Wie dumm die Fragen eines Fernsehmannes wirken, wenn man sie liest

Thomas Leif ist Chefreporter des SWR und einer der umtriebigsten Apologeten des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks. Er leitet Podiumsdiskussionen mit Politikern, sitzt in allen möglichen Beiräten und hat sich mit seinem Film “Quoten, Klicks und Kohle” als antikapitalistischer Kämpfer gegen freie Medien profiliert – zur Freude seiner Anstalt.

Harald Martenstein ist schreibender Journalist und Kolumnist für Zeit und Tagesspiegel. Er war mal Kommunist und Redakteur mehrerer Zeitungen. Als das Land noch rechts war, war Martenstein links. Jetzt, wo das Land weitgehend sozialdemokratisiert ist, ist Martenstein liberal.

Für das Fernsehen hat Leif Martenstein interviewt. Das Medienmagazin kress.de hat das Interview abgeschrieben und auf seine Webseite gestellt. Leif stellt Fragen, die keine sind. Martenstein ist höflich und antwortet trotzdem. Leif ist das egal. Beantwortet Martenstein eine Nichtfrage von Leif, fügt der einfach die nächste Nichtfrage an. Martenstein hätte auf fast alle Fragen Leifs schlicht mit Ja oder Nein antworten können. Leif fragte u.a.:

Kann man sich über diese Armut empören – dass jeder Fünfte “arm” oder “armutsgefährdet” ist? Empört Sie das?

Was ist denn mit einem Sozialsystem, in dem immer mehr alte Menschen nicht mehr von ihrer Rente leben können, weil die Mieten hoch sind und die Kosten steigen? Am Ende bleiben ihnen 300-400 Euro zum leben. Ist das ein Status, der problematisch ist?

Dahinter steckt ein deutsches Sprichwort: “Jeder ist seines Glückes Schmied”. Mann (sic!) muss also auch in einer schlechten Situation das Beste draus machen. Wäre das auch Ihre Philosophie?

Jetzt schreiben Sie ja selbst, dass Ihr Sohn, der 900 Euro bekommt, “statistisch” als arm gilt. Das hat Sie etwas echauffiert?

Und das finden Sie nicht in Ordnung?

Ist es aus Ihrer Sicht möglich, mit 400 Euro ein vernünftiges Leben zu organisieren?

Vorsicht, Sarrazin-Falle! Sarrazin vertieilte in Berlin mal Einkaufstipps für Hartz-4-Empfänger.

Aber das ist auch keine dramatische Armut aus Ihrer Sicht?

Beobachten Sie, dass sich die Verhältnisse unten und auch oben verfestigen, bei den Reichen?

Und soetwas wie soziale Ungleichheit in Deutschland. Beobachten Sie das?

Sollte man denn die Reichen etwas stärker heranziehen? Im letzten Bundestagswahlkampf war der Rot-Grün-Vorschlag den Spitzensteuersatz ab 100.000 auf 49 Prozent hochziehen. Wäre das eine gute Idee, um mehr Reserven zu haben und mehr Ausgleich in der Gesellschaft zu schaffen?

Ein anderer Teil des Konzepts war, die Erben stärker ranzuziehen. Wäre das nicht sozial? Dass man um etwa die Kinderarmut zu stoppen oder mehr Bildung für Kinder zu ermöglichen – das ist ja immer so die Klammer, wo alle zustimmen können – könnte man ja an die Erbschaften rangehen. Das ist leistungsloses Einkommen, wäre es für Sie daher akzeptabel, die Erben stärker ranzuziehen?

Wie ist das mit normalen Privaterbschaften? Mit privaten Erbschaften in Millionenhöhe etwa aus Lebensversicherungen? Könnte man da nicht 50 Prozent Steuern ansetzen?

Haben Sie einen klugen Gedankenspritzer, wieso die Steuerfragen so heikel sind?

Gedankenspritzer! Köstlich!

Warum ist Umverteilung in unserer sozial gespaltenen Gesellschaft so negativ besetzt?

In Leifscher Manier würde ich gern zurückfragen: Ist Umverteilung in unserer Gesellschaft wirklich negativ besetzt? Ich kenne nämlich fast nur Leute, die Umverteilung irgendwie gut finden.

Aber warum sind auch diejenigen skeptisch gegenüber der Besteuerung der Reichen, obwohl sie nicht betroffen sind?

Glauben Sie, dass der normale Arbeiter oder Angestellte dafür einen Instinkt hat?

Eigentlich ist es also ziemlich perfekt, so wie es in Deutschland geregelt ist – aus Ihrer Sicht? 

Könnte man das einfach mit einer Volksweisheit zusammenfassen: Arm bleibt arm und Reich bleibt reich?

Wie stehen Sie dazu, ist es möglich, eine spürbare Umverteilung zu organisieren, nur für Bildung und Kinder? Wäre das sinnvoll aus Ihrer Sicht?

Wäre es nicht besser, die Sozialhilfe zu kürzen, um denjenigen, die es sich bequem gemacht haben in sozialen Netz, stärker zu motivieren?

Kann man bilanzieren, dass die eine Millionen Flüchtlinge in Deutschland die Armut steigern und den Reichtum schmälern?

Wer will kann sich diese weltbewegenden Fragen samt der weit weniger schmerzhaften Antworten auch als aufgezeichnetes Fernsehen in der SWR-Mediathek anschauen. Man kann es auch bei kress.de nachlesen. Kress.de ist ein Insidermagazin für Medienmacher und wird von Journalisten gern lesen, die z.B. wissen wollen, was für ein Typ ihr künftiger Chefredakteur sein könnte. Mir fiel auf, dass die Kress-Kollegen Herrn Leif mit vollem Titelzierrat als “Prof. Dr. Thomas Leif” vorstellten. Das fiel mir deshalb auf, weil Journalisten das Titelgedöns normalerweise weglassen. Wir schreiben z.B. einfach nur “Angela Merkel” statt “Dr. Angela Merkel”.

Aber die ist ja auch nur Bundeskanzlerin.

Was denkst Du?