Islam-Extremistin bei Anne Will: Das Problem der ARD mit scripted Reality

Dass bei Anne Will eine Vollverschleierte auftreten konnte ist für sich genommen schon berechtigter Anlass für Kritik. Dass es sich um eine fanatische Extremistin handelte, der die ARD die ganz große Bühne öffnete, nicht minder. Darüber wird sich ja auch gerade munter aufgeregt, bis hin zur Ankündigung von Henryk M. Broder, er werde nunmehr die GEZ-Gebühr verweigern. Sollte er das ernst meinen, dann dürfte es in den nächsten Monaten noch lustige publizistische Momente geben, etwa, wenn Broder das ganze Mahn- und Vollstreckungsprozedere von ARD und ZDF aufs Korn nimmt, bis hin zu der Erkenntnis, dass ARD und ZDF ohne Richter vollstreckbare Forderungstitel ausstellen dürfen. Das dürfen ansonsten nur Gerichte und Finanzämter.

Interessanter aber ist die Frage, wie so etwas wie die letzte Anne-Will-Sendung überhaupt passieren konnte. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, eine derart nur auf Effekt zugespitzte Sendung zu erdenken? In der es offenbar nur um das spektakuläre Bild der Anne Will neben einer vollverschleierten Frau ging? Um einen Skandal, den die Redaktion meinte kalkulieren zu können, sich dabei aber verrechnete?

Die Antwort dürfte in einem Trend liegen, den die ARD schon seit langem immer konsequenter fährt und der höchst bedenklich ist. Er besteht darin, die Grenzen zwischen Fiktion, Unterhaltung und Information aufzuweichen und die Genres zu mischen. Das hat man zuletzt bei dem ebenfalls skandalösen Setup unter dem Titel „Terror“ gesehen. Da sendete die ARD zuerst die wirren Fantasien des Rechtsanwalts und Schriftstellers Ferdinand von Schirach von einer, nunja, Gerichtsverhandlung. Anschließend diskutierte Frank Plasberg mit Gästen das Thema der Schirachschen Fantasien, als handelte es sich um eine relevante Fragestellung aus der Welt der Politik.

Bei Anne Will und ihrer Islam-Extremistin war es ähnlich. Zuerst lief ein Tatort mit passenderThematik. Dann kam Anne Will und begann ihre Sendung mit direktem Bezug zum Tatort. Ihr erster Gast war ein Tatort-Darsteller, dessen Tochter sich radikalisiert hatte und nach Syrien gezogen war. Anne Will fragte ihn als erstes, ob der Tatort die Situation denn so gezeigt habe, dass er sich und den Fall seiner Tochter darin wiedererkenne. Seine Antworten blieben zuächst holprig. Dann besann er sich und sagte – egal, was Anne Will fragte – eigentlich nur noch, der Tatort-Krimi habe das durchaus realistisch dargestellt. Mehrmals sagte er das. Anne Will fragte dann eine Weile nach seinen Gefühlen. Sie klang dabei fast wie einst Bärbel Schäfer oder Arabella Kiesbauer bei ihren früheren Boulevard-Talks, nur halt zu einem Thema mit mehr Fallhöhe.

Nachdem der Tatort-Krimi, also ein fiktives Produkt, als Real-Vorlage genügend geadelt war, richtete sie das Wort auf die verhüllte Frau mit der Schweizer Mundart. Die Sendung, die bereits zur einen Seite entgleist war, entgleiste sogleich erneut zur anderen Seite. Man hätte irgendeine Frau verhüllen und da hinsetzen können, der Effekt wäre immer ähnlich gewesen. Es bestand in dem Bild der als seriös positionierten Anne Will mit der verhüllten Frau. Es sollte wohl dafür stehen, wie tabulos sich die ARD den großen, heiklen Themen nähere. Ich vermute, dass die Casting-Redakteure wohl Schwierigkeiten hatten, überhaupt eine verhüllte Frau der Gattung Radikal-Islamistin aufzutreiben. Von diesem komischen islamistischen Frauenclub in der Schweiz hatte ich jedenfalls nie zuvor gehört. Erst nach der Sendung war die Dame plötzlich bekannt und man erfuhr, dass sie in der Schweiz schon ab und zu auf ähnliche Weise von sich hören ließ. Aber bis zur Einladung bei Anne Will war sie in und für Deutschland schlicht irrelevant.

Dank Anne Will ist sie es nicht mehr. Sie spielte ihre Rolle in diesem TV-Event großartig und trat genau so auf, wie man sich das erhofft haben mag. Und das war es – ein gescriptetes TV-Event. Erst der Tatort, dann Anne Will. Ein abgestimmter Themenabend, den die ARD-Redaktionen sich so schön zurechtgeplant hatten.

Eine verhängnisvolle Mode, die gerade die ARD auch in ihren Themenwochen immer wieder vorführt. Bis hinein in die Tagesschau werden vermeintliche Nachrichten vermeldet, die in Wahrheit nur der Stoff fiktiv wirkender Autoren sind. Journalistische Arbeit sollte klare Grenzen ziehen. Im Journalismus geht es um echte Ereignisse, nicht um erfundene Stoffe. Der Kulturbetrieb mag tun und lassen, was er will. Er mag Romane mit real erscheinenden Themen bringen, wie weiland Orson Welles eine fiktive Alien-Bedrohung real klingen lassen oder sonstwie mit der Wirklichkeit spielen. Das ist Kunstfreiheit und okay.

Aber dass Journalisten die Stoffe von Fabulierern in reale Kontexte mischen ist nur eines: Unseriös. Ebenso unseriös übrigens wie die – mal wieder – still und leise gefällte Entscheidung der Ministerpräsidenten, die überhöhte Rundfunkgebühr überhöht zu belassen und nicht zu senken.

  1. Es lag vielleicht an der Kombination aus der Verhüllung, der völlig irrationalen Situarion und der sichtlichen Verwirrung der anderen Gäste, aber die Islamistin saß da wie ein Gespenst aus einer anderen Welt.
    Als Muslima mit ihrer schweizerischen Sprache verwirrend, mit ihren Thesen islamistisch, die Kleidung an ihr wie Verkleidung. Es wirkte auf mich nicht real, es hätte ebenso eine Schausoielerin unter dem Schleier sitzen und die Rolle spielen können, es hätte nichts geändert.

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