Hey Leute, England bleibt auf diesem Kontinent!

Mannomann, was für Mist die letzten zwei Tage so zu lesen ist zum Brexit. Die englischen Wähler sind also “verantwortungslos” oder “doof”. Mimimimi! Das Oberbayerische Volksblatt erschien heute mit der irreführenden Titelzeile: “Briten stürzen Europa in die Krise”. Hä? Habe ich den ganzen Kram mit Griechenland (übrigens immer noch ungelöst), Maastricht, Schengen, Grenzsicherung, Erdogan, Gurken, Glühbirnen, Demokratiedefizit, Aufweichen der staatlichen Gewalten, etc., etwa nur geträumt? Und darf ich auf diese Zeile mal kurz einwerfen, dass einfache Erklärungen nicht nur dann geistiger Dünnpfiff sind, wenn Nazis damit kommen?

Dann las ich auf einem ansonsten ernstzunehmenden Portal die Frage, ob Schweinsteiger weiter in England spielen darf. Sagt mal Leute, das könnt Ihr doch nicht ernst meinen! Genausowenig wie die Frage, ob Engländer mit Wohnsitz in Deutschland demnächst abgeschoben werden müssen. Oder ob es in Zukunft noch Schüleraustausch mit England geben kann. Geht’s noch? Um mal aus meinem eigenen Leben zu erzählen: Ich war als Schüler zwei Mal auf Schüleraustausch in England, einmal in Eastbourne, einmal in New Malden bei London, und beide Male war Großbritannien noch kein EU-Mitglied. Sollte das also in Zukunft nicht mehr möglich sein, dann läge es möglicherweise an denselben Leuten, die die EU in die Grütze gelenkt haben und die jetzt vielleicht aus menschlicher Kleingeistigkeit und Verbiesterheit ihr Mütchen an den Austauschschülern kühlen wollten. Aber möglich ist alles, wenn man es will, und wer es nicht will, hat nicht alle Tassen im Schrank.

Dieses Video veröffentlichte das Bundespresseamt einen Tag nach dem Brexit (Samstag, 25. Juni 2016). Es wirkt so aus der Welt gefallen wie der SPD-Parteitag im Oktober 1989 unmittelbar nach dem Mauerfall, als Oskar Lafontaine die Wiedervereinigung Deutschlands noch kategorisch ausschloss.

Dann der oberlehrerhafte Zeigefinger auf die unterschiedlichen Stimmverhältnisse der britischen Altersgruppen: Ausgerechnet dieselben Leute, die kleinteilige Argumente gegen die Rente mit 67 oder höher ersinnen, ausgerechnet die aus Überzeugung Kinderlosen, ausgerechnet die überzeugten Hedonisten, ausgerechnet die Meckerheinis und Meckertussis, die über Prenzlberg-Mamis lästern – die wollen jetzt die Zukunftsrelevanz des Brexit deuten? Ja, die Jungen haben mit Riesenmehrheit für Remain gestimmt und die Alten mit Riesenmehrheit für Brexit. Aber Stimme ist nun mal Stimme, so ist das in der Demokratie. Wenn Ihr überzeugen wollt mit Eurem Eintreten für die Jungen, dann kämpft für das Kinderwahlrecht, denn damit bekäme die demografisch immer unbedeutendere junge Generation endlich mehr Stimmgewicht. Das wäre mal eine harte Maßnahme und nicht immer nur folgen- und bedeutungsloses Rumgerede und sich-selber-schickfinden.

Und dann noch ein Wort zum Rechtspopulismus in diesem Zusammenhang. Wie oberbescheuert muss man eigentlich sein, die berechtigte Kritik an Politik und Institutionen der EU aus der allgemeinen Debatte auszublenden und mehr und mehr den Rechtsradikalen zu überlassen? Die “Demokratiedefizite” sind doch seit Jahr und Tag ein Diskussionsthema. Bin ich eigentlich der einzige, der ausflippen könnte, dass ausgerechnet Leute Demokratie verlangen, die mit Demokratie nicht das Geringste am Hut haben, während die Demokraten die Demokratie gerade scheiße finden, weil die Ergebnisse ihnen nicht passen? Einfach immer weiter verwalten und pseudoexpertieren in ihren klimatisierten Büros in Brüssel, Straßburg, Luxemburg, Berlin, Paris, Rom, usw. und sich nie vorstellen konnten, dass es wirklich mal scheppert. Falsch gedacht, und seit Jahren gab’s die Warnungen. Und jetzt hat’s gescheppert.

Und es wäre angebracht, wenn jetzt mal jemand den Schuss hören würde. Sonst geht hier noch viel mehr kaputt, und die Wahrheit ist, dass die EU sehr wohl ein Friedensprojekt ist. Hoffentlich immer noch ist!

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