenden Frau an. Dann ging sie weiter zur ersten Klasse, wo neben einem älteren Herrn im Anzug nur noch der junge Mann saß. Auf „Ihren Fahrschein bitte“ reagierte er nicht. Auf „Ticket please“, sagte er etwas, was man nicht verstehen konnte. Zu hören war dann nur die Schaffnerin, die immer vernehmlicher fragte: „Ticket – yes or no?“ Die Antwort dürfte jedenfalls nicht „yes“ gewesen sein, denn die Schaffnerin forderte den Mann auf, in die zweite Klasse zu wechseln, wo sie dann mit ihm im Gang stand. „Do you have a ticket“, fragte die Schaffnerin. Der junge Mann antwortete nicht nein, aber auch nicht ja. Er zeigte ihr sein Portemonnaie, allerdings nur von außen und sagte etwas von „ticket at home“. Die Schaffnerin verlangte dann seinen Ausweis. Den zeigte er ihr aber auch nicht, falls er ihn dabeigehabt haben sollte. Dann meinte die Schaffnerin, sie werde die Polizei anrufen, die ihn in München Ost in Empfang nehmen werde. Der Mann lachte und meinte: „no problem“.

Das war dann der Punkt, an dem es im Zug laut wurde. Einer der beiden Biodeutschen schimpfte wild drauflos. Der Herr in der ersten Klasse rief: „Das erlebe ich jetzt jeden Tag“. Die Schaffnerin war auch unüberhörbar stinkig geworden. Nur die türkische Frau versuchte, die Wogen zu glätten, wobei sie anfänglich den Fehler machte, den Biodeutschen rassistisch zu nennen. Das bestritt er energisch, wobei ihm später auch einfiel, er sei ja mit einer Halbtürkin verheiratet. Vor allem aber sprach er von Merkel, von „alle herholen“, von Armut in Deutschland, dass hierzulande ja keine Sozialwohnungen mehr gebaut würden und noch alles mögliche sonst. Er redete sich richtig in Rage, was insofern überraschte, als er kein bisschen rechts aussah. Im Gegenteil: Mitte 40, etwas längere blonde Haare, hellblaues Oberhemd in der Jeans, wirkte er eher wie ein linker Lehrer.  Die türkisch aussehende Frau sagte eigentlich gar nichts mehr, sondern hörte nur sehr geduldig zu, was ich echt bewunderte. Der Mannn regte mich auf, ich wollte auch was sagen, aber dann klingelte mein Telefon, was vielleicht auch gut so war.

Der junge Mann, der gerade der 1. Klasse verwiesen worden war, setzte sich derweil auf einen Sitz und bobachtete grinsend den Vortrag des Biodeutschen. Er grinste auch, als die türkisch aussehende Frau ihm einmal sagte, der Biodeutsche sei „racist“, ihm dann aber andererseits auch klarmachte, er selber wirke sehr provokativ und müsse sich darum auch selber zuschreiben, dass „the people here“ so heftig reagierten. Auch da grinste er. Mein Telefonat war inzwischen beendet. Ich fragte den Mann, warum er sich eigentlich in die erste Klasse gesetzt hatte. Er fragte zurück, wo ich denn her sei. Ich antwortete, das ginge ihn nichts an.

Hauptsächlich habe ich mich dann mit der türkisch aussehenden Frau unterhalten, die mir sagte, sie sei tatsächlich Türkin, wobei sie sich allerdings auf deutsch gewandter ausdrückte als der Biodeutsche. Ich vermute, dass sie etwas studiert. Die Zugfahrt war zu Ende, als wir uns über die Entwicklungspolitik in Afrika austauschten und über die politischen Präferenzen der unterschiedlichen türkischen Communities in Deutschland. Sie erzählte, dass ihr Vater für türkische Verhältnisse weit links stehe, „also eher deutsche SPD“, und dass es in ihren Kreisen üblich sei, Erdogan abzulehnen. Sie sei aber auch der Meinung, dass Erdogan in den ersten Jahren seiner Macht eine gute Politik gemacht habe, dann aber nicht mehr. An dieser Stelle gingen wir schon über den Bahnsteig, und dann trennten sich unsere Wege, weil ich meinen Zug nach Berlin kriegen musste und sie woanders hinmusste. Wir reichten uns die Hand und vertagten die Fortsetzung unseres Gesprächs auf die nächste Zufallsbegegnung im Rosenheim-München-Express.

Ach ja, der junge Mann aus der 1. Klasse war schon eine Station vorher, in München Ost, ausgestiegen. Er hatte sich noch ein Wortgefecht mit dem Biodeutschen geliefert, auch aus der 1. Klasse war wieder zu hören, „das erlebe ich jetzt jeden Tag“. Der junge Mann meinte, er heiße Kevin Irgendwas und stellte grinsend fest: „no fear of police“. Dann stieg er aus, und ich dachte, er wäre einfach verschwunden. War er aber wohl nicht. Die Schaffnerin, wir waren ja inzwischen eine Gemeinschaft geworden, sagte uns bei der Einfahrt in München Hauptbahnhof, dass die Polizei ihn auf dem Bahnsteig einkassiert habe. Ich schaute auf meine Mitreisenden. Irgendwie schauten sie da alle recht zufrieden. Ich auch, und die junge Türkin ebenfalls.

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