Der beliebte Herr Martins aus München und die Freiheit

Wem gehört Dein Leben? Wer darf bestimmen, was Du sagtst, denkst, kaufst, wen Du liebst, wen Du hasst, was Du anziehst, wo Du surfst, was Du postest?

Münchens Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins sagt: Du darfst das, aber das, sagt Marcus da Gloria Martins auch, sei bedauerlich, weil Du wahrscheinlich noch nicht „bereit“ dafür bist. Spiegel Online featured ein Zitat des bei Journalisten beliebten Uniformträgers so:

„Ich bin überzeugt, dass der überwiegende Teil derer, die heute soziale Medien benutzen, und damit meine ich auch Messaging-Dienste, für dieses Medium noch nicht bereit ist.“

Im Folgenden beschreibt Martins dann, wie aus Vermutungen schnell Gewissheits-Formulierungen würden, und das war’s auch schon. Eine ziemlich dünne Begründung für „nicht bereit“, aus der Herr Martins übrigens welche Schlüsse ziehen möchte? Früher nannte man das „Stille-Post-Effekt“. Gleichwohl wäre niemand auf die Idee gekommen, Menschen öffentlich vorzuhalten, sie seien zu dumm, zu sprechen. Das Gelästere über „das Gerede“ bis zum lakonischen, aber toleranten „lasse reden“ ist so alt wie die Menschheit.

Ebenso alt sind auch obrigkeitliche Versuche, den Menschen das Gerede zu verbieten. Idealerweise fängt man das so an, dass man sie für selbst schuld erklärt. Noch „nicht bereit“ für so etwas Tolles wie Twitter, meint Martins. Die Leute sind zwar glücklicherweise erwachsen genug, ihre Steuern beim Finanzamt abzuliefern, damit er in seine Uniform gesteckt werden und sich eine schöne Brille leisten kann, aber sie mögen bitte gefälligst nicht mehr twittern, und wenn, nur das, was die Politeia gerne hätte.

Wäre Münchens Polizeisprecher jetzt eine unrühmliche Ausnahme – Schwamm drüber. Und würde derartige hoheitliche Anmaßung wenigstens einhellig auf allgemeine öffentliche Kritik stoßen – okay. Aber die Zeiten, als Medien grundsätzlich distanziert mit staatlichen Stellen umgingen, sind ganz offensichtlich vorbei. Wie sonst ist zu erklären, dass eigentlich als kritisch bekannte Medien einem Polizeisprecher eine Plattform für ein ziemlich unverschämtes Statement bieten und das nach Lage der Lektüre auch noch gut finden?

An dieser Stelle möchte ich auf die „12 Thesen für den mündigen Verbraucher“ hinweisen, die sich das liberale Debattenmagazin Novo-Argumente hat einfallen lassen. Sie sind kurz, verständlich und enorm befreiend. Es ist, als habe man im Kopf das Fenster geöffnet und bemerke erst jetzt, welch lähmender Mief sich im Hirn festsetzte. Ich lege sie vor allem allen Journalistenkollegen nahe, denn gerade wir sind es, die reflexhaft neue Gesetze oder verschärfte Regeln verlangen, wenn irgendwo mal was schiefgegangen ist. Seit Jahren tun wir das. Und jedes Mal findet sich ein populistischer Politiker, der uns den Gefallen tut und sich wunschgemäß zitieren lässt. Es mag die Welt hier oder da auch mal sicherer gemacht haben, aber es hat leider Nebenwirkungen, die die positiven Wirkungen längst überdecken.

  • Längst halten wir (außer mir und noch ein paar anderen Versprengten) es für normal und richtig, dass der Staat in Sachen Gesundheit, Kinder oder Soziales alleiniger Bestimmer ist.
  • Längst teilen wir die antikapitalistischen Reflexe, die sich gegen alles richten, was neu, kreativ und irgendwie aufregend sein könnte – außer, es trägt eine Staffette von TÜV-, Labor-, Prüf- und Behördenstempeln.
  • Wir halten unsere Leser, Zuschauer und Hörer für endlos dumm, so dass wir ständig überlegen, ob wir bestimmte Dinge irgendwie komisch formulieren oder weglassen sollten, um den falschen Leuten keine Plattform zu geben. Jawohl: Der Gedanke, wir Medien seien eine Plattform, kommt aus uns selbst, und genau das finde ich auch so krass an der Plattform für Herrn Martins!
  • Wir zitieren bei jeder Gelegenheit irgendeinen „Experten“, der fast immer der Sprecher eine krassharten Lobbytruppe ist. Hauptsache, er bedient die üblichen antikapitalistischen und antifortschrittlichen Reflexe, heiße er Herr Foodwatch, Fräulein Peta, Genosse NGO oder auch Herr Apotheker (das rücksichtslose Eintreten für die Apothekerlobby macht mir die FDP übrigens schon immer unsympathisch). Wenn wir über den Ladenschluss schreiben, dann kommt in unserem Artikel die Gewerkschaft vor, nicht aber die gestresste Kundin, von der wir aber erwarten, dass Sie Geld für unseren Artikel ausgibt.
  • Wir jammern über Konsum, als gehe gleich die Welt unter, und meinen genau das auch noch ernst. Und zitieren höchst einseitig alles, was den Weltuntergang dank vermeintlich überbordender Konsumgesellschaft für wahrscheinlich erklärt, verschweigen aber schamhaft alles, was dagegen spricht oder gar ein besseres Leben dank Fortschritt nahelegt. Die Menschen werden immer älter und gesünder. Armut und Hunger sind Phänomene, die in den letzten Jahrzehnten enorm zurückgedrängt wurden und vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Europa noch verbreitet waren. Nein, es ist Quatsch, wenn jemand (und seien es alle!) behauptet, die Welt werde immer schlechter.

Zurück zu Herrn Martins und zu den selbsternannten Volkserziehern mit und ohne Uniform: Ich kann ja gut verstehen, dass das Internet sie nervt, auch, dass sie hier von einer „neuen Qualität“ sprechen, wenn Sie die Verbreitung von Gerüchten meinen. Schon möglich. Aus Ihrer Sicht von mir aus ein Nachteil der schönen neuen Medienwelt. Aber einer, der – anders als Ihr Nudging-Druck – viel mehr Positives mitbringt als Negatives.

Vor allem nämlich schafft er Teilhabe. Die Menschen sind heute nicht schlechter, sondern besser informiert. Sie sind auch aktiver und fragen mehr. Und ja, sie reden auch Blödsinn, wie immer schon. Der Unterschied für Sie ist nur, dass Sie, Herr Martins, das mitbekommen. Nicht mehr und nicht weniger. So, wie unsereiner dank elektronischer Medien auch schneller mitbekommt, dass Sie die, für die Sie als Beamter dazusein haben, ziemlich respektlos behandeln.

Was denkst Du?