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Soll ich die Bürokratie für einen Presseausweis auf mich nehmen oder einfach drauf pfeifen?

Ich hatte ja letztes Jahr schon überlegt, ob ich den Journalistenberuf generell an den Nagel hängen sollte – weil das Einkommen streckenweise erbärmlich und der bürokratische Aufwand streckenweise aberwitzig ist. Jetzt stehe ich wie jedes Jahr vor der verspäteten Frage: Soll ich auch für 2016 einen Presseausweis beantragen oder soll ich einfach drauf pfeifen?

Tatsache ist: Wenn ich einen habe, dann vereinfacht das den Zugang zu Gerichtsprozessen. Die Gerichte sind immer manischer darauf fixiert, sich von Journalisten den Presseausweis zeigen zu lassen. Ich hatte dieses Jahr ja schon gelegentlich wieder nervtöttende Diskussionen mit Polizeiwachen, die meinen abgelaufenen Ausweis nicht akzeptierten, andererseits aber auch nicht zufrieden waren, wenn ich dann eben als gewöhnlicher Zuschauer in einen Saal wollte, dann aber wiederum ganz gern was zu schreiben dabeihätte.

Tatsache ist aber auch: Ich habe einfach keine Lust, wildfremden Leuten von einer Gewerkschaft meine Verträge oder Honorarabrechnungen offenzulegen. Das stört mich vor allem deshalb, weil ich schon wieder alle möglichen PR- und Werbeleute mit neuem Presseausweis erlebe, ebenso Radiomoderatoren und dann auch noch den einen oder anderen, der eigentlich gar nichts mit Medien zu tun hat. Wie geht das eigentlich zusammen, dass ich jedes Jahr Aufwand und Debatten über die Frage führen muss, ob die Gewerkschaft mich als Journalisten akzeptiert oder nicht, andererseits Leute selbstverständlich als Journalisten akzeptiert werden, die definitiv keine sind?

Sogar nach offizieller Lesart finden die Gewerkschaften ja, dass Pressesprecher von Behörden und Unternehmen in Festanstellung problemloser und unbürokratischer einen Presseausweis zu bekommen haben als ich. Das lässt schon tief blicken, denn ich werde tatsächlich in meinem Beruf behindert, wenn ich einer Behörde dieses nichtamtliche Dokument nicht vorweisen kann. Festangestellte Pressesprecher und Radiomoderatoren nutzen den Presseausweis dagegen hauptsächlich dafür, Presserabatte für Computer, Online-Partnerbörsen, Sexspielzeuge, Autos, Hifigeräte, Polstermöbel und sonstige Dinge abzugreifen.

Ich wiederum als Freelancer habe gefälligst jedes Jahr aufs Neue erstmal meine Berechtigung zu beweisen, dass mein ausschließlicher oder überwiegender Broterwerb journalistisch sei. Das stört mich schon prinzipiell, weil in den Verträgen, die ich habe, Verschwiegenheitsklauseln stehen. Streng genommen verstoße ich dagegen, wenn ich der Gewerkschaft einen Vertrag zeige. Honorarabrechnungen rücke ich auch nur ungern raus. Ich finde, es geht wildfremde Menschen einen Scheiß an, wieviel Geld ich von wem bekomme. Letztes Jahr lief es komischerweise auch glatt, da musste ich nichts vorzeigen, sondern bekam einfach einen neuen Presseausweis ausgestellt. Heuer behauptet dieselbe Bearbeiterin, das sei mitnichten so gewesen und ich müsse Nachweise einreichen.

Tja, soll ich? Oder soll ich das Jahr ohne Presseausweis auskommen und halt jedesmal mit Polizisten oder Gerichtssprechern eine Grundsatzdebatte über die Nichtamtlichkeit und Wichtigkeitsanmaßung für dieses Stück Plastik anzetteln? Bin gerade unentschlossen.

bitterlemmer: